Crystal Stilts

Hall und neblige Verzerrung sind wieder angesagt. Letztes Jahr gedachten die Magnetic Fields mit »Distortion« äußerst gewieft den brummigen Shoegazern von The Jesus And Mary Chain, nun packen die Crystal Stilts auf ihrem Debütalbum noch ein paar Surf- und Twang-Gitarren sowie scheppernde Garagen-Beats dazu, sodass die dröhnende Rappelkiste voller guter Songs ordentlich rumpelt. Über dieser New Wave-, Post-Punk- und Sixties-Mischung schwebt zudem Brad Hargetts murmelnder, missmutiger Gesang, der in seiner angeödeten und unnahbaren Phrasierung an The Velvet Underground gemahnt. Wie dieses clevere Referenz-Tohuwabohu, das man um etliche popkulturelle Verweise ergänzen könnte, zusammengeht? Meistens hervorragend.

    Und zu den rätselhaften Texten des 2003 von Hargett und JB Townsend gegründeten Quintetts aus Brooklyn, das von Andy Adler am Bass, Kyle Forester an der Orgel und Frankie Rose am Schlagzeug komplettiert wird, passt der reißfest vernähte Flickenteppich aus zerzausten Klängen sowieso. Denn das treibende »Crystal Stilts« – neben dem eindringlichen »Departure« und dem dräuenden »The Dazzled« ein Highlight der Platte – kann vermutlich auch als mysteriöses Manifest gelesen werden: »We’re snorting dreams / We’re courting dreams / For distorting time / To disturb the procession / Preserved in our mind«. Sigmund Freud hätte sicher seine Freude daran gehabt – und eine Menge Arbeit.

    Auf Dauer jedoch verbraucht sich die gekonnt inszenierte Tristesse der verträumten Combo ein wenig, wenn etwa »Verdant Gaze« kaum mehr als die nostalgische Skizze eines Songs liefert, ja sogar wie ermüdeter Zitat-Pop wirkt, der nicht genau weiß, was er will: Altvordere ehren, die Pop-Geschichte hörbar und für die Gegenwart nutzbar machen oder doch nur stoisch auf der Stelle treten? Auch »Spiral Transit« ergeht sich etwas zu selbstgefällig in der rhythmisch verschleppten Schwermut, die den adäquaten Soundtrack zur globalen Wirtschaftskrise bilden könnte, frei nach dem Motto: Sagt alles ab und kapituliert, vielleicht renkt sich irgendwann alles wieder ein. Monotonie und Resignation könnten womöglich auch eine Strategie sein, der Unbill unserer Tage zu begegnen. Das tut dem insgesamt schlüssigen Eindruck von »Alight of Night«, das dem schallenden Gitarrengeschrammel einige süffige Orgel- und Mundharmonikapassagen hinzufügt, allerdings keinen Abbruch: hier hat eine Band von Anbeginn an zu ihrem eigenen stimmungsvollen Sound gefunden. Ihre nervösen Up-Tempo-Nummern gehen sofort in die Beine, bringen Licht in die dunkle Nacht und werden so manchen alternativen Dancefloor ohne Zweifel bereichern.

LABEL: Angular Recordings

VERTRIEB: Alive

VÖ: 06.03.2009

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