Danny Brown: Last Man Standing

Gerade ist Atrocity Exhibition, das vierte Studioalbum von Danny Brown, erschienen. 2013 nahm SPEX den Vorgänger Old zum Anlass, um mit dem Rapper über seine Heimatstadt Detroit zu sprechen und ihn dem musikalischen Maskottchen der Stadt gegenüberzustellen – dem real Slim Shady, Eminem, der zur selben Zeit seine Combackplatte The Marshall Mathers LP 2 veröffenlichte. Beim Lesen wird klar, was für einen Sprung Brown mit seinem neuen Album gemacht hat: Fiel er damals noch hauptsächlich durch seinen keifenden Rapstil und sportlichen Molly-Konsum auf, etabliert er auf Atrocity Exhibition so etwas wie ein neues Genre, den Post-Punk-Rap. Zu Orgeln, The-Cure-Bässen und allerhand regenschwerer Melancholie-Lautmalerei ist Brown eines der Alben des Jahres gelungen. Zur Feier des Tages gibt es nun den Text aus SPEX Nr. 349 in voller Länge online. Im November präsentieren wir zudem Danny Brown live.

Detroit ist Amerikas ewiger Patient, seit Jahrzehnten treibt es die ehemals stolze Stadt von Tiefpunkt zu Tiefpunkt. Zu ihren wenigen individuellen Erfolgsgeschichten gehörte zuletzt der Aufstieg des Rappers Danny Brown, der so lange mit seinem Status als HipHop-Sonderling haderte, bis er vollends in der Rolle aufging. Browns Werdegang vom Außenseiter zum Original erinnert an die ersten Karrierejahre eines weiteren Detroiter MC, der dieser Tage ebenfalls ein neues Album vorlegt. Mit The Marshall Mathers LP 2 versucht Eminem dem Abstieg in die Bedeutungslosigkeit zu entgehen. Ein Kampf, den seine Heimatstadt in Browns Augen schon verloren hat.

Danny Brown ist alles egal. Es gibt Interviews mit ihm, Videointerviews, in denen er ganz offensichtlich ganz furchtbar high ist und trotzdem noch zur Sicherheit die Dose vorführt, in der er seine nächste Ladung Molly herumträgt. Es gibt auch YouTube-Clips von ihm, die einen Vorfall in Minneapolis zeigen: Während eines Konzerts klettert Brown auf das Absperrgitter vor der ersten Zuschauerreihe und wehrt sich bestenfalls halbherzig, als ihm eine Besucherin an Wäsche und Geschlechtsteil geht. Es kommt zum wahrscheinlich kürzesten Blowjob, der jemals filmisch festgehalten wurde. Das Internet reagiert auf den Vorfall gleichermaßen amüsiert und schockiert. Brown, dessen Texte ohnehin mit Beschreibungen ähnlich gelagerter Vorfälle gepflastert sind, wird als weitere, in diesem Fall buchstäblich schwanzgesteuerte HipHop-Hohlbirne verdammt und als Opfer sexueller Nötigung verteidigt. Auch seine eigene Reaktion ist ambivalent. Einerseits betont er, fehlerfrei weitergerappt zu haben. Andererseits bedauert er, nicht richtig hart geworden zu sein.

Falls Kwame Kilpatrick in seiner Gefängniszelle von den Ereignissen in Minneapolis gehört haben sollte, wird er sich wahrscheinlich gefragt haben, was die ganze Aufregung soll. Der 43-jährige Detroiter ist Skandale ganz anderer Kragenweite gewohnt. Anfang Oktober wurde er zu 28 Jahren Haft verurteilt, zu den Highlights seiner kriminellen Laufbahn gehören Schutzgeld- und herkömmliche Erpressung, Bestechung, Steuerhinterziehung, Meineid, Prostitution und andere Klassiker des organisierten Verbrechens. Für den vorliegenden Artikel ist das relevant, weil Kwame Kilpatrick von 2002 bis 2008 Bürgermeister von Detroit war. Seine persönlichen Verfehlungen haben der Stadt in einer ihrer ohnehin schwersten Phasen unkalkulierbaren Schaden zugefügt. Freunde und Verwandte wurden mit erfundenen Jobs versorgt, Aufträge aller Art gingen zu überhöhten Preisen an alte Geschäftspartner. Richterin Nancy Edmunds, die das Urteil über Kilpatrick sprach, machte ihn verantwortlich für das vergiftete politische Klima in Detroit, für Zynismus und Apathie, die Besitz von der Stadt ergriffen hätten. Kilpatrick sagte, ihm tue das alles sehr, sehr leid.

Noch mal: Danny Brown ist alles egal. Ein Gespräch über Lokalpolitik ist mit ihm nicht zu machen. Er glaubt, seine Schuldigkeit dadurch zu tun, überhaupt noch da zu sein. Brown wird 1981 als Daniel Sewell in einem Detroiter Problembezirk geboren und wächst in einem anderem auf, je nach Sichtweise ist er weder East- noch Westside – oder halt beides. Keine Zweifel bestehen nur daran, dass Brown ein Kind der Stadt ist. Seine Geschichte und ihr Verfall sind eng miteinander verbunden. Die Mutter ist dabei, als der Sohn seinen ersten Joint raucht; gutes Gras wird im Haus der Sewells geteilt, tabu sind ohnehin nur Crack und Heroin, der Onkel lebt als abschreckendes Beispiel auf dem Sofa. Der Vater ist DJ und macht den Sohn mit Detroit Techno bekannt, bevor er auf Drogendeals umschwenkt und aus dem Familienleben verschwindet. »Bis ich die Stadt zum ersten Mal verlassen habe, dachte ich, dass Musik überall klingt wie in Detroit«, sagt Brown heute. »Mir war überhaupt nicht bewusst, dass es noch etwas anderes gibt als House und Techno.«

Auf seinem ersten kommerziellen Album Old speist sich der Sound von Danny Brown mehr denn je aus der elektronischen Musikgeschichte Detroits. Brown rappt über freischwebende Beinahe-Beats von alten Weggefährten wie SKYWLKR und Paul White. Er nimmt es mit den soundscapes neuer Bekannter wie Purity Ring und Rustie auf, die nur darauf zu warten scheinen, weniger talentierte Rapper aus dem Tritt zu bringen. Ein HipHop-Album mit vergleichbarem musikalischen Unterbau hat es noch nicht gegeben; Brown sieht das eher pragmatisch als aufgeregt und betont die Geduld, mit der er auf die passenden Instrumentals gewartet habe. Tatsächlich war Warterei schon immer wichtig für seine Karriere: Zum ambitionierten MC wurde der Zeitvertreibs-Rapper erst, nachdem er mit Anfang 20 als Drogendealer aufflog und für zehn Monate in den Knast ging. Sein Bruder schickte Texte von Nerd-Rap-Legende MF Doom ins Gefängnis, Brown studierte sie und begann schließlich, die eigenen Reime mit größerem Ernst zu schreiben. Auf die Detroiter Straßen kehrte er als Vollzeit-MC zurück. »Ich merkte dann schnell, dass die Leute, mit denen ich Drogen verkauft hatte, meine Musik niemals akzeptieren würden.«

Die Probleme fangen schon damit an, dass Danny Brown nicht aussieht wie ein Rapper. Frisur, Kleidung, Körperbau: Alles ist entweder zu viel oder zu wenig. Die ersten Karrierejahre verbringt Brown noch mit vergeblichen Anpassungsversuchen, erst auf dem 2011 veröffentlichten Mixtape XXX scheint er die Möglichkeiten zu erkennen, die ihm seine einmalige Mischung aus Einflüssen und Eigenschaften eröffnet. Die Beats werden härter und elektronischer, die Texte betrachten erprobte Rap-Themen aus einem selten gebrauchten Verlierer-Blickwinkel. Drogen und Sex bleiben trotz teilweise grotesker Zuführungsformen wirkungslose Antidepressiva. Die eigene Schaffenskraft wird nicht gefeiert, sondern als Bürde empfunden – Worte, die sich reimen, verfolgen Brown bis in den seltenen Schlaf. Weil er mit einer Aufstiegs- oder Entkommensgeschichte noch nicht dienen kann, rappt er einfach, was er sieht. »Where I lived«, heißt es einmal auf XXX, »it was house, field, field / Field, field house.«

Es gibt mittlerweile Gegenden von Detroit, in denen es eher nach »Field, field, field / Field, field, field« aussieht. Mitte des 20. Jahrhunderts lebten knapp zwei Millionen Menschen in der Stadt. inzwischen sind es noch 700.000. Zehntausende Häuser stehen leer. Das schleichende Sterben der Autoindustrie wurde jahrzehntelang durch Job-Programme im öffentlichen Sektor aufgefangen. Detroit brüstete sich lange mit einem der gesündesten Mittelstände Amerikas. Heute fressen Prämien, Pensionen und fehlende Steuereinnahmen der ohnehin kahlen Stadt die letzten Haare vom Kopf. Kurz nachdem Kwame Kilpatrick im Herbst 2008 als Bürgermeister zurücktritt, steigt die Arbeitslosenquote auf 25 Prozent, noch heute liegt sie zehn Prozent über dem Landesdurchschnitt. Im vergangenen Juli erklärten Detroits Finanzverwalter die Stadt für bankrott, ihre Schulden belaufen sich derzeit auf mehr als 20 Milliarden Dollar.

»In Detroit gehen nur Leute auf Partys, die erschossen werden wollen.«

Trotzdem gibt es Menschen, die noch an Detroit glauben. Sie weisen auf kleinere Erfolge bei Chrysler und General Motors hin, begrüßen die jüngsten Investitionen unabhängiger Immobilienfirmen und erkennen politische und kulturelle Chancen zum Neuanfang im heruntergewirtschafteten Zustand der Stadt. Danny Brown gehört nicht zu diesen Menschen. Sobald er das nötige Geld zusammenhatte, zog er ins vorörtliche, vergleichsweise solide Royal Oak. Mit seinem neuen Album, das er vor allem in der zweiten Hälfte als rasanten Drogenabsturz inszeniert, will er gar nicht mehr anbieten als einen Fluchtweg – der aber führt vorbei an Orten und Dingen, die kaum weniger verheerend sind als ein leerer Detroiter Straßenzug. Ob die Leute seinem Vorbild folgen, möchte man von Brown wissen, ob sie wirklich härter feiern, seit das Schicksal ihrer Stadt besiegelt scheint. »Die Leute feiern hier überhaupt nicht mehr«, antwortet er. »In Detroit gehen nur Leute auf Partys, die erschossen werden wollen.«

Brown spricht ohne Empathie über Detroit, die Lage der Stadt hat er als ebenso unveränderbare Lebensrealität kennengelernt wie die House- und Techno-Lektionen seiner Kindheit. Detroit habe ihn niemals gefördert, sagt er, es wollte ihn nicht hören und will auch niemanden sonst hören, der seine verdienstreiche Musikgeschichte heute weiterschreibt. Fragt man Brown, wie er die Reaktionen Detroiter Künstler auf die in den letzten Jahren nochmals zugespitzte Situation beurteile, fragt er zurück, welche Künstler das überhaupt sein sollen. Ein paar Leute fallen ihm ein, die versucht hätten, sich in neu entstandenen Freiräumen auszubreiten. »Am Ende des Tages fehlen aber einfach die Möglichkeiten. Die Menschen hier kümmern sich nicht um einander. Jeder kämpft für sich selbst. Wer es sich leisten kann, zieht weg.«

Brown ist ausgerechnet auf den einen Detroiter Musiker besonders schlecht zu sprechen, dessen Geschichte sein eigener Werdegang immer wieder zu gleichen scheint. Auch Marshall Mathers durchlebte prägende Jahre als HipHop-Außenseiter, der keinen Fuß in die Tür kriegen wollte, auch bei ihm hatte das nicht zuletzt mit Äußerlichkeiten zu tun. Wie Brown kompensierte er fehlende Verbindungen durch Schreib- und Rap-Übungen im stillen Kämmerchen. Vom jungen Eminem erzählt man sich, er habe wochenlang über nie veröffentlichten Texten gesessen und immer weiter daran gefeilt, bis sie nur noch aus Reimworten bestanden. Deutlicher noch als am Beispiel ihrer Lehrjahre werden die Parallelen zwischen den Rappern aber in ihren besten Momenten. Brown und Eminem teilen das Talent, bis ins absurde übersteigerte Geschichten erzählen zu können. Ihr Sinn für Schwarzen Humor und Situationskomik macht Beobachtungen zu guter Unterhaltung, für die sich andere Leute schon beim Denken schämen.

»Eminem ist scheißegal, was mit Detroit passiert. Er lebt ja nicht mal mehr hier.«

Brown lässt uns das als »typisches Detroiter Ding« durchgehen. »Wir sagen unerhörte Sachen, aber auf die lustige Tour. Also ist es cool.« Auf Eminem wird er trotzdem nicht gerne angesprochen. Brown weiß, dass es für einen Rapper wie ihn, der derzeit alle relevanten Outlets des amerikanischen Musikjournalismus hinter sich vereint, bessere Gesellschaft gibt als den längst in Kritiker-Ungnade gefallenen Eminem. Einen Plattenvertrag mit dessen Label Shady Records soll Brown ausgeschlagen haben. Beim selben Management unterschrieb er dagegen, ohne das an die große Glocke zu hängen. Lieber ärgert er sich darüber, dass Eminem seiner Ansicht nach noch heute seine Detroiter Herkunft benutze, um sich als Mann der Straße in Szene zu setzen – obwohl er die Stadt längst im Stich gelassen habe. »Eminem ist scheißegal, was mit Detroit passiert. Er lebt ja nicht mal mehr hier.«

Am Video zu Eminems Comeback-Single »Berzerk« kann man das nicht erkennen. Der wieder erblondete 41-Jährige trägt darin Fanartikel der Detroit Pistons, einer Basketballmannschaft, deren Entwicklung zuletzt Hand in Hand mit dem Abstieg ihrer Heimatstadt einherging. Weitere Kennzeichen des streng auf Retro gebürsteten Clips: 80er-Jahre-Rick-Rubin-Gitarren, Rubin selbst als verlotterter ZZ-Top-Drilling, Scratches, Boombox, BMX-Räder, Störstreifen wie auf Videokassetten und, im Ernst jetzt, ein Kangol-Hut. Eminems neues Album heißt The Marshall Mathers LP 2, vom indirekten, inzwischen 13 Jahre alten Vorgänger hat er mehr als 20 Millionen Exemplare verkauft. Die neue Platte ist, wie immer bei Künstlern, die in seiner Liga spielen, nicht bloß eine neue Platte. Sie ist ein Comeback, inszeniert diesmal als vollkommene Rückbesinnung auf vergangene bessere Zeiten.

Es steht zu befürchten, dass sich Eminem damit am Zeitgeist vorbeiinszeniert. Neben Danny Browns Old, das als vollkommene Reizüberflutung über einen hereinbricht, wirkt das Gehampel in dem »Berzerk«-Video brav und verkrampft. Ob Eminem mit The Marshall Mathers LP 2 etwas beizutragen hat, das über die Bestimmung des eigenen Standorts hinausgeht, bleibt auch nach der zweiten Single »Survival« unklar. Der Song ist ein Statement der Stärke, eine Rückversicherung der eigenen Relevanz, die vor allem Eminem selbst zu benötigen scheint. Befreit von diesem Kontext zerfällt »Survival« in Durchhalteparolen, die von jedem dahergelaufenen MC kommen könnten, nur nicht ganz so gut gerappt natürlich.

Brown liefert schon deshalb mehr, weil er Old als Detroiter Geschichte und sich selbst als letztes verrücktes Huhn in der Stadt verortet. Künstler wie er treten dort auf, wo Politiker wie Kwame Kilpatrick das Sagen haben. Zwischen den Zeilen erscheint jeder chemikalische, sexuelle oder familiäre Fehltritt als Folgeerscheinung des Lebens in einer verkorksten Stadt. Trotzdem bleibt immer wieder zu bedenken: Danny Brown ist alles egal. Was ihm mit Old gelingt, ist lediglich die derzeit attraktivere Version des Augenverschließens. Sollte er sie jemals wieder öffnen, wird er die größten Pupillen von allen haben.

Dieses Porträt erschien in SPEX Nr. 349, die es in unserem Shop weiterhin versandkostenfrei zu kaufen gibt.

SPEX präsentiert Danny Brown live
25.11. Berlin – Yaam
26.11. Frankfurt – Gibson
27.11. Köln – Kantine
29.11. Hamburg – Uebel & Gefährlich

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