Dagobert Afrika

Die Essenz aus Dagoberts zweitem Album Afrika? Schnulze bleibt Schnulze, da helfen auch keine sirupartig angedickten Bässe.

Zuerst die Zahlen: Zwei Jahre nach dem ersten kommt ein zweites Album von Dagobert. Und setzt ganz auf Kontinuität. Erscheint beim selben Label. Versammelt wieder elf Stücke, von denen wieder sieben ziemlich toll und vier ziemlich überflüssig sind. Selbst die dramaturgische Anordnung von Afrika ist ähnlich wie die von Dagobert: starker Anfang, in der Mitte das Füllmaterial, nach hinten raus wieder ein Aufschwingen in geradezu tiefsinnige Höhen. Thematisch ist ebenfalls alles beim Alten geblieben: Es geht um unerwiderte Liebe, das Sehnen nach dem allzu fernen Beziehungsglück, immer aus der züchtig schmachtenden Minne-Distanz heraus vorgetragene Oden an die Frau und zu guter Letzt um eskapistische Fantasien. Da wird in sturer Tragödienmanier erneut ein ganzes Album lang aneinander vorbeigelebt und nicht zusammen angeln gegangen, da wird am Telefon nicht abgenommen oder auf sonstige Art und Weise nicht miteinander geredet – weswegen der leidende Herr Schnulzensänger lieber nach Afrika abhaut oder von Floßfahrten in der »Moonlight Bay« tagträumt.

Auch musikalisch bleibt der mittlerweile 32-jährige Schweizer und Wahlberliner da, wo er sich mit seinem Erstling und seinem Vorleben als Kneipentingler verortet hatte: in der Welt der Schlager und Balladen. Produktionsseitig hat er zwar eine Schippe Opulenz und Komplexität obendrauf gelegt (bekommen): Die Hallräume klingen weiter, die Bässe fast sirupartig angedickt, der Bandsound kommt nicht mehr rein aus der Retorte, das Billigheimer-Humptahafte, das so klar in Richtung Ironie zu deuten schien, ist weitestgehend verschwunden. Dafür hat die Produktion unter Federführung von Markus Ganter auch mal in Richtung Ennio Morricone, Andreas Vollenweider und Hardrock-Ballade geschielt, für »Wir leben aneinander vorbei«, Dagoberts Antwort auf »Nothing Else Matters«, schaut tatsächlich Kreators Mille Petrozza für ein Gniedelgitarrensolo vorbei. Und für den Opener »Afrika« hat man sich an etwas so Exotisches wie einen shuffelnd humpelnden Zweiertakt herangewagt, in dessen Rhythmus Dagobert verkündet: »Ich singe mit den Affen / Uah, uah, ah.«

Mit einer neuen Schaffensperiode hat das alles trotzdem nichts zu tun. Die erste Periode dauert vielmehr fort: Es geht nach wie vor um die Ausschlachtung einer behaupteten Extremerfahrung, die beim Erstling für viel Medienresonanz sorgte. Die Geschichte erzählt von einem jungen Mann, der Obdachlosigkeit, Feierzeit, Liebesleid und schließlich fünf Jahre Einsamkeit auf einem Berg in Graubünden mit nur einer Portion Reis am Tag überlebte, ach was, nicht überlebte, sondern irre produktiv nutzte, indem er in diesen Jahren hungernd, dürstend und schlafberaubt ein Füllhorn an Liedern schrieb, aus dem er bis heute schöpft. Man wusste vor zwei Jahren nicht so recht, ob man diesem Mythos über den Weg trauen oder ihn als schön ausgedachtes PR-Märchen abtun sollte. Jetzt wird die Geschichte einfach wie gehabt stehengelassen. Nicht ergänzt oder korrigiert. Nicht mit neuen Details ausgeschmückt. Sie behauptet stoisch ihre Wahrhaftigkeit. Okay, wir schlucken das jetzt: Dagobert war in der Alpen-Eremitage und hat dort eine Masse an beharrlichem, vor einer fast niedlichen wunschökonomischen Biederkeit strotzendem, gutem Kitsch produziert, den er uns ohne zu zwinkern Fuhre um Fuhre vor die Füße kippen wird. Album drei, vier und fünf werden kommen und dem bösen Kapitalismus, der Aktualität, Novität und Ressourcenknappheit einfordert, eine lange Nase drehen. Dagobert ist und bleibt Dagobert – das ist die herrlich langweilige Essenz dieses zweiten Albums.

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