Dan Deacon Gliss Riffer

Pop. Mit Andeutungen von Minimal Music, Sinfonie und Techno. Oder einfach nur die DD-One-Man-Show: Dan Deacons Gliss Riffer. Spex.de präsentiert das komplette Album schon vor der Veröffentlichung am kommenden Freitag.

Vom Grindcore-Gitarristen zum Schlafzimmer-Indietronica-Bastler zum opulenten Arrangeur und »Orchester«-Leiter: Dan Deacon hat schon einige Mutationen hinter sich. Für sein geschätzt siebtes Studioalbum Gliss Riffer wollte sich der Tausendsassa und Mittdreißiger aus Baltimore wieder mehr zurückziehen, ins Daheim, ins Eigene, ins Ich. Dann kam, nachdem Deacon unter anderem bereits Deerhunter und die tollen No Age begleitet hatte, eine Toureinladung von Arcade Fire. Wenn (Ex-)Indie-Superstars anklopfen und den Nightliner schon vor der Haustür geparkt haben, kann man schwer nein sagen. Deacon packte also seine Sachen und feilte auf Tour weiter an den neuen Stücken. So entstand eine seltsam entrückte, sympathische Weltmusik. Welt bedeutet hier: Betonung der Offenheit, Nutzung der Möglichkeiten, weite Felder. Ein Song wie »When I Was Done Dying« scheint zugleich das Leben on the road und auch etwas sehr Intimes aus der Künstlerseele ein- und auszuatmen.

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Deacons Stücke funktionieren wie Behauptungen. Und weil nicht immer alles begründet werden muss, soll auch hier behauptet werden: Diese wundervollen, zappeligen Momentaufnahmen erinnern mich an meine erste Begegnung mit der fantastischen Musik von The Postal Service. Das neue Millennium war gerade angebrochen, ich war auf Entdeckungsreise in der Vermischungsmetropole Toronto unterwegs, als sie plötzlich, in einer Seitenstraße und nach einem Eimer Bier, vor meinen Ohren stand und mich nicht mehr losließ. Dan Deacons Gliss Riffer lässt einen auf ganz ähnliche Weise an ein weites, knallbuntes Draußen glauben, schiebt jegliche apokalyptischen und wutbürgerlichen Szenarien einfach zur Seite. »Learning To Relax« kann die Welt ein bisschen besser machen oder zumindest besser klingen lassen, so wie es einst eben »The District Sleeps Alone Tonight« von The Postal Service tat.

In der Werberhetorik nennt man das: Heterogenität als Chance. Bei Deacon ist es: versponnene, spielerische Komplexität im Einfachen. Oder: das Ausgedehnte hinter dem scheinbar Schlichten. Also Pop. Doch Achtung, Andeutungen von Minimal Music, Sinfonie und Techno könnten die aufmerksam Zuhörenden aufhorchen lassen. Selbst die vermeintlich weiblichen Vocals sind bloße Behauptung und stammen ebenfalls von der DD-One-Man-Show. Damit empfiehlt sich Deacon als das bescheidenste Großmaul seit langer Zeit. Aufreißen könnte er seinen Mund tatsächlich, zum Beispiel angesichts diverser Projekte wie einer Performance und eines Soundtracks für Regisseur Francis Ford Coppola (Der Pate, Apocalypse Now, Cotton Club) sowie einiger weiterer Filmmusiken. Aber genau das macht Deacon eben nicht. Demut und Bescheidenheit rulen mehr als okay. Diese Musik funkelt ohnehin von alleine. Braucht sie überhaupt noch irgendwelche Kontexte?

Dan Deacon live
20.02. Berlin – SchwuZ

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