Daft Punk: Zukunft oder Revisionismus?

Daft Punk mit Pharell & Nile Rodgers – Zukunft oder Revisionismus?

Es war der Ohrwurm des Wochenendes. Kaum mehr als eine Minute lang, ein Ausschnitt nur, und doch: man konnte nicht aufhören, es vor sich hin zu summen. »Get Lucky«, das neue Stück von Daft Punk gemeinsam mit Pharrell Williams und Nile Rodgers, ist einfach zu eingängig. Und zwar derart, dass künstlich verlängerte Versionen des beim Coachella Festival vorgestellten Performancevideos bzw. dessen Audiospur bereits als vermeintlicher Originalsong blendend Klick um Klick sammeln. Nahezu parallel war zu erfahren, dass die glitzernden Anzüge, die Williams, Rodgers und die natürlich behelmten, hier aber als Backing Band am durchsichtigen Bass bzw. Schlagzeug auftretenden Guy-Manuel de Homem-Christo und Thomas Bangalter in dem Video tragen, erneut von Human After All-Touroutfitdesigner Hedi Slimane entworfen worden. Diesmal allerdings unter dem Dach seines neuen Arbeitgebers Saint Laurent.
    Das Video enthüllte auch die komplette Kollaborateursliste des am 17. Mai bei Sony erscheinenden DP-Albums Random Access Memories: Panda Bear, Julian Casablancas, Todd Edwards, DJ Falcon, Chilly Gonzales, Giorgio Moroder, Paul Williams sind neben Pharrell und Rodgers ebenfalls dabei. Und übernehmen nun die Öffentlichkeitsarbeit für die beiden Franzosen, denn die aufwendig poduzierte Videointerviewserie The Collaborators lässt sie alle zu Wort kommen. Über ihr eigenes Schaffen, vor allem aber über die Zusammenarbeit mit Daft Punk.

In seinem bislang einzigen Interview zum Album verrät das Duo zuvor noch schnell dem US Rolling Stone, dass seit 2008 an dem Album gearbeitet wurde, erste rein elektronische Ansätze jedoch gelangweilt verworfen wurden, um einen neuen Weg einzuschlagen. Bangalter »We wanted to do what we used to do with machines and samplers, but with people.« Als ästhetischer Fixpunkt fungierten die Siebziger und Achtziger, »the tastiest era« (de Homem-Christo).
   Den so gesetzten Rahmen malen nun The Collaborators in schillerndsten Farben aus. Nach den zuvor online gegangenen Videos mit Moroder und Edwards kamen heute auch Rodgers und Pharrell dazu. Während Moroder ganz fasziniert von der Präzision Daft Punks im Studio erzählt, verbleibt Pharrell im rein mythischen Narrativen der robots, wie sie alle Beteiligten nennen. Wirklich interessant wird es erst bei Edwards und Rodgers, die die wichtige Botschaft des Promo verkünden sollen: Dass hier plötzlich wieder richtige Instrumente zu hören sind, ist kein Rückschritt, sondern die Zukunft. »They went back to go forward«, formuliert der begeisterte Rodgers, während die Kamera seine Goldenen Schallplatten und Erfolge mit Chic, Bowie, Duran Duran, Madonna & Co einfängt. Die rein elektronische Musik sei in einer Sackgasse angekommen bzw. Edwards: »There has been no going further in this direction.« Fukuyama tanzt mit.
   Dazu wird beständig beschworen, wie charismatisch und, Verzeihung, großartig de Homem-Christo und Bangalter seien. Rodgers attestiert: »They look into the future.«, und vergleicht das neue Werk mit dem ersten Hören von »Love To Love You Baby«. Edwards stimmt ein: das Album werde unzählige junge Produzenten inspirieren. Und er selbst, der stubenhockende Jersey-Boy von der Ostküste, erzählt sichtlich, ja, beinahe unangenehm ergriffen, dass er wegen Daft Punk, den Aufnahmen in L.A. und den gemeinsamen Autofahrten üben den sonnenbeschienen Mulholland Drive sein Leben verändert hätte. Nach den drei Studiowochen zog er direkt an die Westküste. Da wirkt der von der Arbeiten in den Electric Ladyland Studios und den (eigenen) Erinnerungen daran beseelte Rodgers nahezu nüchtern.

Eine bunte Welt ist das, mit zwei nebulösen Hauptfiguren im Hintergrund zwischen Los Angeles, New York, Paris und Saint Tropez. Zwei Stars, die es schaffen, Revisionismus als Fortschritt zu verkaufen. Zurück zum Urschleim, zurück zu den Saiten. Das kann durchaus gut klingen, ist aber nicht visionär. Zumal u.a. Künstler wie Mount Kimbie längst wieder die hier so beschworenen echten Instrumente in die elektronische Musik re-integriert haben. Und auch die Veröffentlichungen von Laurel Halo, Holly Herndon & Co. deuten doch sehr stark an, dass die Musikgeschichte an dieser Stelle noch lange nicht zu Ende erzählt wurde.
   Es liegt an dem sonst schwammigen Pharrell, das ganze Bild mit einer beiläufigen Bemerkung zurechtzurücken. Was solchen Arbeiten eben fehle, sei der Groove, der Vibe. Also ein Gefühl, eine Stimmung. Und somit etwas, das von bereits existierenden Bildern im Kopf der Hörer lebt so wie Daft Punks bisherige Alben von den oftmals genial ein- und umgesetzen Samples. Wahrscheinlich wird Random Access Memories eher einen alten ästhetischen Anspruch für die heutige Pop-Gegenwart revitalisieren als die Musik an sich zu revolutionieren.
   Die alles entscheidende Frage zu dieser Platte wird es wohl sein, ob alles in ihr nicht bereits schon in sich (ab-) geschlossen ist oder ob ihr Sentiment tatsächlich über sich hinausreichen kann. Mit seiner Präsens stimmt »Get Lucky«, selbst als kurzes Snippet, jedoch vorsichtig optimistisch. Der etwas zu dick aufgeblasenen Geschichte rund um das Album zum Trotz. Wobei die ihre Funktion ganz erfüllt. Nach dem künstlerisch eher enttäuschendem Human After All und dem Tron-Soundtrack hätte der neu ausgespielte Promibonus nämlich auch als reine Fassade oder Reanimierung gelesen werden können. Das ist jetzt allerdings nicht mehr zu erwarten.

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