Daft Punks »Electroma«

ElektromaRobot

Es ist kurz vor Mitternacht, und wir biegen in die Rue Victor Cousin, am Jardin du Luxembourg, ein. Jeden Samstag um Mitternacht, für genau ein Jahr, läuft seit dem 24. März 2007 im Pariser Cinéma du Pantheon Daft Punks zweiter Kinofilm »Electroma«. Das kleine Kino ist bis auf den letzten Platz gefüllt. Im vergangenen Jahr eröffneten Daft Punks Thomas Bangalter und Guy-Manuel de Homem-Christo mit »Electroma« im Mai die Cannes-Nebenreihe »Director’s Fortnight«, in der sie im Jahre 2003 schon ihren in Zusammenarbeit mit Leiji Matsumoto erstellten Anime »Interstella 5555« zeigten. In »Electroma« wird rund 70 Minuten lang, über die komplette Filmlänge, kein einziges Wort gesprochen. Die Protagonisten: zwei Roboter, die sich in perfekt sitzenden Ledermonturen in einem schwarzen Sportwagen der späten achtziger Jahre auf den Weg in eine Kleinstadt machen, um zu Menschen zu werden. Daft Punk beauftragten den französischen Modedesigner und Fotografen Hedi Slimane mit der Anfertigung der Hosen und Jacken der im Abspann mit »Hero Robot No. 1« und »Hero Robot No. 2« bezeichneten Roboter, in denen zwei Schauspieler stecken – auf dem Rücken glitzernde, gestickte Daft-Punk-Schriftzüge. An dem Ferrari 412i wurden die Typenbezeichnungen und Logos abgeklebt, die Stadt, in der sich die Roboter in einem Labor ihre Köpfe mit einem menschlichen Antlitz überziehen lassen, hat keinen Namen – Daft Punk drehten viele der Szenen mit Laien im kalifornischen Independence.

    Die Operation, der sich die Roboter unterziehen, misslingt, die Sonne brennt unbarmherzig auf die neuen Köpfe aus Latex, und ohne ihr Auto machen sich die beiden Roboter wieder auf die Reise. Diese nimmt die gesamte zweite Hälfte des Films ein – hin zu einem unbekannten Ziel, irgendwo in der Salzwüste, welche die Helden schließlich überwältigt und ihren Lebenswillen erstickt. Vor Gus van Sants »Gerry« und dessen Ende wird sich tief verneigt, Vincent Gallos »The Brown Bunny« ist der andere überdeutliche Referenzfilm neben »Zabriskie Point« (Antonioni), »THX 1138« (Lucas) und »Vanishing Point« (Sarafian).

    Bangalter und de Homem-Christo schrieben zusammen mit Cedric Hervet und ihrem Produzenten Paul Hahn das Drehbuch, Bangalter übernahm dazu die Führung der Kamera.
    Seine Arbeit gehört formal zum Besten, was man in den letzten Jahren im europäischen Kino gesehen hat. Nur wenige Filme, und schon gar nicht solche mit einer so kurzen Spielzeit, vermochten es in den letzten Jahren, so viele sich tief einprägende Bilder zu schaffen. Das andere starke Element in »Electroma« ist die Musik, die nicht von Daft Punk stammt: Genau neun Lieder werden eingesetzt und  ausgespielt. Todd Rundgrens Psychedelic-Powerpop-Brett »International Feel« (1973) begleitet die Fahrt der Protagonisten zum Ort ihrer Verwandlung. Die bedrückende Atmosphäre der Stadt wird elegant durch Brian Enos brummende Klang Collage »In Dark Trees« gespiegelt (1970). Daft Punk benutzen im Anschluss, nach der Operation, in den wenigen Minuten, in denen »Hero Robot No. 1» und »Hero Robot No. 2« glücklich mit ihren noch intakten Menschengesichtern durch die Straßen stolzieren, Curtis Mayfields »Billy Jack« (1975). Gregorio Allegris »Miserere« ist dann die erste Komposition, die nicht den siebziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts entstammt: Allegri komponierte diese Vertonung eines christlichen Bußgebetes für einen Doppelchor im frühen 17. Jahrhundert – und Daft Punk setzen das Werk während der Flucht der beiden Roboter vor dem wütenden Mob der Stadtbewohner ein, der auf ihre vorübergehende Verwandlung mit Hass reagiert.
    Sébastien Tellier steuert sein sechs Jahre altes, höchst deprimierendes »Universe« bei, und die neuen menschlichen Gesichter der Hauptfiguren landen auf tragische Weise in der Toilette eines verlassenen Hauses. Der lange Weg zurück beginnt, von Haydns Wiener Klassik, dem Streichquartett Es-Dur op. 64 Nr. 6, und später in der Wüste von Linda Perhacs Psych-Folk-Überhymne »If You Were My Man« (1970) begleitet. Die ganze Tragik dieses zutiefst traurigen Films verstärken dann Chopins Prélude Nr. 4 emoll, op. 28 und Jackson C. Franks »Dialogue« (1965). Frank wurde als Kind in der Schule durch einen explodierenden Ofen verletzt, Mitschüler starben, und mit diesem Wissen ausgestattet, sind die letzten Momente von »Electroma« kaum  auszuhalten, so bewegend und symbiotisch agieren hier Musik und Bild, und so gespenstisch tönen Franks Zeilen: »I want to be alone / I need to touch each stone / Face the grave that I have grown / I want to be alone«.

DaftPunk

Bangalter ruft aus Los Angeles an. Die Verbindung ist schlecht, er geht in seinem Apartment von Raum zu Raum, um den besten Standort zu finden. Er hat gut geschlafen und ist seit zwei Stunden wach. Es gibt eine Menge zu tun: Die Daft-Punk-Live-Show aus dem letzten Jahr wird in erweiterter Fassung in Amerika und Europa auf die Bühnen gebracht, dazu laufen die Vorbereitungen für eine DVD, die den Auftritt Daft Punks in Los Angeles im Rahmen ihrer »Alive«-Tour dokumentieren soll.

Was macht das Interesse Daft Punks an Robotern aus?
    Bangalter: Roboter faszinieren uns. Auf der einen Seite sind sie sehr unterhaltsam, verführerisch, verlockend, sie symbolisieren die Technik von heute, mit der wir uns umgeben. Auf der anderen Seite flößen sie uns Angst ein, sie sind bedrohlich. All die Phasen, die wir mit Daft Punk bisher durchgemacht haben, waren immer eng mit Technik verbunden. Technik ist ein zentrales Thema für uns, an dem wir arbeiten, zu dem wir Antworten geben oder vielleicht eher: zu dem wir Fragen stellen.

Es scheint euch nicht besonders zu interessieren, warum die beiden Roboter Menschen werden wollen.
    Das ist Teil der sinnlosen, surrealen Reise in »Electroma«. Für mich gibt es nur eine menschliche Person in dem Film, und das ist der Zuschauer. Dieser interaktive Prozess, der zwischen dem, was auf der Leinwand passiert, und dem, was im Kopf des Zuschauers vor sich geht, ist entscheidend. Wir möchten den Inhalt des Films nicht überanalysieren. Es gibt keine Gesichter, keine Dialoge, aber der Überlebenskampf der Roboter in der Salzwüste wird dem Zuschauer extrem bewusst – der Überlebenswille wird körperlich nachvollziehbar, auch weil wir so viele narrative Schluchten eingefügt haben, Momente, in denen einfach nichts passiert, es aber im Idealfall im Kopf des Zuschauers rattert und rattert.
Durch eine sehr vage Handlungsführung, die von abstrakten und surrealistischen Gemälden inspiriert wurde, versuchen wir eine Entwicklung von Technik hin zu einer Art von Spiritualität aufzuzeigen. Der Film dient als Umgebung für die Bilder und Gefühle, die beim Zuschauer entstehen. »Electroma« soll nicht mit dem Kopf dekodiert werden, es gibt keine innere Logik, keine konsequenten Handlungsabfolgen. Der Film soll wie ein Song funktionieren, den du dir anhörst, ohne genau zu wissen, warum bestimmte Harmonien oder Melodien eingesetzt wurden. Die Struktur eines Songs und die Struktur von »Electroma« sollen eine emotionale Reise auslösen, die Wirkung ist eine physische und hat nichts mit Intellektualität zu tun! Darüber hinaus war uns der ästhetische Aspekt des Films, der Style, der edle Look, sehr wichtig – ein Fashion-Statement.

Habt ihr das Filmemachen gelernt?
    Klassisches learning by doing. Ich habe in »Electroma« die Kamera geführt – das habe ich einige Jahre lang üben können. Filmen ist nah an der Fotografie, für die ich mich schon seit Ewigkeiten begeistere. Ich wusste, was eine Blende kann, wie man über- oder unterbelichtet. Musik ist nicht das einzige Medium, mit dem wir uns ausdrücken wollen. Wir haben uns schließlich so sehr um den Film gekümmert, dass für unsere eigene Musik keine Zeit mehr übrig war. Wir wollen alles lernen: jeden Aspekt, der mit der Produktion eines Films zu tun hat. Ich bin deshalb sogar für eineinhalb Jahre nach L.A. gezogen.

Wie habt Ihr die Musik gefunden und ausgesucht?
    Die meisten Songs befanden sich bereits in unserer Plattensammlung, und wir wollten sie schon seit Ewigkeiten mal in einem passenden Kontext einsetzen. Wir probierten viele Musiken aus, einige passten zu den Bildern, andere nicht. Wir haben keine für uns neue Musik entdeckt. Wir versuchten fast acht Monate lang, ein Stück von Keith Jarrett zu bekommen, aber es klappte einfach nicht. Lizensierungsprozesse für Musik beim Film können unglaublich kompliziert und langwierig sein.

Es fällt auf, dass viele der eingesetzten Songs aus den siebziger Jahren stammen.

    Die Zeit, in der »Electroma« spielt, sollte etwas Retro-Futuristisches haben. Ein Science-Fiction-Film aus der Vergangenheit, aus einer Vergangenheit, die du aber nicht genau einordnen kannst. Ein Song von 1970 kann aus dem Jahre 1970 stammen, aber auch aus den Jahren 1980, 1990, 2000 oder 3000. Ein zeitgenössischer Song von 2007 würde alle Jahre vor 2007 ausschließen. Sébastien Telliers Stück ist erst ein paar Jahre alt, aber es klingt nach 1970.

Daft Punks Live-Show ist in Deutschland am 29. Juni (Düsseldorf) und 30. Juni (Berlin) zu sehen. Spex präsentiert mit freundlicher Unterstützung der Freunde der Deutschen Kinemathek und von Daft Punk die Deutschland-Premiere von »Electroma« am 4. Juli (21.00 Uhr) im Kino Arsenal am Potsdamer Platz in Berlin.


VIDEO: Daft Punk – Electroma

 

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT

Please enter your comment!
Please enter your name here

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.