Daniel Galera „So enden wir“ / Review

So enden wir, der fünfte Roman des brasilianischen Autors Daniel Galera, ist Existenzialismus für das Informationszeitalter: Sisyphos Aufgabe führt nicht mehr in die Freiheit, sondern ist zur bloßen Strafe geworden.

Nach vielen Jahren treffen sich Aurora, Antero und Emiliano am Grab eines alten Freundes wieder. Duke, exzentrisches, undurchschaubares Schreibgenie, wurde bei einem Raubüberfall erschossen. Es ist das Jahr 2014, die Stadt Porto Alegre in Rio Grande do Sul ächzt unter der sengenden Hitze des brasilianischen Sommers. Eine diffuse Verzweiflung liegt in der Luft. Der Tod ihres Freundes zwingt die drei Protagonisten im neuen Roman des brasilianischen Autors Daniel Galera zur Bestandsaufnahme ihres Lebens. Was ist aus den Träumen ihrer Jugend geworden? Diese Sehnsucht nach einer Sinnhaftigkeit des eigenen Tuns bildet den Auftakt für eine existenzielle Reise durch die Untiefen der menschlichen Abgründe, Sehnsüchte und Hoffnungen.

Dabei geht es dem 39-jährigen Autor niemals um eine Rückverzauberung der modernen Welt in einen sinnhaften Zustand. Das Magische oder Fantastische sind ihm fremd, Galera findet seine Antworten in der Realität, im spezifischen Detail, in der Nahaufnahme. So enden wir widmet sich dem Intimen, Unangenehmen und doch zutiefst Natürlichen. Der Roman verhandelt seine Themen in Introspektionen, die sich wie ein großer Spiegel auf die gesamte Menschheit projizieren lassen. Warum werden die Sehnsüchte des Individuums zum Motor der kollektiven Zerstörung? Die Antwort auf diese Frage wurde schon millionenfach gegeben – und scheint doch niemals zufriedenzustellen.

Mit So enden wir begibt sich Galera tief in dieses Spannungsfeld zwischen Sinnsuche und Sinnlosigkeit, er beschwört mit expliziten Referenzen einen der Väter der Existenzphilosophie. Schon in den frühen Vierzigerjahren schrieb Albert Camus in Der Mythos des Sisyphos über die ausweglose Situation des modernen Menschen. Unermüdlich rollt dieser seinen Stein den immer selben Berg hinauf. Immer wieder scheitert er. Erst im Annehmen der Absurdität seines Tuns findet er Freiheit – und wird zum glücklichen Menschen. Die Protagonisten in So enden wir können diese Erlösung noch nicht so einfach vollziehen, zu tief sind sie in den großen und kleinen Katastrophen der Gegenwart verwurzelt. Sie bleiben auf der Suche nach einem Geheimnis, das es gar nicht gibt.

Diese Rezension erschien in unserer aktuellen Printausgabe SPEX No. 379, die weiterhin am Kiosk oder versandkostenfrei im Shop erhältlich ist.

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