Deutschland lockert sich. Wen man dabei wieder treffen darf, zeigt aber, wie überkommen unser Begriff von Familie ist – rechtlich wie persönlich.

Liebe SPEX-Leser_innen,

die Lage ist ernst: Meine beste Freundin hat Hausverbot in meiner Wohnung. Das zumindest wäre eine Möglichkeit, meine kleine Logbuchgeschichte hübsch polemisch zu verknappen (und andere beste Freund_innen sträflich zu unterschlagen). Die Langversion enthält viele Konjunktive, Unsicherheiten und beginnt an meinem Küchentisch. Dort saß ich kürzlich mit meinen drei Mitbewohnerinnen, um darüber zu beraten, wie wir unser Sozialleben in den kommenden Wochen organisieren wollen. Schließlich überrennen die Menschen ja schon wieder die Parks und Restaurants, und wenn dann auch noch alle mit freundlichen, selbstgenähten Floral-Print-Masken durch den Mai schlendern, fühlt sich die Welt schon gar nicht mehr so sehr nach Seuchenhölle an. Da fällt es schwer, nicht in alte Gewohnheiten zu verfallen.

Befindet sich weiterhin im Lockdown-Bereich: Lorenz’ Schreibtisch (Zeichnung: Dennis Pohl).

Bislang waren wir – eher mehr als minder strikt – mit allen Freund_innen, die wir persönlich treffen wollten, brav um den Block gelaufen. Vier Personen in einer WG, alle verbunden mit einem_r Partner_in plus WG, das ergibt ein ordentlich hohes Infektionsrisiko. Also hatten wir beschlossen, keinen Besuch zu empfangen. WG-Lockdown, alles andere war ja auch illegal. Wem aber sollen wir nun, da sich Angehörige zweier Haushalte wieder ganz offiziell treffen dürfen, die Tür öffnen? Wer darf in meine Wohnung, meine Nähe, vollumfänglich in mein Leben – und ist damit, zumindest für den Moment, von scheinbar höherer Priorität als andere? Wer braucht’s grad dringender als der Rest, weil er oder sie allein lebt, depressiv ist, eine Trennung zu verarbeiten hat? 

Bescheuerte, plötzlich notwendig gewordene Fragen. In irgendeiner Form muss man sich schließlich einschränken, auch wenn sich alle Grenzziehungen so bescheuert und willkürlich anfühlen, wie sie eben sind. Also müssen viele von unseren Liebsten draußen bleiben.

Die Krise zwingt uns, das mühsam enthierarchisierte Sozialleben wieder preußisch strikt zu ordnen. Dazu kommt, dass eine Pandemie nicht nur der natürliche Feind aller alternativen Lebens-, sondern auch Liebesformen ist. Sie stellt nicht nur bestehende Paare auf die Probe, sondern erlaubt für alle anderen kein Dating, das über Spaziergänge und Skype-Gespräche hinausgeht, keine One-Night-Stands, keine Affären. Wer eine Beziehung zu dritt, zu viert, zu vielt führt, wird vor noch größere logistische Probleme als ohnehin gestellt. Wenn man mit seinen unmittelbaren Kontaktpersonen vereinbart hat, auf Abstand zu anderen zu gehen, schuldet man ihnen eine Erklärung für Verstöße. Dabei geht es nur bedingt um bürgerliche Moral, sondern um Solidarität und Seuchenschutz. Themen, über die man anders diskutieren muss und kann als über Anstands- und Treue-Definitionen. Auch, wenn selbst Pandemien wesentlich stärker sozial konstruiert werden, als man meinen könnte, wie Kollege Pohl kürzlich im Interview mit einer Expertin für solche Fragen herausfand.

Eine Pandemie ist eine Krise der Körper, schrieb wiederum Kollege Cornils in der vergangenen Woche – und deshalb nicht die rechte Zeit für Uneindeutigkeiten von Nähe und Distanz, für Unschärfen im Freundschaftlichen wie Romantischen. Das kann entspannend sein, denn manchmal sind Uneindeutigkeiten schrecklich, zumindest auf lange Sicht. Oft sind sie wunderschön. Und noch öfter irgendwas dazwischen. 

Wer nun aber glaubt, die (mittlerweile gelockerte) Kontaktbeschränkung auf Partner_innen, Familie und WG-Mitglieder sei nur ein Reizthema für Großstädter_innen mit prätentiösem Polyamorie-Fimmel, irrt sich. Die Corona-bedingten Unsicherheiten im Umgang mit den allerengsten Bezugspersonen offenbaren ein Problem der Gesellschaft: Herzensmenschen außerhalb von Ehe, fester Partnerschaft und biologischer Familie sind vor dem Gesetz zu wenig wert.

Die Journalistin Muriel Kalisch hat in einer Kolumne für die FAS vom vergangenen Sonntag (zu lesen nur über Online-Kioske wie Blendle) die These aufgestellt, dass die Coronakrise zur Renaissance des Begriffs der Kernfamilie geführt habe. Aber besonders für die jüngere Generation, der gerade – häufig zu Recht – Leichtsinn in der Pandemie vorgeworfen wird, sei jene Kernfamilie nicht die biologische. Stattdessen erfüllen oft Freund_innen die Funktion der engsten Angehörigen. Das ist schön, nur ist unsere Gesellschaft dafür nicht ausgelegt. Nicht in Corona-Zeiten, nicht im old normal. Freund_innen, die sich seit Jahrzehnten ihr Leben miteinander teilen, werden nicht mit Steuererleichterungen belohnt wie Eheleute. Und haben nicht automatisch die gleichen Rechte wie Verwandte.

Einer von vielen Altlasten, über deren (sicher nicht unkomplizierte) Überwindung man endlich gemeinsam nachdenken könnte, wenn die Krise uns ihre Schwachstellen schon so unerbittlich vor Augen führt. In unserer Wohnung gilt im Übrigen, so das Ergebnis eines langen, komplizierten Gesprächs, immer noch der Lockdown light: für Freund_innen wie für Familie. Immerhin vermisst man so alle gleich stark.

Wenn man sich, Corona sei Dank, schon beim Morgenkaffee dem Gedanken an Krankheit und Tod stellen muss, kann man schon mal ins bedeutungsschwere Grübeln über Dystopien und Utopien geraten, wie die versammelte SPEX-Redaktion im aktuellen Podcast. Oder sich gleich Gedanken zur Unsterblichkeit machen – wie die Anthropologin und Dokumentarfilmerin Anya Bernstein, auf die ich im Magazin The Nation gestoßen bin. Bernstein stellt in ihrem Sachbuch The Future of Immortality: Remaking Life And Death In Contemporary Russia Visionär_innen aus Russland vor, die im Streben nach Unsterblichkeit Rat in der Neurotechnlogie suchen – oder im Kosmismus, einer Strömung der russischen (Prä-)Avantgarde, die SPEX-Alumna Jennifer Beck kürzlich in einem sehr lesenswerten Essay-Experiment als Pop-Theorie wiederentdeckt hat. 

Nicht unsterblich hingegen ist der Neoliberalismus. Zumindest, wenn man dem niederländischen Historiker Rutger Bregman Glauben schenken mag. Der erklärt auf der Plattform The Correspondent, warum im Zuge der Covid-Krise, anders als beim Banken-Crash 2008, tatsächlich ein globales Umdenken hin zu mehr Gleichheit stattfinden könnte. Kann ein frommer Wunsch sein, ist aber vielleicht dennoch ein schönes Stück zum Freuen oder Aufregen für alle, die in den Defätismus abzurutschen drohen.

Was sonst noch gute Laune macht: Der neue Song von Khruangbin ist mal wieder so angenehm wie eine Strandbrise – und das ist trotz des abgegriffenen Bildes nur als Kompliment zu verstehen. Fordernder ist der bassgewaltige Hip-Hop de Australierin Tkay Maidza – und Moses Sumneys prophetisches, fantastisches Isolationsalbum Græ.

Charli XCX hingegen war immer eine Künstlerin, die ich theoretisch prima finden wollte, aber nie verstanden habe. Nachdem mir jahrelang alle Welt erklärt hat, dass sie eine spannende Figur ist, aber nie zufriedenstellend, warum genau, habe ich ihre Musik mit dem Lockdown-Album How I’m Feeling Now fürs Erste kapiert – und das Faszinosum dahinter dank dieses Porträts im Guardian auch. Glaube ich. 

Hat jemand Bedarf, noch weiter über die Sexismus-Revue von Yoko und Klaas zu diskutieren? Gut, hätten wir das auch geklärt. Vorschlag zur Güte: Stattdessen „The Mrs Files“ lesen, ein spannendes Online-Dossier der New York Times. Bei der Arbeit an einem Storytelling-Projekt fiel den Kolleg_innen dort auf, dass sie Frida Kahlo in einem Archiveintrag als „Mrs. Diego Riviera“ listen. Für sie war das der Ausgangspunkt, in ihrem Archiv zu untersuchen, wie die Übernahme des männlichen Namens die Identität und Rezeption von Frauen in der Öffentlichkeit ändert. Eine weitere empfehlenswerte NYT-Geschichte ist dieses Porträt über den Star-Journalisten Ronan Farrow, der für seine Recherchen zum Weinstein-Skandal mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnet wurde. Ben Smith verhandelt darin die Gefahr, Journalist_innen kritiklos zu Held_innen zu stilisieren – und sorgte prompt für Widerspruch des New-Yorker-Redakteurs Michael Luo. Wichtige Debatte.

Im Übrigen killt Corona nicht nur die Mittelklasse, wie Eliza Griswold im New Yorker schreibt. Die Krise stellt auch die Stadtplanung vor völlig neue Herausforderungen, bietet aber gleichzeitig neue Chancen. Welche das sind, erklären Doris Kleilein und Friederike Meyer, die gerade die Auswirkungen der Covid-19-Pandemie auf das städtische Leben untersuchen, in einem Text in der Taz. Als ich in diesem Zuge mal wieder darüber nachdachte, wie sich Berlin in den zehn Jahren, die ich hier mittlerweile lebe, verändert hat, als ich traurig wurde über die vielen schönen Orte, die es nicht mehr gibt, und mal wieder bei der Frage landete, wann auch Gentrifizierungskritik eigentlich zu Strukturkonservatismus wird, traf City Limits von Colson Whitehead einen Nerv bei mir – ein wunderschöner, melancholischer, hellsichtiger Text aus seinem Band The Colossus Of New York (auf den mich wiederum ein Essay gebracht hat, das die Frage umkreist, wie die Corona-Krise gerade New York City umkrempelt).

Whitehead schreibt:

„Maybe we become New Yorkers the day we realize that New York will go on without us. To put off the inevitable, we try to fix the city in place, remember it as it was, doing to the city what we would never allow to be done to ourselves. The kid on the uptown No. 1 train, the new arrival stepping out of Grand Central, the jerk at the intersection who doesn’t know east from west: those people don’t exist anymore, ceased to be a couple of apartments ago, and we wouldn’t have it any other way. New York City does not hold our former selves against us. Perhaps we can extend the same courtesy.”

Dasselbe gilt für Berlin, schätze ich.

Spaziert dann mal weiter um den Block:
Eure Julia Lorenz