Daft Punk Random Access Memories

Daft Punk Random Access Memories
DAFT PUNK
RANDOM ACCESS MEMORIES
COLUMBIA / SONY – 17.05.2013

Daft Punk sind die Pfaffen Konrad des 21. Jahrhunderts. Konrad, mysteriöser, dennoch weithin bekannter Übersetzer des altfranzösischen Chanson de Roland, schrieb irgendwann um das Jahr 1172 ans Ende seiner mittelhochdeutschen Fassung, nicht ohne Stolz: »Ich haize der phaffe Chunrat. / Also iz an dem buoche ge­ scribin stat / in franczischer zungen, / so han ich iz in die latine bedwungin, / danne in diu tutiske gekeret.« Zu Konrads Zeiten galt als großer Künstler oder Erzähler, wer es schaffte, ein Werk glaubhaft originalgetreu wiederzugeben. In der Ära der verlustfreien Kopie garantiert ein so verstandener Kunstbegriff leider keine Trennschärfe mehr zwischen Zitat, Diebstahl und Müll. Die Lösung: nicht kopieren, sondern möglichst genau imitieren. Und möglichst geil. Genau das machen Daft Punk mit ihrem vierten Studioalbum, und zwar famos.
   Random Access Memories kommt allerdings nicht als Miniatur-verzierter Handschriftwälzer daher, sondern wie ein Hollywood-Epos. Mit Billboards, Trailern, supergesättigten Farben im Breitwandformat, jeder Menge Bombast, einem so exzellenten wie angeberischen Cast, mit Glitzerglamour ohne Ende.
   Schon die Anfangssequenz dieses Sound-Blockbusters hat einen süffisant ironischen Unterton. Es geht um Reanimation. Ausgerechnet zwei Roboter wollen der Menschheit vitale Energie schenken: »Let the music of your life give life back to music.« Richtig, die Hauptrolle spielt dabei die Musik. Das wäre selbst ohne derartige Ansagen im Skript zu merken, der Klang dieser Platte schreit es einem geradezu entgegen. Hey, geiles Schlagzeug! Wow, satter Bass! Oh, coole Bridge! Bestens etablierte Schlüsselreizsignale werden möglichst perfekt, möglichst fett, möglichst high class in Szene gesetzt. Konkret: Daft Punk machen Musik der späten 1970er-Jahre. Disco in Yves-Saint-Laurent-Paillettenanzügen. Mit Namen wie Nile Rodgers und Giorgio Moroder auf der Gästeliste oder auch mit Pharrell Williams, der als prototypischer Disco-Dandy unserer Tage eingeführt wird: smart, sexy, sattsam bekannt, nettes Stimmchen.
   So baut Random Access Memories den Sample-Steinbruch, in dem sich Daft Punk früher großzügig bedienten, nun mit Heimwerkereifer minutiös nach. Geschichte wird als Schlüssel zur eigenen Identität präsentiert. Allerdings: die Geschichte der Anderen. Daft-Punk-Selbsthistorisierung wird ausgespart, es gibt keinen Techno-Funk, keinen House-Pop, keinen Clubknaller. Aber eben: großen Discothèque-Spaß.
   Giorgio Moroder wurde nicht etwa für einen musikalischen Gastbeitrag eingeladen, sondern als Märchenonkel besetzt. Er erzählt von den Anfängen: Ich wollte Musik machen, bin mit kleinen Auftritten von Disko zu Disko getingelt, habe im Auto geschlafen … Der Wahnsinns-Arpeggiator-Track, der dazu ertönt, klingt kurioserweise nach »Supernature«, dem größten Hit von Moroders französischem Gegenspieler Cerrone – ein kleiner Roboterscherz am Rande. Daneben gibt es Ausflüge in Richtung Americana und Broadway, zu Santana-Jazz-Funk, Zapp-Electro-Funk und ins Autotune-Wunderland. Das Album zeigt Daft Punk gewissermaßen in einem Puppenstadium, in dem sie sich noch entscheiden könnten, (für das nächste Album in weiteren acht Jahren) entweder als Fleetwood Mac zu schlüpfen oder als ABBA.
   Man mag einem Werk, das großteils über Imperativbotschaften wie »Lose Yourself To Dance«, »Get Lucky« und »c’mon, c’mon, c’mon!« funktioniert, unrecht tun, es über seine textliche Ebene entschlüsseln zu wollen. Aber genau besehen wird die Philosophie des Albums sehr schlüssig dargelegt. Zwischen den Tanzeinlagen ist viel von Unsicherheit und Orientierungslosigkeit die Rede (»Please tell me who I am!«, fleht die Roboterstimme in »Within«), illustriert mit Klangbildern von Schwerelosigkeit (Funksprüche der letzten NASA-Mondlandemission Apollo 17 von 1972) sowie aus Unterwasserwelten. Zwei Roboter auf Identitätssuche? Ein herrlich klassischer Topos: die fast perfekte Maschine, der gerade ihr Defizit an emotionaler Empfänglichkeit bewusst wird (»You’ve almost convinced me I’m real«, schmachtet 70er-Pop-Star Paul Williams in »Touch«), die aber noch nicht versteht, dass genau diese Einsicht sie schon zum Gefühlswesen macht – im Normalfall zu einem rasenden, das irrational gegen jede programmierte Logik handelt. Die Folgen waren bisher (in einem Kanon von, sagen wir, 2001: Odyssee im Weltraum bis Terminator) unweigerlich: Aggression, Selbstzerstörung, Drama. Daft Punk räumen komplett auf damit. Ihre Revolution (diesmal ohne 909) klingt nach Bombast und setzt zugleich auf eine neue Mildheit. Auf das Ausagieren aller Konflikte im Gesellschaftstanz, gepaart mit der Hoffnung auf ein freudiges Ereignis, amouröser Art womöglich. Eine Revolution der Nonchalance.
   Nebenbei funktioniert Random Access Memories auch auf einer noch allgemeingültigeren und sympathisch schlichten Ebene. Es ist eine Album gewordene Erkenntnis, die von Firmenfeier bis Hochzeitsparty und von 1977 bis in alle Ewigkeit gilt. Disco geht immer.

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