Current 93 Of Ruine Or Some Blazing Starre

Im Zuge der kürzlichen ›Freak Folk‹-Konjunktur traten letzte Teile der Rezeption aus der politisch korrekten Deckung und legten die den britischen Exzentrikern Current 93 entgegengebrachten »antrainierte[n] Vorurteile« – so Mario Lasar in SPEX #301 – vorsichtig ab. Dazu dürften nicht zuletzt die Gastbeiträge Nick Caves für »All The Pretty Little Horses« (1996) und die Zusammenarbeit Current 93s mit weiteren politisch unverdächtigen Kollegen wie Bonnie »Prince« Billy, Antony Hegarty und Marc Almond für ihr Werk »Black Ships Ate The Sky« (2006) beigetragen haben. Die Reserviertheit gegenüber der Band hatte vor allem mit der Mitte der neunziger Jahre aufgrund religiöser Differenzen zerbrochenen Freundschaft zwischen Current-93-Sänger David Tibet und dem schwulen Uniformfetischisten Douglas Pearce zu tun. Dessen Band Death In June, zu der es personelle Überschneidungen gab, ist für ihr – gern kulleräugig als ›rein ästhetisch‹ gerechtfertigtes – Faible für Nazisymbolik bekannt.

    Auf »Of Ruine Or Some Blazing Starre«, einem der wichtigsten Current-93-Alben, das ursprünglich 1994 veröffentlicht wurde, ist die atonal-illbiente Vergangenheit der 1983 im Industrial-Umfeld gegründeten Band nur noch zu erahnen. Es handelt sich vielmehr um einen Klassiker jenes Genres, dem Current 93 aufgrund eines Missverständnisses zu seinem Namen verhalfen: Als Tibet einst über seine Band sagte, sie seien »apocalyptic folk«, wollte er auf die Endzeitorientierung des Musikerkollektivs hinweisen und gebrauchte das Wort ›folk‹ im Sinne von ›people‹, keineswegs aber, um eine musikalische Gattung zu bezeichnen. Getragen von Michael Cashmores hier erstmals über volle Albumlänge zu hörendem lautenartigem Bedienen der akustischen Gitarre, omnipräsentem Glockenspiel und den gezähmten Drones des Nurse-With-Wound-Gründers Steven Stapleton, entfaltet David Tibet, hin und wieder kontrapunktiert von der somnambulen Stimme Phoebe Cheshires, auf vierzehn Balladen seine religiösen Erlösungsfantasien.

    Diese speisen sich hier aus einer Melange von Buddhismus und gnostisch gefärbtem Urchristentum. Der Gesang steigert sich dabei regelmäßig von kindlicher Sanftheit zu eindringlich-obsessivem Geschrei. Die Stücke wirken abwechselnd wie die zärtlichen Wiegenlieder eines Wahnsinnigen und die Rufe eines mittelalterlichen Flagellantenzuges aus religiösen Büssern, der zur Umkehr im Angesicht des bevorstehenden Weltgerichts aufruft. Am Ende aber hat der Brite zu einer Art ekstatischen Friedens gefunden: »God is not dead / There is no death I say« skandiert er im letzten Stück glückstrunken.

    Current 93 war immer auch das Medium der metaphysischen Suche des spirituell umtriebigen Briten, inklusive aller Abwege wie jenem des zeitweiligen Eintritts in den magischen Orden des Okkultisten Aleister Crowley. »Of Ruine Or Some Blazing Starre« ist das erste ›christliche‹ Album der Band – ergreifend, filigran und maximal weit entfernt von der verhärmten Liedermachertristesse evangelischer Kirchentage.

LABEL: Durtro Jnana / Southern

VERTRIEB: Cargo Records

VÖ: 19.10.2007

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