Wenn die Querfront marschiert – und im Lockdown ihre Angst vor der Diktatur bestätigt sieht: Wie soll man da noch die Kanzlerin dissen? Über das Dagegensein in Covid-19-Zeiten.

Liebe SPEX-Leser_innen,

wann seid ihr zum letzten Mal so richtig dagegen gewesen? Und wie hat sich das geäußert? Ich nämlich verknote mir seit Beginn der Corona-Krise das Hirn über die Frage, wie und in welcher Form Protest gerade sein kann, sein darf oder sein muss. Besonders seit vergangenem Samstag. Da fand vor der Berliner Volksbühne die bislang größte „Hygiene-Demonstration” statt, unter vollem Querfront-Aufgebot: Verschwörungstheoretiker_innen, stramme Rechte, Impfgegner_innen und Ken Jebsen himself nutzten eine Demo gegen den Lockdown als Bühne für ihre krude Weltsicht. Drauf geschissen, dass wir das ganze Ausmaß der Katastrophe wahrscheinlich noch gar nicht ermessen können, wie eine Recherche der New York Times zeigt: Die da oben werden bestimmt wieder was im Schilde führen.

Es war nur eine Frage der Zeit, bis die Aluhüte auf der Matte stehen – im Übrigen nicht nur in Deutschland. Denn natürlich hat die Pseudo-Opposition gerade ein leichtes Spiel. Schließlich ist die staatliche Repression, die seit jeher herbeifantasiert wird, aus Gründen des Seuchenschutzes ja nun tatsächlich real, wie Johannes Schneider in einem Essay für die Zeit sehr richtig bemerkte. Nun faselt also eine freidrehende Ex-Oberbürgermeisterin in der Presse von „Kontaktsperren-Totalitarismus“ und „Ermächtigungsgesetzen”. Und der irrlichternde Chefredakteur einer großen linken Zeitung wundert sich seit Wochen sehr beharrlich und faktenresistent über die Lockdown-Maßnahmen – und beweist damit, dass Menschen, die ein passiv-aggressives „Ich stelle nur Fragen!“ ins Netz hacken, selten wirklich auf der Suche nach Antworten sind.

Das vollständige Chaos passte nicht ins Bild: Lorenz’ Schreibtisch, geschönt (Illustration: Dennis Pohl).

Leider zeigt der Aktionismus dieser Möchtegern-Widerständler_innen eine ärgerliche Wirkung bei mir: Wo alle, die den Lockdown sinnvoll finden, zu verblendeten Deppen erklärt werden, kriegt ein kritischer Umgang mit Regierungsbeschlüssen schnell einen schalen Beigeschmack. Die Folge sind Lähmungserscheinungen, Lethargie, Verstummen – und Skepsis gegenüber Protest.

Die sorgt dann dafür, dass ich fast ein bisschen empört bin, wenn die von mir so geliebte Annie Ernaux in einem Brief an Emmanuel Macron mahnend schreibt: „Wir werden uns auch unsere derzeit eingeschränkten demokratischen Rechte nicht auf Dauer nehmen lassen“ – wo der französische Premier zwar ein lupenreiner Neoliberaler, aber wohl eher kein zweiter Viktor Orbán ist, der im Verdacht steht, den Lockdown zur Abschaffung der Demokratie zu nutzen. Plötzlich findet man sich in der Rolle wieder, Machthaber_innen zu verteidigen.

Ich würde ja nicht mal so weit gehen wie viele andere selbsterklärte Linke, die Liebeserklärungen an Angela Merkel posten. Denn die bleibt zwar toll besonnen, professionell und ist in ihrem trockenen Understatement generell cool, aber eben immer noch eine Konservative. Ein wenig erwischt fühlte ich mich von Arno Franks Geständnis im Spiegel, er lasse sich plötzlich ganz gern regieren. Wird Passivität zur Opposition, wenn Distanz Fürsorge bedeutet? Bloß nicht – dann würde die Querfront ja Recht behalten mit ihrer Mär von der doofen Lemmingherde. Das Problem ist nur: An wessen Seite stellt man sich gerade? Und wer gehört bestreikt?

Gerade kann man ja oft noch nicht einmal sagen, was eigentlich „links“ ist, was „antiautoritär“ oder „solidarisch“. Sollte man sich etwa über die Öffnung von Spielplätzen freuen, die vielen am Limit agierenden Eltern ein wenig Entspannung verschafft? Oder die kommenden Lockerungsmaßnahmen als zu voreilig verurteilen, als Erfolg aller, die ein paar Einschränkungen zum Schutz der Verletzlichsten der Gesellschaft nicht ertragen können?

Ich möchte dieser Tage zu keinem Lager gehören: Nicht zu den wirr umherraunenden Sozialdarwinist_innen, aber auch nicht zu den Moralheld_innen, die in Parks picknickende Menschen fotografieren. Ebenso wenig mag ich in den Chor derer einfallen, die nach einer halben Stunde Netzrecherche sowohl Mitmenschen als auch Politik belehren wollen. Nicht mal yours truly Christian Drosten kann ja heute wissen, ob er morgen für seine Thesen noch die Hand ins Feuer legen würde. Er gibt das sogar ständig zu.

Vielleicht hilft’s ja, mal aus dem Fenster zu schauen. Sich bewusst zu machen, dass man sich beim Umgang mit dem Virus irren und revidieren darf. Und dass andere Themen da draußen trotzdem wichtig bleiben, oder eher: drängender denn je sind. Denn Corona krempelt die Verhältnisse nicht auf links. Die Krise verstärkt vorhandene gesellschaftliche Schieflagen, wie auch Susan Arndt in einem lesenswerten Essay beschreibt. So gestaltet es sich noch schwieriger als sonst, eine Abtreibung durchführen zu lassen. In England fand man heraus, dass Weiße seltener an Covid-19 sterben als People of Color. In einem Land wie Malawi stehen 30 Intensivbetten für 18 Millionen Einwohner_innen bereit. Und in Bangladesch ächzt die Bekleidungsindustrie, weil europäische Firmen die Lockdown-bedingten Ausfälle einfach an die eh schon ausgebeuteten Beschäftigten weiterreichen.

Damit wir uns nicht falsch verstehen: Niemand muss persönliches Leid gegen die Ungerechtigkeit in der Welt abwägen. Nur ist es für alle, die gerade die Kraft dafür haben, wichtiger denn je, eigene Themen zu setzen – und für die auf die Straße zu gehen.

In den vergangenen Wochen habe ich mich immer wieder beim Gedanken erwischt, etwa genderpolitische Gedanken beiseite zu wischen, weil es gerade vermeintlich Wichtigeres gibt. Aber gerade weil uns die Krise noch eine Weile begleiten wird, ist’s vielleicht an der Zeit, sich mit ihr zu arrangieren. Auch als politisch denkender und handelnder Mensch. Wie gut das auch in Covid-Zeiten funktioniert, zeigte etwa eine Demonstration in Tel Aviv: Rund 2.000 Menschen stellten sich artig in Gitterformation auf, um gegen die Politik von Benjamin Netanyahu zu protestieren. Nicht nur die Querfront kann Demos organisieren.

Die Übereinkunft, der Regierung in Sachen Schutzmaßnahmen nicht nur das Schlimmste zuzutrauen, geht durchaus zusammen mit scharfer Kritik an ihrer Arbeitsweise. Das sorgt erstmal für einen Knoten im Kopf. Aber wenn der platzt, gehen vielleicht auch die Lähmungserscheinungen vorbei.

 

 

Anstatt in Aluhut-Manier freizudrehen und ernsthaft seltsam zu werden, könnte man den Lockdown auch nutzen, um die edlen Schrullen zu pflegen. Endlich Finnisch lernen! Oder sein Wissen über chinesischen Post-Punk erweitern, während man sich einen fiesen Kurzpony schneidet, verdammt, man kann sogar zu zweit einen Lesekreis gründen (heißt dann nur eher: Leselinie). Soweit die Theorie. In der Praxis wurde mit dem öffentlichen Leben leider auch meine Hirnaktivität heruntergefahren. Zum einen, weil ich mich aufnahmefähiger fühle, wenn ich in Bewegung bin, durch die Stadt flitze, das Getriebe in Gang halte. Und zum anderen, weil jeden Tag so viel Ungewissheit auf mich einströmt, dass der Klang von vertrauten Songs verlockender ist als die Aussicht auf Neuentdeckungen. Falls es euch auch manchmal so geht (Bitte sagt ja!), könnt ihr euch drüben bei Pitchfork von Jeremy D. Larson erklären lassen, warum das so ist. Und wieso es trotzdem gerade jetzt lohnt, hungrig auf neue Musik zu bleiben.

Zum Beispiel auf die SPEX-Playlist „Musik zur Zeit“. Die politischen, eleganten Cumbia-Updates von Lido Pimienta, den Folk und Funk fusionierenden Sound von Buscabulla, den klassisch schönen Spät-Nineties-R’n’B von Cleo Sol, die Gerüchten zufolge Teil meiner superduperanonym auftretenden aktuellen Herzensband Sault sein soll. Oder den neuen Track von Kelly Lee Owens, Vorbote ihres zweiten Albums Inner Songs, das am 1. Mai erscheinen wird. Weniger behaglich, ebenfalls toll: der Kraut-Rock von Die Wilde Jagd. Oder aber man baut auf Carla del Fornos Show beim Online-Radiosender NTS.

Wer durch den Taz-Text von Diedrich Diederichsen auf die faszinierende Story des lange verschollenen Songwriter Craig Smith aufmerksam geworden und nun in Stimmung ist, noch mehr schräge, vergessene Künstler_innen kennenzulernen, könnte sich The Unicorn anschauen: ein Biopic über den Außenseiter-Künstler Peter Grudzien. Der spielte wundersamen, wunderschön psychedelischen Country und sang schon in den Siebzigerjahren offen über seine Homosexualität, fernab eines großen Publikums.

Ebenfalls schon älter, ebenfalls fantastisch: Das 1966 erschienene Album Walkin’ My Cat Named Dog der kürzlich verstorbenen Songwriterin Norma Tanega, auf das ich stieß, als ich neulich zum hundertsten Mal meinen ewigen Feelgood-Film What We Do In The Shadows schaute – ihr Song „You’re Dead” läuft in der Eröffnungssequenz. Manchmal fördert die Lust auf Redundanz eben doch Neues zutage.

Vielleicht liegt es auch an meinem erwähnten Aufmerksamkeitsdefizit, dass ich gerade so gern Kurzgeschichten lese, aktuell die (alp-)traumhafte Storysammlung Sieben leere Häuser der Argentinierin Samanta Schweblin. Bessere Nachtlektüre ist allerdings Maren Kames großartiger Lyrikband Luna Luna: in Form, Inhalt und Haptik schwarzer Samt fürs Gemüt!

Wer einen so interessanten wie schwer verdaulichen Text aushalten kann, dem empfehle ich diesen Essay des Literaturwissenschaftlers Simon Sahner: Er beschreibt das Zeitempfinden während seiner Chemotherapie.

Ansonsten ganz oben auf meiner Leseliste: Recollections Of My Non-Existence, das Memoir von Rebecca Solnit, die im Übrigen nicht nur (mehr oder minder) für die Erfindung des Begriffs „Mansplaining“ verantwortlich ist, sondern auch ein Herz für Stadtsoziologie hat. Mit ihrem Essay-Sammelband Nonstop Metropolis, der US-Großstädte von New York City bis New Orleans untersucht, kann man gerade ziemlich gut sein Fernweh stillen.

Apropos Stadt: In Berlin soll der sogenannte Mäusebunker, ein Brutalismus-Wahnsinnsbau, abgerissen werden. Auch wenn die Liebe zu brutalistischer Architektur in den vergangenen Jahren zum Distinktions-Must-Have geworden ist, täte es mir doch aufrichtig leid um das imposante Ding. Die Petition zur Rettung werde ich also unterschreiben. Unsere Freundin und SPEX-Autorin Aida Baghernejad hat für das Stadtmagazin tip mit den Initiator_innen der Rettungsaktion gesprochen.

Was ich sonst noch interessant fand? „We Are Family”, ein Interaktivprojekt des New York Times Magazine über die Protagonist_innen, die gerade die (Queer-)Kultur prägen. Diesen Essay über Algorithmen und soziale Ungleichheit. Und einen Instagram-Kanal, der dokumentiert, wie Tape in Corona-Times zum Material der Stunde im Stadtraum geworden ist. Achja, Spike Jonzes Dokumentation über die Beastie Boys ist nun auch draußen.

Ihr hingegen bleibt bitte drinnen.

Joke, ihr macht natürlich, was ihr wollt. Und werdet damit sicher richtig liegen. Bei besten Intentionen zumindest nicht falscher als alle anderen.

Bleibt gesund – und presst euch doch jeden Morgen eine Orange aus. Fühlt sich direkt an, als hätte man sein Leben im Griff!

Eure Julia Lorenz