CTM 2014: Die Eröffnung

Ronald und Robert Lippok wirken als Ornament und Verbrechen visuell wie musikalisch überlebensgroß

Gestern Abend eröffnete der CTM mit so klangvollen Programmpunkten wie Kontakt der Jünglinge, Ornament und Verbrechen, Black Manual in Berlin. Der Festivalauftakt beschwörte ebenso machtvoll wie minimalistisch den alten Glauben an eine bessere Zukunft.

Es mag widersprüchlich wirken: Da hat sich die diesjährige, fünfzehnte Ausgabe des CTM Festivals unter dem Titel »Dis Continuity« vorgenommen, die vernachlässigten und vergessenen Stifterfiguren und ihre Auswirkungen auf die Gegenwart zu erforschen – und dann nimmt alles im Berliner HAU1 doch mit Karlheinz Stockhausen seinen Auftakt. Stockhausen, der unvergleichlichen Ruhm erntete. Stockhausen, der als einer der Weg(e)bereiter elektronischer Musik gilt. Stockhausen, dessen Einfluss kaum zu messen ist.

Thomas Köner und Asmus Tietchens sind jedoch nicht daran interessiert, sich in uninspirierten Hommagen zu verlieren. Als Kontakt der Jünglinge – der Projektname spielt auf Stockhausens Kontakte und Gesang der Jünglinge an – scheinen sie das Thema des Festivals antizipiert zu haben. Die beiden trennt eine Generation und doch vereint sie vieles. Stifterfigur Stockhausen dürfte da nur der kleinste Nenner sein. Die Performance breitet sich, gespickt mit verschwommenen Anspielungen auf diesen, mit der von Köner gewohnten Ruhe und Mächtigkeit aus. Erst zur zweiten Hälfte nehmen die tiefen Drones und schillernden Klangwolken Fahrt auf, zeigt sich Tietchens von musique concrète und Serialismus beeinflusste Handschrift. Alles türmt sich zu einem gigantischen Tosen auf – und ist plötzlich aus. Kurz vor der Katharsis ist das Konzert vorbei. Die (Musik-)Geschichte muss von hier an weiter geschrieben werden.

Bei Charlemagne Palestine und Rhys Chatham, der für den krankheitsbedingt ausgefallenen Mika Vainio einspringt, wird nicht einmal klar, wann der Auftritt überhaupt beginnt. Die beiden sind vor kurzem das erste Mal seit gut drei Jahrzehnten wieder zusammen aufgetreten, führen sich heute jedoch auf, als seien sie seit Ewigkeiten verheiratet. Chatham wandert gespielt ungeduldig zwischen Stofftieren und allerhand bunten Krimskrams umher, spielt auf der Querflöte kurze Melodien an und scherzt mit Publikum. Sein Partner betritt derweil gemächlich die Bühne. Es beginnt eine Lektion darin, wie sich musikalischer Minimalismus mit Humor vereinbaren lässt: Palestine schlägt zu Chathams skizzenhaftem Spiel zwei Weingläser aneinander, streicht mit dem Finger über die Ränder, um sie zum Singen zu bringen, oder trinkt daraus. Nach und nach steigern sich die beiden jedoch, mal singend, mal konzentriert spielend, in einen kontinuierlichen Fluss. Palestine übernimmt das Piano, Chatham geht zur Gitarre über.

Zeit, ins fußläufig erreichbare HAU2 zum Sound Exchange I überzuwechseln. Dort lässt das litauische DIISSC Orchestra seine aus der Sowjetzeit stammende Elektronik knuspern, zischeln und brummen: eine durchkomponiert wirkende Synthesizer-Symphonie, deren Interpreten mit ihren um den Kopf geschnallten Lampen den retro-futuristischen Charakter der Performance betonen. Hin und wieder unterstreichen hoffnungsvolle Töne, dass der Glaube an eine bessere Zukunft, nie zu altern, vermag. Und siehe da: Ein kleines Stofftier auf einem kantigen Synthesizer scheint jenseits minimalistischer Stilprinzipien eine weitere Kontinuität zu Palestine und Chatham herzustellen.

Während ab elf Uhr im angeschlossenen, restlos überfüllten WAU die raster noton-Gründer Carsten Nicolai und Olaf Bender sowie Frank Bretschneider die Gäste mit DJ-Sets von der Eiseskälte ablenken, beginnt im Konzertsaal das lettische Projekt The First Latvians On Mars dunkle Grooves zu spinnen. Die psychedelische Musik des Kollektivs, das dem lettischen Komponisten und Architekten Hardijs Lediņš Tribut zollt, zeigt hier und dort auffällige Parallelen zu den westlichen Wave-Traditionen der 1980er Jahre. Spätestens die als Rakete verkleidete Rezitatorin und Sängerin bestätigt, dass sowohl dies als auch jenseits des eisernen Vorhangs die Ideen des Dadaismus nachhaltig fruchteten.

Mit dem Auftritt von Ronald und Robert Lippok als Ornament und Verbrechen findet der abwechslungsreiche Abend dann seinen Höhepunkt. Zur Kargheit à la Throbbing Gristle und Cabaret Voltaire gesellt sich bei der geschwisterlichen Kollaboration der To Rococo Rot-Mitglieder eine krautrockige Spielfreude. Nebelwerfer, Strobo und Acid-Sounds sei Dank kommt sogar Rave-Atmosphäre auf. Die kauzige Mischung aus unterkühlter Wut und sorgloser Experimentierfreudigkeit wirkt in ihrer kantigen Explosivität ähnlich überlebensgroß wie die an die Wand geworfenen Schatten des Duos. Der ihnen entgegenschlagende Jubel fällt dementsprechend aus. Die beiden sollten ihn vielleicht zum Anlass nehmen, sich mit dem bereits 1983 in der DDR ins Leben gerufene Projekt in Kontinuität zu üben, denn bedauerlicherweise sind Konzerte wie diese die Ausnahme.

Ähnlich einzigartig verspricht auch die Performance von Black Manual zu werden. Mouse On Mars-Mitglied Jan St. Werner begibt sich in einen Dialog mit Valdir Jovenal, Juninho Quebradeira und Leo Leandro, drei brasilianischen Perkussionisten. Was Werner an den mächtigen, komplexen Perkussionspatterns der Trios reizt, ist offensichtlich. Die sich frei auf Samba- und Candomblé-Traditionen berufenden Rhythmen scheinen auf ihre Art ein überseeisches Pendent zu den Versuchen von Werners Hauptprojekt zu stellen. Schade nur, dass der Dialog nur stellenweise gelingt: Die Fiepsnoise-Attacken und Brummelbässe Werners wirken deplatziert. Am stärksten ist Black Manual, wenn die Elektronik schweigt. Es ist die einzige Übertragungsleistung, die an diesem Abend nicht ganz aufzugehen scheint. Abgesehen davon hält sie ein, was das CTM Festival versprach, entlockt sie doch dem Unbekannten bekannte Untertöne und lässt das Alte in neuem Glanz erstrahlen.

Im Stattbad I eröffnet um 16 Uhr die Installation n_polytope – Behaviours in Sound and Light After Iannis Xenakis mit Auftritten von Chris Salter, Marije Baalman und Thomas Spier, im HAU2 beginnt um 21 Uhr Sound Exchange II mit én aka Pál Tóth, dem Ensemble Mi–65 Łukasz Szałankiewicz. Bis 19 Uhr gibt es zudem im Kunstquartier Studio Programm und ebenso lange hat die Ausstellung Generation Z : ReNoise im Kunstraum geöffnet.

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