Darkstar »Foam Island« / Review

Diese Platte ist ein Hörspiel ohne Sendefrequenz, eine Dokumentation ohne Skript.

Tief im englischen Norden ist die Welt noch ein bisschen beschissener als im Rest der an sich ja ganz gut situierten EU. Die Armut ist dort so hoch wie in Griechenland oder manchem baltischen Staat. Das Wetter ist mies, bestenfalls langweilig, die Kaufkraft unterirdisch. Huddersfield liegt genau dort, in West Yorkshire. Die Stadt ist etwas kleiner als Kassel und war ebenso federführend in der Entwicklung des britischen Rugby wie in der Textilindustrie. Wie gesagt: war. Darkstar stammen von dort und haben sich zuletzt monatelang in ihre Heimat zurückgezogen, neuerdings, ohne Ex-Sänger James Buttery, auf das Kernduo Aiden Whalley und James Young reduziert. Kaum wieder zu Hause angedockt, schob man dem etwas farb- und fadenlosen zweiten Album News From Nowhere ein munteres, mit Kollegen wie Zomby gebasteltes Mixtape namens Kirklees Arcadia hinterher, das von der Situation vor Ort inspiriert wurde: eine Rückkehr zu den Beats und Cuts aus der Anfangszeit des Duos.

Foam Island verhält sich zu diesem Mixtape, frei nach Lars von Trier, wie ein brüderlicher Melancholia-Schattenplanet auf Kollisionskurs, ebenfalls mit klarem Ortsbezug, konzeptionell und ästhetisch aber entscheidend erweitert. Das Album beginnt wie eine zeitgemäße Dokumentation: mit behutsam auf- und abtauchenden, brummenden Streichern. Dazu gesellt sich die Stimme einer jungen Frau: »Loyality, and kindness, honesty – just basic things.« Ihre Wunschworte werden geloopt und mit den Aussagen zweier weiterer Personen sowie einer Fahrgeschäftdurchsage verwoben. Die Kirmes, Sinnbild der Provinz.

Darkstar haben mehrere Mittzwanziger aus Huddersfield für ihr Werk interviewt. Von einer Straße, die die locals Gaza nennen, ist da zu hören, von einer Person, die sich selbst als »nicht materialistisch« einschätzt und vom Eigenheim träumt. Ein anderer glaubt, noch immer eine Zukunft in der Gegend zu haben, solange Familie und Freunde auch hier seien. Sicherheitsansagen im öffentlichen Raum werden ungefilterter Folklore gegenüberstellt: »Show them where you are from!« Und, seit Thatcher nicht weniger verbreitet: das ewige Mantra vom Sparen. 83 Millionen habe die Stadtverwaltung bereits eingespart, sagt eine freundliche Sprecherin im Song »Cuts«, nur weitere 69 Millionen fehlten noch zum Ziel.

Darkstar sparen schon einmal vor. Ihre Musik ist hörbar zusammengekürzt. Das Gros ist atmosphärische Stimmungsmacherei mit Keyboards, Streichern und Effekten, die die fragilen Beats einspinnen. Auch Aiden Whalleys Gesang bleibt brüchig. Songs von der Machart des frühen Hits »Aidy’s Girl Is A Computer« finden sich zwar nicht auf Foam Island, dafür ist das Werk ein Hörspiel ohne Sendefrequenz, eine Dokumentation ohne Skript geworden. Alles, nur keine Schaumschlägerei. Am Ende dieser Platte, die mit einem dumpf-dröhnenden Ton schließt, hat man Gefühle, die keine Online-Petition bekämpfen kann.

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