Das Virus wirft ein grelles Licht auf die sozialen Ungerechtigkeiten unserer Gemeinschaften und Gesellschaften. Eine historische Chance, die wir nicht verstreichen lassen sollten.

Liebe Leser_innen,

ich telefoniere dieser Tage wieder öfter mit meinen Eltern. Globale Krise, allein zu Hause, ihr wisst schon. Aus diesen Telefonaten ist ein schöner gegenseitiger Austausch von Perspektiven erwachsen. Zwischen mir in meiner großstädtischen Kulturblase und meinen Eltern in der mittelstädtischen Provinz. Während ich in den ersten Tagen des Lockdowns und der Isolation immer wieder darüber jammerte, wie sehr mein Leben auf den Kopf gestellt sei und wie sehr ich alles vermissen würde – Freund_innen treffen, Kneipen, Kino, Konzerte, Pasta in der Markthalle –, blieben meine Eltern recht unbeeindruckt. In ihrem Alltag hatte sich kaum etwas verändert. Mein Vater arbeitet schon seit einigen Jahren im Homeoffice. Meine Mutter als Arzthelferin im Krankenhaus.

Ich erzählte, wie mir Aufträge wegbrachen und Stunden gekürzt wurden. Und meine Mutter davon, wie das Krankenhaus, in dem sie arbeitet, sich Schritt für Schritt auf den Anstieg der Covid-19-Infektionen vorbereitete. Und während die Pandemie mich in meinem Alltag zwar einschränkte, aber dennoch sehr abstrakt blieb, ging meine Mutter weiter jeden Tag zur Arbeit und traf bald auf die erste infizierte Person.

In der Sicherheit meiner Wohung (Zeichnung: Dennis Pohl).

Ich mache mir Sorgen um meine Mutter. Ich sitze in der Sicherheit meiner Wohnung. Klar, der alte Kumpel Depression kommt wieder öfter aus der Sofaritze gekrochen und die Einnahmen sind runter. Aber die Soforthilfe ist da, die Freund_innen (zumindest virtuell) auch und für die Miete reicht’s. Meine Mutter hingegen muss jeden Tag raus, dorthin, wo das Virus ist. Ich male mir aus, was passieren könnte, wenn unser Gesundheitssystem an seine Grenzen gerät. Wenn die Krankenhausflure auch bei uns so aussehen wie auf den Bildern aus Italien oder aus New York. In dieser Woche war viel von Lockerungen die Rede, von Öffnung. Das verstehe ich. Und dann auch wieder nicht.

Was ich in den Gesprächen mit meiner Mutter aber vor allem verstehe, ist, was für ein Privileg es ist, Zeit zu haben. Wer gerade arbeitet und wer nicht. Ja, in meinem Leben brauen sich ganz langsam dunkle Wolken der Existenzangst zusammen, aber sie sind noch weit entfernt, am Horizont. Auch das ist mein Privileg. Ich kann mir gerade Zeit nehmen. Es steckt ein Keil im großen Hamsterrad. Ich muss nicht produktiv sein, muss nicht leisten, nicht funktionieren.

Was ich aber tun sollte, ist nachdenken. Wir stecken mitten in einer historischen Zäsur. Ein Zurück in die Welt vor der Pandemie wird es nicht geben. Ein Zurück braucht aber auch niemand. Die Gesellschaft, in der wir leben, die Systeme, in denen wir operieren, die steckten schon tief im Dreck, bevor das Virus kam. Corona kills, natürlich. Corona kills aber auch deshalb, weil immer noch gilt: Capitalism kills. Patriarchy kills. White supremacy kills. Covid-19 hat uns nicht allein unterworfen. Diese matrix of domination haben wir uns schon selbst aufgebaut.

Das Virus wirft ein grelles Licht auf die sozialen Ungerechtigkeiten unserer Gemeinschaften und Gesellschaften. Lasst uns diese Chance nutzen und hinschauen. Lasst uns aktiv werden – aber nicht, um das Hamsterrad möglichst schnell und effizient wieder in Schwung zu bringen. Sondern für eine andere Zukunft. Es muss besser werden als die marktgläubigen Vorschläge der weisen Männer der Leopoldina (mehr Thomas’ in der AG als Frauen). Besser als die Aufnahme von 50 unbegleiteten geflüchteten Kindern. Besser als ein Corona-Kanzler Markus Söder im Herbst 2021. Es ist Zeit für etwas wirklich Neues.

Lasst uns diese Zeit nehmen. Auch und gerade für diejenigen, die sie nicht haben.

 

 

Eine andere Zukunft also. Aber wo anfangen? Mein Weg führt mich zurück zu einem Projekt, das ich schon im vergangenen Jahr halbherzig begonnen hatte: die Lektüre des kompletten Oeuvres der leider zu früh verstorbenen Science-Fiction-Autorin Octavia E. Butler. Wo besser beginnen als bei den Geschichten über morgen, wenn wir die Geschichte von morgen schreiben wollen? Nach der Zeitreise-und-Sklaverei-Story Kindred und dem dystopisch-utopischen Doppelschlag Parable Of The Sower und Parable Of The Talents bin ich nun beim großen Welten-und-Götter-Mythos der Patternist-Reihe angelangt. Und weil ein SPEX-Essay meinerseits schon in der Mache ist, sei an dieser Stelle nur so viel verraten: Ich halte Butlers Zukunftsentwürfe für die beste und wichtigste Science-Fiction, die man in diesen Tagen lesen kann.

Eine Sache sei bei all dem Drang nach vorne zugegeben: Auch ich fröne dieser Tage ausgiebig dem Eskapismus. Und das geht kaum besser, erholsamer und beglückender als in den Welten der japanischen Animationsfilme von Studio Ghibli, die – großes Quarantäneglück – seit Februar alle (bis auf eine herzzerreißende Ausnahme) bei Netflix verfügbar sind. Vom Oscar-Gewinner und internationalen Durchbruchsfilm Chihiros Reise ins Zauberland (Sen to Chihiro no kamikakushi) über den knuffeligsten Waldgeist ever (und dann noch der Katzenbus!) in Mein Nachbar Totoro (Tonari no Totoro) bis zur visionären Klimakrise-Fantasy Nausicaä aus dem Tal der Winde (Kaze no Tani no Naushika) von 1984.

Der Konflikt zwischen Mensch und Natur ist eines der zentralen Themen in den Filmen von Ghibli-Mitgründer Hayao Miyazaki, er hat ihn nie besser auf den Punkt gebracht als in der epischen Geschichte von Prinzessin Mononoke (Mononoke Hime). Hier offenbart Miyazaki den Kern seiner Kunst: große, bedeutende, märchenhafte Geschichten zu erzählen, ohne auf einfache Welterklärungen zurückzufallen, auf die vermeintlich klare Linie zwischen Gut und Böse, Schwarz und Weiß. In Prinzessin Mononoke sind die Menschen habgierig und mutig, die Götter jähzornig und hilfsbereit. Und die Person, die die Zerstörung der Natur im feudalen Japan vorantreibt, ist eine Frau, die Sex-Arbeiterinnen aus der Abhängigkeit der Bordelle befreit und ihnen Arbeit in ihrer Eisenhütte gibt.

Es gibt also viel zu sehen und zu staunen. Als Begleitprogramm zur großen Ghibli-Retrospektive empfehle ich übrigens den Podcast Ghibliotheque: Zwei britische Journalisten besprechen pro Folge jeweils einen Film und liefern jede Menge spannender und lustiger Hintergrundinfos, zum Beispiel die Geschichte, wie ein Toastbrot am Morgen Hayao Miyazaki dazu inspirierte, seinem Kollegen Isao Takahata den Spitznamen Paku-san (zu deutsch etwa: Herr Mampf) zu verpassen.

Neben den Geschichten und den wirklich atemberaubend animierten Landschaften sind vor allem auch die Soundtracks und das Sounddesign für die emotionale Wirkmacht der Filme von Studio Ghibli verantwortlich. Was mich zu meiner jüngsten musikalischen Entdeckung und aktuellen heavy rotation bringt: Zen Oikawa. Der arbeitete Anfang der Neunziger an den Ghibli-Klassikern Porco Rosso (Kurenai no Buta) und Only Yesterday (Omohide Poro Poro) mit, hatte da aber schon eine Underground-Karriere als japanischer Kraut- und Psych-Rock-Pionier mit dem Projekt Space Mandala hinter sich.

Anfang der Achtziger gründete Oikawa (der heute auf Instagram eine schöne Mischung aus Hippie-Mucke, Naturaufnahmen und Kettensägenvideos präsentiert) zusammen mit seiner damaligen Partnerin und Violinistin Psycho das Duo Be-2. Die absolvierten zwar über die Jahre immer wieder Live-Auftritte im ganzen Land, mehr als ein paar Tapes und 7-Inch-Platten entstanden dabei aber nicht. Nun hat das italienische Label Ottagono Design Of Music mit Minimum Unit Of Human Existence eine Track-Zusammenstellung aus den Jahren 1982 bis 1984 veröffentlicht, die einen Einblick in diese so mysteriöse wie wundersame Musik ermöglicht – irgendwo zwischen kristallklaren Ambient-Seen und kosmischem Krautgerocke zu handgeklopften Techno-Stampf-Beats.

Zum Schluss noch ein kleiner Hinweis in der neuen Corona-Kategorie „Veranstaltungstipp ohne Veranstaltung“: Auch das Berliner Hebbel am Ufer muss weiterhin die Türen geschlossen halten, das Programm aber läuft zumindest teilweise weiter. Und zwar nun auch in Podcast-Form: Zur dritten Ausgabe der Diskursreihe „Burning Futures: On Ecologies Of Existence“ wird ins erstmals ins Audioformat gewechselt. Unter dem Titel „Big Farms Make Big Flu“ spricht der Autor und Evolutionsbiologe Rob Wallace vor dem Hintergrund der Corona-Krise darüber, wie der grenzenlose menschliche Eingriff in die Natur die Ausbreitung tödlicher Infektionskrankheiten bedingt.

Passt auf euch auf und denkt mal drüber nach!
Euer Julian