Dakota Suite

Der Anblick eines Lederballs, auf den neunzig Minuten lang unsanft eingetreten wird, hat auf manche Menschen, die im wahren Leben höflich-stille Zeitgenossen sind, eine erstaunliche Wirkung. Wer ein Stadion betritt, legt am Einlasstor mitunter auch gleich seine Hemmungen ab, reduziert den Sprachschatz auf wenige rüde Beschimpfungsfloskeln und schraubt die Stimme ein paar Dezibel nach oben. Vielleicht macht auch Chris Hooson Woche für Woche eine solche Metamorphose durch, wenn er die Spiele seines Lieblingsklubs, dem FC Everton, verfolgt. Er mag sie in sich tragen, eine lautere, lebensbejahende Seite seiner Persönlichkeit. Jenseits des Rasens, der betonierten Fankurven und Absperrgitter, behält der englische Musiker etwaige Facetten jedenfalls für sich.

    Schon sein bisheriges Werk zeichnete sich durch äußerste Introvertiertheit aus: Zermürbte Singer-Songwriter-Aufnahmen, die einsam in finsteren Ecken kauerten. Die Schwermut eines Will Oldham klang dagegen beschwingt und zufrieden. »The End of Trying«, das neue Album von Hoosons Projekt Dakota Suite, führt diesen kalkulierten Trübsinn mit anderen Mitteln fort und hebt ihn auf eine neue Stilebene. Denn die 16 rein instrumentalen Songs der LP sind mit gängigen Erklärungsmustern des Pop nicht mehr zu greifen. Ihre reduzierten Arrangements, die sich nur Piano und Cello bedienen, verweisen atmosphärisch vielmehr auf den fröstelnden Jazz skandinavischer Prägung, etwa auf die tränenunterdrückten Arbeiten eines Jan Garbarek. Die vorsichtig angeschlagenen Tonfolgen des Klaviers, unter die sich kaum ein Dur-Akkord mischt, laden dazu ein, das Licht auszudrehen und bei einer Tasse Schwarzen Tee dem Schneegestöber hinter dem beschlagenem Fenster zuzuschauen. Doch letztlich bleibt dieser dem Ernst der Stimmung angepasste Vortrag für Hooson ein Auswärtsspiel.

    »The End of Trying« ist eine stringente Platte, die sich keinerlei Ausbrüche erlaubt. Allerdings vermisst der Hörer die expressive Kunstfertigkeit, die von einem Album, dass sich derart weit von der U-Musik entfernt, zu erwarten wäre. Feinfühlige Solos und Improvisationen, Elemente, mit denen Geschichten erzählt werden könnten, finden keinen Platz. Stattdessen reiht der Mann aus Leeds, der von dem renommierten Cellisten David Darling zurückhaltend begleitet wird, kurze Szenen aneinander, die fortwährend die gleiche Schwarz-Weiß-Aufnahme einfangen. Hooson hat gewissermaßen den Soundtrack für den fiktiven zweiten Teil von »American Beauty« geschrieben. Klangskizzen, zu denen eine dünne Plastiktüte ewig die asphaltierte Straße entlang weht, hoffnungslos dem Willen des Windes folgend. Das berührt für den Augenblick, gerät in der ständigen Wiederholung jedoch zum müden Standbild.

LABEL: Karaoke Kalk

VERTRIEB: Indigo / Morr Music

VÖ: 30.01.2009

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