Darkstar News From Nowhere

Darkstar News From Nowhere
DARKSTAR
NEWS FROM NOWHERE
WARP / ROUGH TRADE – 01.02.2013

Der Name des im österreichisch-süddeutschen Raum im 18. Jahrhunderts entwickelten Paartanzes Walzer wurde aus dem Mittelhochdeutschen vom Wort »walzen«, was in etwa »drehen« bedeutet, abgeleitet. Dem ist so, weil der Walzer auf einem 3/4-Takt basiert und die Tanzenden sich wegen der Grundschritte zwangsläufig um die eigene Achse drehen. Aus der Vogelperspektive betrachtet gleicht eine Tanzfläche voller Paare, die den Tanz ausführen, dann auch einer höchst komplexen Maschine mit zig sich drehenden, ineinandergreifenden Zahnrädchen. Diese walzen wegen den unterschiedlichen Größen in unterschiedlichen Kadenzen. Ein polyrhythmisches Konstrukt, das nicht wirklich nachvollziehbar ist und doch ganz bestimmt einer größeren Idee folgt, entsteht.
   Ein ähnliches Bild erscheint vor dem geistigen Auge beim Anhören des bereits im Februar auf Warp Records erschienen Albums News From Nowhere der mittlerweile dreiköpfigen britischen Band Darkstar. Obwohl einige der zehn Songs gänzlich ohne Beats auskommen, ist die Idee von Polyrhythmus auf der LP omnipräsent. Es klickt und klackt, knarrt und raschelt, blubbert und zwitschert – jedes Element seinem eigenen Tempo treu und doch mit den anderen verbunden.
   Dass James Young, Aiden Whalley und der später zur Band gestoßene Sänger James Buttery sich während des Schreibeprozesses dieses zweiten Albums unter anderem von Videos von Uhrwerken inspirieren ließen, überrascht entsprechend wenig; auch nicht, dass sich einige Stellen der LP (»Young Heart's« beispielsweise) tatsächlich des 3/4-Taktes bedienen. Vom Trio zitierte Referenzen wie The Stranglers sind ebenfalls nachvollziehbar. Beim Hören von News From Nowhere kommen jedoch auch andere – zeitgenössischere! – Bands in den Sinn: CocoRosie etwa bei »Armonica«, diesem Kuriosum mit verquerem Beat und den drehorgelhaften Melodien. Oder Radiohead bei »-«, wo James Buttery à la Thom Yorke über einen Klangteppich säuselt. Oder Animal Collective bei »Amplified Ease« und »You Don't Need a Weatherman«, zwei bizarre halluzinogene Popstücke, die stark an Merriweather Post Pavilion erinnern.
   Nachdem sich Darkstar für das Debütalbum North (Hyperdub, 2010) bereits neu in Richtung Synthpop definierte (davor produzierten sie bekanntlich Dubstep), nun also wieder alles anders? Nicht ganz: Denn die vom Vorgänger bekannte Essenz ging nicht komplett verloren. Bei »A Day's Pay for a Day's Work« beispielsweise kann man sich ganz sicher sein, dass hier Darkstar musiziert: Einfache aber effektive Piano-Akkorde, herzzerreißender Gesang, raffinierte Perkussion – das Stück hätte auch auf North einen Platz gefunden. Somit ist das nicht einfache zweite Album gelungen: Weiterentwicklung – check. Wiedererkennung – check.
   Hervorgehoben sei zudem das von Edward Quarmby gestaltete Artwork. Er packt die Doppel-LP in ein gefaltetes, mit Fotografien von Tyrone Lebon versehenes Poster. Dieses wurde wiederum in eine mit den Eckdaten des Albums bedruckte Plastikhülle gepackt. Entfernt man letztere verschwinden somit auch jegliche Informationen. Was bleibt: Bild und Musik – zwei wahrhaft magische Werke, die sehr gut auch ohne Text auskommen.

Darkstar spielen heute Abend beim von SPEX präsentierten donaufestival im österreichischen Krems und am 29. Juni in Düsseldorf beim Open Source Festival. Remo Bitzi is Mitgründer des Schweizer DIY-Musik- und Gegenwarts-Magazins ZWEIKOMMASIEBEN (aktuelle Ausgabe #6 mit u.a. Actress, Black Rain & Raime). Am 11. Mai veranstaltet das Magazin im Sameheads, Berlin, eine Clubnacht mit Martin Meier, Leisure Options u.w.

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