»Das Apple meiner Fantasie« – eine Begegnung mit Eddy Cue

Foto: Jimmy Iovine, Tim Cook, Dr. Dre und Eddy Cue (von links)

Mit einem Auftritt von Florence & The Machine ging Ende September das neunte iTunes Festival zu Ende, das nun unter dem Namen Apple Music Festival firmiert. Wir sprachen dort mit dem Apple-Verantwortlichen fürs Online-Geschäft, Eddy Cue.

Es mag wie ein dramaturgischer Kniff wirken, aber als die Google-Maps-Route zum Londoner Hauptquartier von Apple an ihrem Ende angelangt ist, stehe ich – vor einem Klamottenladen. Ich gebe die Route erneut ein, diesmal in Apples Karten-App, und siehe da: Zwei Minuten später bin ich tatsächlich an der richtigen Adresse. Und nein, es scheint sich nicht um einen jener scherzhaften Bugs auf Kosten der Konkurrenz zu handeln, mit denen man sich im Silicon Valley gerne die Zeit vertreibt. Auch in den kommenden Tagen ist es häufig die nach der Einführung 2012 zu Recht gescholtene Apple-Anwendung, die mich zuverlässiger zum Ziel führt als jene der Konkurrenz aus Mountain View.

»Wenn ich aufwache, ist meine Motivation jeden Tag aufs Neue, einige wenige Produkte so unfassbar gut zu machen, dass sie hoffentlich das Leben der Menschen verbessern«, sagt Eddy Cue. »Manchmal gelingt uns das durch eine Kleinigkeit wie die App iPhone-Suche, welche hilft, das Telefon wiederzufinden, wenn man es verloren oder verlegt hat, manchmal durch etwas so Cooles wie jenes Feature der Apple Watch, das zum Beispiel vor einem drohenden Infarkt warnen kann, weil es medizinische Daten wie die Herzfrequenz und den Blutdruck anzeigt.«

Eddy Cue weiß natürlich genau, dass solche Sätze klingen wie aus dem Werbeprospekt vorgelesen. Seit 1989 hat der Manager bei Apple sämtliche Stadien einer typischen Valley-Karriere durchlaufen. Nach Stationen im Kundendienst und im Entwicklerteam von iTunes ist er seit 2011 für den gesamten Online-Bereich des Elektronikkonzerns zuständig, also auch für den Kartendienst. Vor allem aber ist Cue so etwas wie der inoffizielle Mr. Music bei Apple. Wie jedes Jahr verbringt er zum Zeitpunkt des Interviews eine Woche in London, um sich einige Konzerte der aktuellen Ausgabe des iTunes Festivals im Roundhouse zu Camden anzuschauen. Doch diesmal gibt es einen entscheidenden Unterschied: Wenige Wochen vor Beginn der neunten Ausgabe des seit 2007 abgehaltenen Festivals hat Apple einen eigenen Streamingdienst eingeführt: Apple Music, weswegen das Festival nun konsequent auch Apple Music Festival heißt.

Apple Music Festival_The Chemical Brothers2Foto: The Chemical Brothers / Apple Music Festival

Nicht nur deshalb hat Eddy Cue aktuell besonders gute Laune. Am Vorabend war er mit Kollegen und Freunden beim Take-That-Konzert im Rahmen des Festivals. »Es ist immer ein großer Spaß, Leute in meinem Alter zu sehen, die sich benehmen wie Teenager und jedes einzelne Wort mitsingen«, sagt er. Neben den Boygroup-Veteranen traten von Mitte bis Ende September unter anderem die Chemical Brothers, Disclosure, Pharrell Williams, Florence & The Machine und The Weeknd in Camden auf.

Der gebürtige Münchner Oliver Schusser, Vice President iTunes international, entwickelte das Konzept vor einigen Jahren mit seinem Team. Vor allem durch die Möglichkeit des Zugriffs auf die Konzerte via iTunes entwickelte das Festival über die Jahre eine ideale Mischung aus Exklusivität – das Roundhouse fasst nur knapp 2000 Besucher – und internationaler Breitenwirkung. »Wir lieben Musik, das haben wir immer getan. Und das Festival ist der Ort, an dem wir diese Liebe vor allem ausleben«, sagt Cue. »Es geht hier nicht um Geld, die Leute bezahlen keinen Eintritt, keiner verdient etwas daran, wir betreiben keine Werbung. Und das Roundhouse ist ein magischer Ort.«

Tatsächlich unterscheidet sich das Festival von ähnlichen Veranstaltungen musikfremder Markenartikler. Apple-typisch ist die Halle vergleichsweise dezent gebrandet, außer dem Festivallogo selbst weist kaum etwas auf die prominente Patenschaft hin. So wird das Roundhouse, in dem unter anderem die Rolling Stones, Led Zeppelin und David Bowie spielten und das seit dem UK-Debüt der Ramones als Geburtsstätte des britischen Punk gilt, tatsächlich zu einer intimen, mit liebevollen Details ausgestatteten Kulisse: Die Bühne wird teilweise individuell für den Auftritt des jeweiligen Künstlers angefertigt, Sicht und Sound sind auf allen Plätzen herausragend – ein Rahmen, in dem der überwiegende Teil der hier auftretenden Künstler normalerweise schon seit Jahren nicht mehr zu sehen ist.

»Einer der Höhepunkte war für mich der Auftritt der Foo Fighters«, sagt Cue. »Normalerweise entwickelt sich ein Künstler immer weiter bis zu einem gewissen Punkt – und versucht dann, dieses Niveau zu halten. Die Foo Fighters aber werden von Jahr zu Jahr einfach immer größer. Wodurch ihr Auftritt vor dieser kleinen Kulisse schon etwas sehr Spezielles war.«

Bands wie die Foo Fighters bekommen für ihren Auftritt keine Gage, die Tickets werden verlost. Die Auswahl der Künstler und die Durchführung der Konzerte erfolgt exklusiv über die Apple-eigenen Eventmanager. Die Bereitschaft ehemaliger Festivalgäste wie Oasis, Jack White oder Coldplay unter solchen Bedingungen aufzutreten, verdankt Apple der großen Breitenwirkung sowie seiner über die Jahre gewachsenen Marktmacht im Musikgeschäft, aber tatsächlich auch einem besonderen Gespür für die Bedürfnisse der Musiker.

Apple Exec_Eddy CueFoto: Eddy Cue / Apple Music

»Ein gutes Beispiel sind Disclosure«, sagt Cue, »mit denen arbeiten wir schon lange zusammen. Sie haben eine Radioshow auf Beats1, ihr neues Album ist exklusiv bei Apple Music vorbestellbar, es erscheint am Tag ihres Roundhouse-Auftritts.« Solchermaßen protegiert landete das neue Disclosure-Album Caracal aus dem Stand auf Platz eins der englischen Charts und auch in den USA reichte es noch knapp für eine Top-Ten-Platzierung.

Das tiefe Interesse an Musik wirkt glaubwürdig, es steckte seit der Gründung stets in der DNA dieser Firma – und verschaffte ihr nach der Einführung von iPod und iTunes einen Haufen Geld. Zwei Innovationen aus den frühen Nullerjahren, die bekanntlich die Versäumnisse der traditionellen Plattenindustrie ausnutzten und somit bewiesen, dass man auch im Internet mit Musik Geld verdienen kann. Aus heutiger Sicht allerdings nicht zuletzt ein Beleg dafür, in welch atemberaubendem Tempo die technische Entwicklung in dieser Sparte vorangeht.

Kaum einer hat heute noch einen iPod, downloadbasierte Distributionsmodelle sind zunehmend in die Nische gewandert, Streaming erzielt seit einigen Jahren die höchsten Zuwachsraten. Ausgerechnet hier zögerte Apple lange, nach Meinung vieler: zu lange. Konkurrenten wie Spotify und Tidal (ehemals Wimp) hatten den Markt längst unter sich aufgeteilt, als der Konzern aus dem kalifornischen Cupertino im Juni dieses Jahres sein eigenes Streaming-Portal Apple Music vorstellte – und daraufhin kübelweise mit Kritik und Häme übergossen wurde.

Es entbrannte eine Diskussion, die seit Jahren quasi jede Produktneuheit aus dem Hause Apple begleitet und die teilweise, wie im Falle des angeblich nicht bruchsicheren iPhone 6 Plus, groteske Züge annahm, als man Menschen in Youtube-Videos dabei beobachten konnte, wie sie mit maximaler Kraft und rot angelaufenen Gesichtern ein ebensolches Modell »zum Beweis« ihrer hanebüchenen These verbogen.

Dabei geht es hier natürlich nicht um technische Details, sondern stets um Ideologien. Die Frage, ob Tim Cook der gute Mensch von Cupertino ist oder Apple über die Jahre zu einem gesichtslosen, raubtierkapitalistischen Megakonzert gewachsen ist, beschäftigt die Öffentlichkeit seit Jahren. Schon unter Steve Jobs hieß es immer wieder, der Konzern habe seine Seele verloren, ja verkauft, mit Massenproduktion, Profitstreben, mangelnder Innovation. Allein an der Emotion dieser Debatte lässt sich indes bisweilen ablesen, dass Apple trotz allem immer noch kein Konzern wie jeder andere ist. Die vermeintlichen Argumente klingen oft wie die eines Verlassenen, von der Liebe Enttäuschten.

Apple Music Festival_The Weeknd#2Foto: The Weeknd / Apple Music Festival

Nüchtern und pragmatisch ließe sich im Falle von Apple Music folgendes sagen: Ja, der Dienst ist für Apple-Verhältnisse zunächst wenig intuitiv und leidet unter einer Reihe von Kinderkrankheiten, die allerdings in Teilen bereits korrigiert wurden. Er enthält zudem mit dem Radiosender Beats1, seinen auf besondere Weise individualisierten Playlist-Vorschlägen sowie kuratierten Angeboten aus den Redaktionen von Pitchfork oder Rolling Stone sowie zahlreicher Musiker auch einige der spannendsten Streaming-Features. Zudem ist insbesondere für langjährige Apple-Kunden die Tatsache reizvoll, dass sich die mühevoll aufgebaute iTunes-Bibliothek nun mit dem Streaming-Angebot verknüpfen lässt. Denn trotz 30 Millionen Songs im täglich wachsenden Angebot ist natürlich auch Apple Music nicht »komplett«. Mit einem Satz: Die Diskussion um Apple Music ist einmal mehr eine Stellvertreterdiskussion, in der es eigentlich um die Frage geht, was vom Mythos Apple übrig geblieben ist.

Ein Aspekt, der der Firmenleitung nicht verborgen geblieben ist. In Cupertino gibt man sich seit einiger Zeit weitaus transparenter als früher, als die geheimbündlerische Mentalität des Konzerns einen Gutteil des Mythos Apple ausmachte. Dieser Einsicht sind auch die eingangs zitierten Beteuerungen von Eddy Cue geschuldet. Der Manager weiß: Das ehemals im Vergleich zu Microsoft nahezu avantgardistisch anmutende Unternehmen Apple ist heute ein auf 570 Milliarden Euro Börsenwert geschätzter Megakonzern. Apple hat mit der Einführung von iTunes und iPod die Art, wie wir Musik hören, revolutioniert, mit dem iPhone den Smartphone-Markt quasi im Alleingang erfunden und mit dem iPad das Tablet-Geschäft ins Rollen gebracht – und sieht sich in der Folge all dieser Innovationen seit einigen Jahren mit den ganz realen Problemen eines Megakonzerns konfrontiert.

Glaubt also ausgerechnet ein smarter Topmanager wie Eddy Cue, der noch zur alten Riege um Steve Jobs gehört, tatsächlich an die Mär von der überschaubaren, einzig am Wohle der Menschheit interessierten Apple-Familie? »Das ist jedenfalls das Apple meiner Fantasie«, sagt er. »Die Wahrheit ist natürlich, dass Apple heute um einiges größer ist als noch vor einigen Jahren. Aber in dieser technologisch basierten, innovationsabhängigen Branche bist du immer nur so viel wert wie deine nächste Entwicklung, man kann sich auf nichts ausruhen. Insofern finde ich die Überzeugung für mich persönlich wichtig, dass mein Leben und meine Zukunft abhängig sind von den Dingen, die wir entwickeln. So denke ich darüber – und das tun auch eine Menge anderer Leute, die bei uns arbeiten.«

Es ist immer noch die Liebe zum Detail, die diesen Konzern auszeichnet. Und die ständige Bereitschaft, zu lernen, Produkte wie Apple Maps oder Apple Music kontinuierlich zu verbessern. Nur dass dieser Prozess nun vor den Augen einer größer gewordenen Öffentlichkeit stattfindet.

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