Cut, Blutrot, Cut

In unserer Rubrik »Bilder, die die Welt bewegten« stellen wir jede Ausgabe eine Filmszene – und den dazugehörigen Film – vor. Vom Detail zum Allgemeinen, vom Augenblick zum Werk, dazu die Bilder als Sequenz. Diese Folge: der furchterregende Vorspann zu David Finchers »SE7EN«, der in dem kürzlich erschienenen Bildband »Uncredited« als herausragendes Beispiel einer gelungenen Titelsequenz vorgestellt wird.

Seven

Das Metronom neben dem Bett, das gute Buch hingegen liegt dort nicht: der Vorspann zu »SE7EN« zeigt einen sadistischen Mörder bei seiner verstörenden, lustvoll-fetischistischen Arbeit.

(Stills: © Warner Home Media)

Erschöpft und müde, halb aufrecht im Bett, schlaflos, legt Detective Somerset Buch und Lesebrille in seinem schummerigen Schlafzimmer beiseite und tippt ein Metronom an, das nach links und rechts auszuschlagen beginnt. Aus der Ferne sind verhalltes Stimmengewirr, Straßengeräusche und bellende Hunde zu hören, das Metronom im Vordergrund tickt. Schwarzbild. Donnern. Gegenlicht. Ein aufgeschlagenes Buch rückt ins Bild, dessen unbeschriebene Seiten langsam umgeblättert werden, während dumpfes, rhythmisches Trommeln einsetzt, das von digitalen Störeffekten kontrapunktiert wird. Kurz im Bild: das Foto eines grotesk deformierten Händepaars, aufgeklebt auf eine karierte Mathebuchseite. Eingeblendet, in Krakelschrift: »A Film by David Fincher«. Abrupte Nahaufnahme:

    Mit einer Rasierklinge schneidet sich einer die Haut von den Fingerkuppen. Metallisches, hochtönendes Schnarren. Licht und Schatten huschen über das Bild. Kurze, verwackelte, krakelige Einblendungen: »Brad Pitt«, »Gwyneth Paltrow«. Der Filmtitel »SE7EN« leuchtet flackernd weiß auf schwarz in dekonstruierter Typografie auf. Schnitt. Die Hand, deren Fingerkuppen nun mit Stoffpflastern verbunden sind, schlägt ein elegant gebundenes, etwas abgenutztes Notizbuch auf und schreibt hektisch und eng in schwarzer Schrift hinein. Blitzeffekte. Ungezählte weitere Schnitte: In einem aufgeschlagenen Wissenschaftsbuch ist in einer Überschrift für einen Moment das Wort »Sexuality« am unteren Bildrand sichtbar. Wieder Schnitte, das Filmbild blutrot. Störeffekte. Wieder die Hand, sie streicht in einem Text, in dem nur der Satz »When you’re pregnant« zu erkennen ist, einzelne Zeilen und Worte durch und übermalt die Augen auf dem Foto eines Jungen. Schnitt. Jetzt ist das ganze Foto übermalt. Weitere Fotos, darunter eines von einem Mann mit einer am Hinterkopf befestigten, grausigen Foltervorrichtung. Schnitte. Die Hand näht Seiten eines Notizbuchs zusammen. Ungezählte dieser handgebundenen Notizbücher laufen, nebeneinander aufgereiht, durchs Bild. Aus einem Dollarschein wird in einer Makroaufnahme das Wort »GOD« herausgeschnitten. »You got me closer to God«, singt Trent Reznor die einzige Textzeile in der ansonsten instrumentalen Musik von Nine Inch Nails, bevor der Vorspann von »SE7EN« mit einer stark verhallten Bassdrum und Schwarzbild endet. Polizeisirenen. Das Wort »Monday« leuchtet auf. Detective Mills, gespielt von Brad Pitt, und seine Frau Tracy, gespielt von Gwyneth Paltrow, wachen früh morgens aneinandergeschmiegt in ihrem Bett auf.

Seven

Das Filmbild blutrot: »SE7EN«-Regisseur David Fincher gab drei Jahre zuvor mit »Alien 3« sein Spielfilmdebüt. Die Titelsequenz zu »Alien 3« war allerdings gruseliger als der gesamte darauffolgende Film.

(Stills: © Warner Home Media)

    Der Vorspann zu »SE7EN« zeigt einen sadistischen Mörder bei seiner verstörenden, lustvoll-fetischistischen Arbeit. Unheilvolle Bilder überschwemmen blitzartig das Halbbewusste. Assoziativ verquickt die zweiminütige Sequenz Verletzung und Folter, obsessiv verleugneten Sex und eine ausgelöschte Kindheit. Dabei werden nicht bloß Samples, Schnitte und Auslöschungen gezeigt, die von der gespenstischen Hand an klassischen Medien wie Fotos, Texten und Körperteilen vorgenommen werden, sondern es wird auch am Filmmaterial vorgeführt, wie das Selbst verletzt und verstümmelt wird. Konzipiert, inszeniert und geschnitten wurden die einleitenden Bilder zu »SE7EN« von Kyle Cooper, dem renommiertesten Titeldesigner der USA seit Saul Bass. Coopers zerhackte Schauerbilder verstörten in ihrem seltenen Einklang mit der eiskalten Musik von Nine Inch Nails jeden, der »SE7EN« zum ersten Mal im Kino sah. Dabei waren die Zuschauer 1995 mehr als vorgewarnt: David Fincher hatte drei Jahre zuvor mit »Alien 3« sein Spielfilmdebüt als Regisseur gegeben und lediglich für seinen in Schnitt- und Sounddesign radikalen Vorspann keine Prügel einstecken müssen. Im Gegenteil: Die Titelsequenz zu »Alien 3« war gruseliger als der gesamte darauffolgende Film.

    Zwar kann man Letzteres von »SE7EN« angesichts der grausamen Schlusssequenz nicht behaupten, doch zeichnen sich beide Eröffnungen durch ein ähnlich konsequentes Konzept aus: In abrupten, überschnellen Cuts erzählen beide Titelsequenzen tatsächlich bzw. allegorisch die Vorgeschichte des jeweiligen Films. Fincher, der aus der Welt des in wenigen Sekunden erzählten Werbefilms stammt und sich einen Namen als Videoregisseur für Madonna gemacht hatte (hier stehen immerhin wenige Minuten für eine Erzählung zur Verfügung), setzte darauf, dass das menschliche Auge die Bilder erst beim wiederholten Sehen decodieren und in einen Sinnzusammenhang setzen wird – oder das just Gesehene ohnehin ebenso instinktiv wie systematisch verdrängt wird. So blieb in beiden Filmen, noch bevor sie überhaupt begonnen hatten, die ungute Ahnung, dass etwas Schlimmes geschehen wird.

Seven

Das Wort »Monday« leuchtet auf. Zu diesem Zeitpunkt ist die Welt für Detective Mills, gespielt von Brad Pitt, und seine Frau Tracy, gespielt von Gwyneth Paltrow, noch in Ordnung.

(Stills: © Warner Home Media)

    Völlig zu Recht bezeichnen Gemma Solana und Antonio Boneu in dem kürzlich bei Index Book in englischer Sprache erschienen Bildband »Uncredited – Graphic Design & Opening Titles In Movies« den Vorspann zu »SE7EN« daher als »Meilenstein«. »Ohne Zweifel«, schreiben die beiden Herausgeber, »revitalisierte dieser Vorspann einen nur zu oft selbstlos und anonym ausgeübten Berufszweig. Die Titelsequenz zu ›SE7EN‹ basiert auf einem brillanten Konzept und ist formal hochkomplex. Hier wird vorgeführt, wie Grafi kdesign und Kinematografie eine Liaison eingehen können – und zwar auf einem Niveau, an das heranzureichen auch in Zukunft ein Ding der Unmöglichkeit bleiben wird.«

    »Uncredited« ist insgesamt ein ganz und gar überfälliges Buch. Auf 313 Seiten wendet es sich an jene Leser, die einen Vorspann als den Beginn des Spektakels begreifen – und die sich weigern, den Kinosaal zu verlassen, bevor nicht auch der Abspann in seiner Gänze abgespult wurde. Über dreihundert Titelsequenzen haben die Herausgeber in einer ähnlichen Manier abgebildet, wie wir auf der diesem Text gegenüberliegenden Seite die Filmstills aus »SE7EN« präsentieren – als chronologische Folge von Standbildern. Wer den entsprechenden Film nicht kennt, kann sich so ein Bild der Sequenz machen – und nicht zuletzt finden sich auf einer beiliegenden DVD immerhin 116 Titelsequenzen zum Anschauen. Jeder auf diese Weise abgebildete Vorspann – von »La Jetée« bis »Le Mépris«, von »Metropolis« bis »Gangs Of New York« – wird kommentiert und kontextualisiert.

Gemeinsam mit dem Grafikdesigner Kyle Cooper entwickelte David Fincher den Vorspann zu »SE7EN«. Hier kann man das Bewegtbild streamen.

»Uncredited – Graphic Design & Opening Titles In Movies«
Gemma Solana und Antonio Boneu (Hrsg.), 313 S., Englisch, inkl. DVD 2008 (Index Book)

»SE7EN«
USA 1995, Regie: David Fincher. Mit Kevin Spacey, Brad Pitt, Morgan Freeman, Gwyneth Paltrow u.a., 127 Min., DVD OmU und dt. Fassung (Warner Home Video)

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