Der Cute Trance von Ana Caprix, Doss & Tielsie

Ana Caprix

Plötzlich ist Trance wieder im Club. Doch Künstler wie Ana Caprix, Doss und Tielsie setzen auf Pop und Avatare und stehen so für eine neue Richtung, den Cute Trance.

Es fing damit an, dass ich mich vor etwa einem halben Jahr selbst dabei ertappte, wie mir ein bestimmter Sound gefiel, der an Trance erinnerte. Wobei, es war weniger ein Ertappen im Sinne einer guilty pleasure als ein munter abgeklärtes Aha-okay-das-ist-jetzt-so. Dass der Sound ein Ding werden würde, oder schon war, konnte man daran festmachen, dass er in fast allen Mixen des stilbildenden DIS Magazins und Kollektivs (zudem auch Fatima Al Qadiri gehört) vorkam, besonders auf dem sehr cuten, zwischen Trance und Juke changierenden des französischen Produzenten Tielsie (ausgesprochen TLC) von Anfang 2014.

Schon 2011 hatte das Magazin einen Wettbewerb ausgeschrieben, in welchem der beste Trance-Track ausgemacht werden sollte, an dem aber, wie zu erwarten, so gut wie keine genuinen Trance-Produzenten teilnahmen. Stattdessen eher Clubexperimentierer wie Total Freedom, M.E.S.H. und Teengirl Fantasy. Heraus kamen eine Vielzahl von Songs, die mehr die Ideen von Trance aufgriffen – Harmonie durch erlösende und heilende Melodien, intensive wie ehrliche Emotionen – als wirklich Trance zu sein. Den toughen Bass, die gewöhnugsbedürftige Geschwindigkeit und die Drum-Fills vor dem Drop, also all jene Säulen des originären Trance, ließ man meistens bleiben.

Auf der Ende Februar erschienen EP For Seven Hours This Island Is Ours von Ana Caprix hört man neben Liebäugelein mit Videospielmusik und gepitchten Popstimmen eben auch einige Referenzen an Trance. Hinter der Manga-liebenden Persona Ana Caprix steckt ein Londoner Produzent, namens Tom Ensom, der die vom Trance bekannten, cleanen Arpeggio-Harmonien verwendet, um elysische Pop-Stücke zu produzieren. Die zuckersüßen Tracks auf For Seven Hours This Island Is Ours führen den Hörer in eine friedliche Welt, in der sich alles Leid der echten Welt in ein paar Kirschen verwandelt hat. 

Ana Caprix' Version von Trance ist cute. Cute Trance ist kein Trance, bedient sich aber vieler seiner Elemente und spricht die gleichen Hirnregionen an. Im Track »@The Villa (Blackout)« beispielsweise hört man Britney Spears' Stimme zunächst über einer Trance-Sphäre: »I'm so blessed, I really am«, sagt sie. Der Rest des Stücks ist eine, bis zum EDM-Drop, optimistische Dance-Pop-Produktion und fusioniert Britneys bis ins kindliche gepitchte Stimmen aus den Songs »Criminal« und »I Wanna Go«. Eine bessere Welt mit Britney? Man darf die Vision von Ana Caprix nicht unbedingt wörtlich nehmen sondern muss sie auf sich wirken lassen. Ironisch ist es jedenfalls kaum, eher ein sinnvolles Ummodelieren diverser Genres.

Tilsies Cute Trance ist schnell, sportlich und tanzbar, Ana Caprix' verträumter und idealer. Eine dritte Produzentin nennt sich Doss – ebenso eine non-persona wie Caprix und Tilsie. Auf ihrer Webseite erweckt sie sogar den Eindruck, nicht sie persönlich, sondern ein Software-System wäre Doss. Besonders gefallen hat mir ihr kürzlich erschienener Track »The Way I Feel« (der mittlerweile auch von Ana Caprix geremixt wurde). Über einer ätherischen Trance-Pop-Produktion hört man eine hauchende Frauenstimme, eine KI versucht dahinter zu kommen, wie und wieso die Menschen fühlen. Wer hier an den Film Her denkt, liegt nicht daneben. Doss gerade bei Acéphale erschienene EP spielt in einer Parallelwelt, die sich im Gegensatz zu Ana Caprix' Elysion mehr noch nach Zukunft anfühlt, so als ob man selbst eben der Computer wäre, der gerne spüren würde. Und irgendwie kann Trance dieses Sehnen nach einer anderen Welt ziemlich gut übertragen. Doss' Twitter-Bio bringt es auf den Punkt: 100% real emotion.