Dagobert im Interview: »Ich gehe in den Dschungel«

»Dagobert und Schlager: Das geht nicht zusammen!«, sagt Dagobert   FOTO: Fabian Frost

Dagobert, der »Schnulzensänger«, prägte das Jahr wie nur wenige andere. Das große Interview, kurz vor seiner großen Weihnachtsshow heute Abend in Berlin, über Fernsehgarten, Stalkertum, Musik für die Welt, seine Rettung – und warum er 2014 in den Dschungel geht.

Zum Gespräch in seiner alten Berliner Wohstätte, dem Cafe Ribo in der Ackerstraße, erscheint er als unrasierte, aber freundliche Altkleidersammlung für arme Motorbiker. Sechs Schichten, hauptsächlich Kunstleder, hat er über den langen, dünnen Körper gezogen. »Ich habe noch immer meine zwei Tüten Kleidung und mittlerweile aber auch so einen Scheiß wie eine Nebelmaschine«, lautet dann ein erstes Fazit zu dem Jahr, in dem er endlich sein Debütalbum veröffentlicht hat – von SPEX als »ernsthaft guter Kitsch« ausgewiesen.

Es war nicht der erste musikalische Gehversuch für Dagobert, der schöne Dinge und Menschen zumeist als »süß« bezeichnet, alles andere als »beschissen«. Früher hat er sich ausschließlich Nietzsche befasst (»Alles zehnmal!«), dann hörte er ganz zu lesen auf, zog sich später für fünf Jahre allein auf eine Berghütte seiner Schweizer Heimat zurück, um eine unerwiderte Liebe zu einer älteren Frau zu verarbeiten – und zu einer wunderlichen, einfachen Sprache zu finden, die ihres gleichen sucht, fälschlicherweise jedoch mancherorts dem Schlager zugerechnet wird. Mittlerweile plagen den Hünen allerdings wieder Schreibblockaden.

Dagobert, wie geht es Ihnen?

Heute bin ich etwas verkatert, da ich gestern sechs verschiedene Weine durcheinander gesoffen habe. Aber es ist ein angenehmer Kater, keine Kopfschmerzen, nur etwas verblasen.

Wie steht es um das Schreiben? Man erzählte mir, da kriselt es gerade.

Ich versuche tatsächlich jeden Tag, zu schreiben, nehme mir die Zeit. Gerade habe ich aber nicht gerade eine produktive Phase: zwei Songs in eineinhalb Jahren … und einer davon ist eher mäßig.

Das heißt, man muss sich auf ein neues Dagobert-Album noch lange gedulden?

Nein, nein. Ich nehme Ende diesen Monats ein Neues auf. Das ist mein mittlerweile Fünftes. Das Zweite ist fast aufgenommen, das Dritte auch beinahe komplett vorproduziert. Das Vierte wird wahrscheinlich ein Livealbum, beim Fünften weiß ich auch schon Titel und die Songs, nur soundmäßig hapert es noch. Am Sechsten arbeite ich auch bereits.

Aber Sie hatten doch vor Dagobert, Mitte 2012, kurzzeitig ein anderes Album bei zwei Streamingdiensten eingestellt. Dann wären es schon sechs.

Nein, das war nur ein Demo. Ein Freund von mir hatte noch ein paar Labelcodes übrig und hatte mich überredet, sie online zu stellen. Aber das hatte keine große Wirkung, weshalb wir sie schnell wieder heruntergenommen haben. Da gab es mich eigentlich noch gar nicht. Kein Plattenvertrag, erst ein paar Auftritte.

Sie spielten damals auch noch Lieder wie »Warum, Wieso, Weshalb«, die mittlerweile verschwunden scheinen.

Das kommt auf das zweite Album. Ich glaube, das ist mein Hit, obwohl ich mich sehr für ihn einsetzen musste. Der erste Produzent hat den Song sogar extra schlecht aufgenommen, weil er ihn nicht mag, und meine Managerin mag ihn sogar noch weniger.

Warum hängen Sie so an dem Stück?

Mir macht er gute Laune. Und früher kam er live immer gut an. Er fällt einfach etwas aus dem Raum. Ich mag den Song. Vielleicht spiele ich ihn auch heimlich bei den Weihnachtskonzerten.

Wie lange sind Sie damals eigentlich noch durch die Bars von Berlin getingelt?

Ach, das mache ich eigentlich noch immer. Die Konzerte sind nur unwesentlich größer geworden. Meinen ersten Auftritt hatte ich noch hier, im Café, wo ich damals gewohnt hatte. Mit dem Plattenvertrag zwei Jahre später wurde dann alles etwas upgegradet.

In dieser früheren Zeit soll auch der Musikantenstadl bei Ihnen angefragt haben. Anders als beim ZDF Fernsehgarten in diesem Jahr lehnten Sie aber ab.

Jetzt würde ich das sofort machen. Damals war das aber echt komisch. Ich saß auf meinem Berg (in der Schweiz) und hatte gerade mein erstes Demo an Universal Schweiz geschickt. Der Chef der Schlagerabteilung von Koch Records, die zu Universal gehörten, kam hoch zu mir und wollte einen Schlagerstar aus mir machen, die Songs ganz neu produzieren, richtig Hardcore-schlagermäßig. Da konnte ich einfach nicht mitmachen. Der Musikantenstadl-Auftritt war da nur Teil des Standardpakets. Später, als ich mit dem (Markus) Ganter zusammen saß, haben wir meinem jetzigen Label Buback, das alles finanzierte und – wie abgesprochen – erste Zwischenergebnisse hören wollte, diese Schlagerdemos geschickt. Die sind durchgedreht.

Da heutzutage fast jeder im Schlager über Technobeats singt, von Michael Wendler bis zu den Wildecker Herzbuben, fällt Ihre finale, synthielastige Albumproduktion da ohnehin schon wieder hinten raus.

Ich mache eh keinen Schlager, ich behaupte das immer nur. Aber der Wendler ist doch geil, oder? Der stirbt nie.

Wie haben Sie denn den Fernsehgarten erlebt?

Der war leider sehr schlecht besetzt. Mich hat da nur Uwe Busse interessiert. Der macht gerade eine unverständlich beschissene Solokarriere, hat aber alle geilen Flippers-Songs geschrieben und produziert. Der war auch total süß, die Musik hingegen: voll für’n Arsch, braucht kein Mensch. Die Flippers gibt es ja nicht mehr und für Olafs Solokarriere, habe ich gesehen, hat er bislang auch nichts mit geschrieben. Dass der nicht einmal einen vernünftigen Song für sich selbst schreibt, verstehe ich nicht. Da ist so ein riesiges Qualitätsgefälle. Leider ist an dem Tag auch Leonard, ein in Deutschland als Schweizer Vorzeige-Schwuler bekannter Schlagersänger, ausgefallen. Ist zwar auch beschissen, aber interessant. Ansonsten war das zwar eine lustige Sache, aber ich habe gemerkt, dass ich in dieser Szene ein ziemlicher Alien bin. Schlager und Dagobert: Das geht nicht.

Sie sind allerdings auch sehr hastig durch den Garten gestakst.

Ach, die Route war von denen ausgedacht. Ich musste fünfmal so weit laufen wie alle anderen, mit Umwegen und dergleichen. Das ZDF wollte das »Ich bin zu jung«-Video nachstellen und hat das dann deshalb auch in Schwarz-Weiß gezeigt. Absurd. Ich wollte da aber hin.

Damals wurde sehr lebhaft darüber diskutiert, wie ernst Sie Ihre Texte und Musik eigentlich wirklich meinen. Was denken Sie, hat sich das ZDF dabei gedacht?

Gar nichts. Die brauchen auch immer zwanzig Künstler, haben sich sicherlich nur einmal den Song angehört und gedacht: Passt! Wenn man sonst so sieht, was da für Gestalten herumlaufen, dann kann es da noch nicht mal eine Gesichterkontrolle geben. Ich schaue überhaupt nie fern, aber wenn mal ein Gerät in der Nähe ist, dann gucke ich schon am

Ist dessen Sendezeit um 10 Uhr am Samstagmorgen nicht zu früh für Sie?

Sonntagmorgen. Aber warum denken Sie so? Ich stehe gerne früh auf. Tagsüber ist mein Gehirn jedoch nicht fähig, irgendetwas Kreatives zu leisten. Deshalb nehme ich mir in den Abendstunden Zeit, eine Idee zu finden, an der ich dann am nächsten Tag arbeiten kann. Aber das geht dann eher fleißmäßig. Und da ich in letzter Zeit eher keine Ideen hatte, gab es tagsüber auch nichts zu tun.

Ist Ihnen Ihre Inspiration abhanden gekommen?

Nein. Es liegt eher an meinem neuen Lebensumständen. Es ist zu viel los, in der Großstadt, und mir fällt es schwer, mich nicht davon beeinflussen zu lassen. Obwohl ich versuche, jeden Tag mehrere Stunden auf und ab zu gehen. Nur bin ich dabei nur noch selten in meiner eigenen Welt so wie früher, als ich nicht so zugemüllt wurde. All diese unbrauchbaren Informationen machen mich zu einem langweiligen, normalen Menschen, der eben auch langweilige, normale Musik schreiben würde.

Das klingt, als ob Sie eine Auszeit und Abwechslung bräuchten.

Ja, das ist schon alles geregelt. Eigentlich darf ich noch nichts sagen, aber, ach, was soll’s: Ich hau ab in den Dschungel!

Moment, Sie gehen ins Dschungelcamp?

Nein, Quatsch. Ich gehe in das Amazonas-Gebiet.

Aha, ungewöhnlich. Der Dschungel schläft doch nie, da ist es auch nicht ruhig. Können Sie überhaupt die Hitze ab?

Nein, eigentlich nicht. Ich bin eher so ein Bergmensch. Das wird schon gehen und außerdem passiert da nicht die ganze Zeit etwas. Ich gehe nach Kolumbien, ins dortige Amazonas-Gebiet, mache Urlaub bei so einem komischen Stamm. Ich kenne in Bogota viele Leute. Halb Kolumbien hat mal in diesem Café hier gearbeitet. Im Dezember, Januar nehme ich noch mit dem Ganter in Mannheim das Album auf.

Dessen Produktion finde ich persönlich wiederum zu präsent und verspielt.

Ach, das ist nicht seine Schuld. Er hat alles so gemacht, wie ich es wollte. Das waren alles meine Entscheidungen. Mir hat das sehr viel Spaß gemacht. Wir kannten uns damals aber noch nicht so gut und mussten das in kurzer Zeit so dahin wurschteln. Jetzt nehmen wir uns mehr Zeit, das wird bestimmt besser.

Wie haben Sie die Diskussion um die Ernsthaftigkeit Ihrer Texte verfolgt?

Alles, was ich gelesen habe, war sehr positiv, obwohl wir bislang nur in der Nische Feuilleton angekommen sind. Aber das war mit diesen Songs und dem Label zu erwarten. Es scheint, die Leute herauszufordern. Stumpf und platt kann ich später ja immer noch werden. Als Anfang einer Karriere finde ich es jedenfalls optimal. Zwar mag es einige geben, die meinen, mich besser zu kennen, als ich mich selbst – und vielleicht haben sie sogar recht –, aber wenn jemand die Musik ironisch hält, stört mich das auch nicht, solange er sie sich freiwillig anhört. Auch wenn ich das alles nicht so vorhergesehen habe, verstehe ich, dass mich die Leute als Typen schwer einordnen können. Ich mache schließlich etwas, dass in keiner Tradition steht oder so vorher schon einmal da war. Und ich weiß auch selber nicht, wie das so gekommen ist. Ich höre wirklich nur die Scorpions, Hank Williams und ein paar Sachen, die überhaupt nichts mit meiner Musik zu tun haben. Aber ich habe eine klare Vorstellung und werde einfach irgendwann zu einer Institution für sich werden – und die Debatte sich damit hoffentlich auflösen.

Mit Ihren kommenden sechs Alben. Ich nehme an, die haben dann jeweils ein Oberthema.

Es sind keine Konzeptalben, aber das stimmt schon. Ich breche dieses ganze Liebeszeug langsam auf. Das nächste Album wird geil. Nur den Titel darf ich noch nicht verraten.

Sie wenden sich also von der Frau ab, für die Sie derzeit singen. Hat Sie Ihr Album denn mittlerweile nun einmal gehört?

Ja. Sie war sogar auf einem Konzert, wo es zu einer komischen Eifersuchtsszene mit meiner jetzigen Freundin kam. Aber diese gesamte Geschichte liegt Jahre zurück und hinter mir. Auf dem zweiten Album wird es noch ein paar Songs über sie aus den Bergen geben, aber dann singe ich gegen Ende auch schon von einer Lösung, wie man mit der Situation umgehen kann.

Lösung, aha, das finde ich interessant. Die Songs Ihres ersten Albums haben für mich in der Summe auch einen bedenklichen Grad von Stalkertum.

Das stimmt. Ich weiß, das ist echt nicht einfach, wenn so ein Typ wie ich fünf Jahre auf einem Berg sitzt, nur an eine Person denkt, und der immer die neuesten Lieder schickt. Das ist schon ein bisschen gestört. Ich habe irgendwann auch damit aufgehört, als sie mich darum bat. Gegen Ende meiner Bergzeit bin ich ihr dann allerdings zufällig in Berlin begegnet. Eine ganz obskure Firma aus Hamburg namens Membran wollte mich unter Vertrag nehmen und flog mich nach Hamburg ein. Das waren ein paar alte Säcke, die mit alten Schlager- und Elvis-Compilations viel Kohle machten und mich dann durch all die Sex-Clubs geschleppt haben. Ich hatte sie jedenfalls auch um einen Aufenthalt in Berlin gebeten, weil ich dort schon gelebt hatte. Also gaben sie mir ein Ticket für den Hin- und den Rückflug fünf Tage später. Ich bin dann ohne Bargeld und Unterkunft durch Berlin geirrt, habe überhaupt nicht geschlafen, und bin tatsächlich zufällig und völlig verstrahlt in die Frau hinein gelaufen. Da hatte sie einen totalen Nervenzusammenbruch, weil sie dachte, ich wäre der Megastalker. Aber wie sie sich aufregte, fiel mir auf, wie schön sie dabei ist, und dass es noch mehr von Ihrer Sorte geben müsste. So entstand die Zeile »Lass deine Kinder deine Schönheit erben« in »Hochzeit«, das ich nach acht Stunden Schlaf unterwegs dann innerhalb von einer Stunde wieder auf dem Berg aufgenommen und geschrieben habe. Ein anderer Song, »Raumpilot«, entstand etwa, als ich tagelang auf Essen und Trinken verzichtete und guckte, was mit meinem Körper passiert. Da löste ich mich quasi auf.

Was hat Sie damals eigentlich gerettet, vorm Verrücktwerden da oben, allein und ausgezehrt?

Hey, das ist eine gute Frage. Also …

(Überlegt lange. Ein Kind schreit lauthals.)

Vielleicht ein Kinderwunsch?

Nein, das will ich auch gar nicht kontrollieren. Wenn ich nachdenke, komme ich aber immer wieder zu der für mich einzigen Wahrheit zurück: Alles ist sinnlos. Man kann alles immer noch weiter hinterfragen, es macht keinen Sinn. Das mag plump klingen und ich fühle es auch nicht so, wie ich es sage, aber ich kann mich noch sehr gut erinnern. Immer wieder an diesem Punkt anzugelangen, hat mir gezeigt, dass ich mich anders polen, anders einstellen muss. Ich fing mit dem Laufen und dem bewegungslosen Liegen an, bis die Gedanken weg sind. Dann konnte ich nach den richtigen Sachen schöpfen.

Zum Ende: Wie haben Sie Dear Dagobert, eine Zusammenstellung von Covern und Remixen Ihrer Lieder erlebt?

Mir hat vor allem Sizarrs »Hast du auch so viel Spaß« gefallen. Besser als das Original. Der Sänger, Deaf Sty, tritt auch als Teil von Max Albin Grubers Band Drangsal bei meiner Weihnachtsshow auf. Den finde ich sogar noch besser als mich. Das ist so ein ganz globaler Disco-Sound, der von überall stammen könnte. Jeder Mensch der Welt könnte das sofort verstehen. Sogar Dagobert kann leider nur jemand verstehen, der aus Deutschland kommt. Aber ich arbeite daran.

An englischsprachigen Texten?

Nein, an den Einstellungen innerhalb der Musik. Man muss die Texte nicht verstehen. Aber die Art, wie ich Singe, und ein paar Hook-Wörter müssen etwas ergeben, das man auch im Kongo oder am Amazonas versteht.

Dagobert live
17.12. Berlin – Lido (Weihnachtsshow) mit Drangsal
27.12. Bielefeld – Zurück Zuhause Festival mit Casper
09.01. Zürich – Eldorado
10.01. Stuttgart – Pop Freaks Festival
11.01. Essen – Hotel Shanghai
14.01. Bremen – Theater Bremen

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