Daphni Jiaolong

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Daphni Jiaolong Jiaolong / Alive — 12.10.2012

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Das Album Swim von Caribou alias Dan Snaith erinnerte in seiner Omnipräsenz an große Konsensmomente der jüngeren Popgeschichte: an Superdiscount, Daft Punk oder auch The Whitest Boy Alive. Die Presse feierte Caribou wie einen Messias, der »Indie« und »Club« ein für allemal versöhnen würde. Dass soviel Geschmacksharmonie nicht nur bei post-pubertären Querulanten Hassliebe hervorrufen kann, hat Dan Snaith sicherlich mitbekommen. Also Schluss mit Schmusekurs? Vielleicht hat der in London lebende Kanadier das House-Projekt Daphni nicht zuletzt deswegen ins Leben gerufen, um all diesen Zuschreibungen etwas entgegenzusetzen.

   Jiaolong, benannt nach Snaiths eigenem Label, auf dem er die bisherigen Daphni-Maxis veröffentlichte, verbreitet jedenfalls eine überraschend punkige Draufloshaltung. Alles scheint möglich. Die unbehaglichen Acid-Basslines, die neurotisierenden Synthies und die transzendenzverdächtigen Flötenarpeggi sollen aber nicht bloß spleenig und antikommerziell klingen. Im Gegenteil: Snaith bringt geschickt Massagen für die Massen unter, ein fast schon in Armand-van-Helden-Manier gefiltertes Soul-Sample zum Beispiel oder eine lapidar pumpende Kickdrum. Und mit der Bassline aus Jaydees 90er-Jahre-Gassenhauer »Plastic Dreams« neckt er in seiner Version von Cos-Ber-Zams »Ne Noya« spitzbübisch das kollektive Unbewusste.

   Snaiths sympathischer Populismus kriegt aber immer im richtigen Moment die Kurve. Wenn es amtlich werden könnte, biegt er ab in Richtung dysfunktionale Schrulle. Zaudern und Zögern sind Techniken, die sich Snaith von seinem Idol Theo Parrish abgeguckt haben dürfte, auch die aufgetragene historische Patina erinnert an dessen Deep-House-Auslegung. Soul-Samples oder Afrobeat-Patterns sind hier allemal mehr als Zierde, nämlich Hinweise darauf, dass die Clubmusik mit weit mehr historischen Verweisen aufwarten kann, als uns ein platzhirschhafter Dancefloor-Funktionalismus erzählen will. Im Stück »Jiao« ist sogar richtig schweinisch daddelndes Progrock-Georgel zu hören – großartig! Im Vergleich zu vielen aktuellen House-Produktionen klingen die Tracks angenehm dreckig, in einigen hängt so viel Schmutz wie in einem schrabbeligen Clubkeller ohne Frischluftzufuhr. Jiaolong erinnert denn auch an eine Zeit, in der House-Musik an gefährliche Orte gehörte und noch niemand etwas von Corporate Raves und LED-Spektakeln überm DJ-Pult ahnen konnte. Mit Daphni schürt Snaith bewusst sentimentale Sehnsüchte, definiert dabei aber das, was wir unter »Indie House« verstehen, noch einmal neu und aufregend anders.

   Das nächste Woche erscheinende Album hat Resident Advisor bereits im Stream. Das Video zu »Paris« ist hier zu sehen.

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