Sorgen und Existenzängste kennen derzeit sehr viele Menschen. Gerade deshalb sollten wir uns bei den Verteilungskämpfen nicht in Ellenbogenmentalität üben, sondern Banden bilden.

GuMo liebe Leserinnen und Leser,

letzte Nacht bin ich mit einem Stück angeschmolzener Schokolade über der Augenbraue aufgewacht. Erster Impuls: klebrige Finger ablecken, die den Gefahrenherd auf der Stirn entdeckt haben, Reststück natürlich in den Mund schieben. Wohin auch sonst.

Was hier klingt wie Sittenverrohung, ist bei mir gängiges Muster: In Zeiten, in denen ich unruhig schlafe, schaffe ich es, mir quasi schlafwandelnd Essen zuzuführen, oder zumindest mit in mein Bett zu nehmen, um am nächsten Morgen mit einem angebissenen Butterbrot neben dem Kopfkissen aufzuwachen. Der Kaureflex ist nämlich schwach, wenn man eigentlich schläft. Ieh, bäh, denken sich jetzt sicher einige. Ich mir manchmal auch. Aber gut, jede_r hat seine_ihre Macken. Immerhin laufe ich nicht halbnackt im T-Shirt auf die Straße oder grabe den Garten um, wie es ein Freund von mir schlafwandlerisch gerne regelmäßig getan hat.

Butterbrot und Schokolade sind noch im Bett: Der Covid-Arbeitsplatz von Jessica Hughes (Zeichnung: Dennis Pohl).

Warum überhaupt die Geschichte? Sie ist der Vorspann für das, was morgens folgt. Beim Aufwachen huschen mir derzeit oft Zahlen durchs Hirn. Obwohl ich meinen Finanzhaushalt noch nie besser überblickt habe und tatsächlich zum ersten Mal regelmäßig Buch halte. Ich traue mir schlicht selber nicht über den Weg. Habe ich den nächsten Monat wirklich schon einberechnet? Habe ich vergessen, dass ich im August eventuell doch mal eine Woche Urlaub machen will und dann als freie Journalistin nichts rein kommt? Sollte ich Erträge von A und B wirklich gerade einkalkulieren? Denn wer weiß, wie die Lage im September wirklich sein wird, auch wenn die derzeitigen Bestimmungen für Großveranstaltungen erstmal nur bis August gelten.

Sorgen und Existenzängste kennen derzeit sehr viele Menschen, darunter – um in meiner Blase zu bleiben – eigentlich fast alle, die an irgendeiner Ecke der Kulturindustrie tätig sind, z.B. im Kulturjournalismus. Vor allem Freie wie ich sind zurzeit im Zählwahn. Noch schlimmer ist, dass die gewohnte Selbstgeißelung (also z.B. für sehr wenig Geld idealistisch einen Job zu machen) selbst in Krisenzeiten nicht aufzuhören scheint.

Als Bund und Länder ihre Finanzspritzen und Soforthilfen angekündigt haben, ging ein erleichtertes Seufzen durch meinen Bekanntenkreis. 5000 Euro. Einfach so, schnell auf dem Konto der Berliner Kolleg_innen. Bei der Berliner Investitionsbank wurde nicht viel nachgefragt. Zumindest vorerst nicht. In Hamburg sah’s schon anders aus, mit einem ausführlicheren Antragsformular und dem häufigen Gebrauch des Wörtchens „Liquiditätsengpass”. Schnell wurde klar, dass niemand so richtig an den Graubereich gedacht hat zwischen auf der einen Seite solo-selbstständig zu sein, gleichzeitig aber wenig Betriebsausgaben zu haben. Genau die Zone also, der sich viele freischaffende Journalist_innen zuordnen. Laut Soforthilfe-Plan gibt’s hier meist keinen Liquiditätsengpass, denn die Betriebsausgaben sind im Homeoffice nicht hoch. Natürlich ist alles nicht so leicht auseinander zu dividieren. Aber das blickt keine_r. Selbst der Deutsche Journalistenverband kratzt sich in der eigenen Hilfestellung für Freie am Kopf und kann viele der Fragen seiner Mitglieder nur schulterzuckend an die Regierung zurückspielen.

Wie viele sah auch ich mich sofort in einer Zwickmühle: Auf der einen Seite rieten Kolleg_innen, definitiv den Antrag auszufüllen, denn bereits einkalkulierte Aufträge wurden kurzfristig abgesagt. Andererseits überlebe ich kurzfristig mit dem, was ich gerade noch habe, und das Risiko als Freiberuflerin trage ich ja quasi sowieso immer sebst. Julia Wasenmüller, hat als Kolumnistin im Missy Magazine gerade auch darüber geschrieben und bringt schön auf den Punkt, was nicht nur ich mir dachte: „Ich bin es gewohnt, von unter 1000 Euro zu leben, (…) andere Menschen brauchen das Geld viel dringender.”

Was hier also durchschimmert, ist das eingeimpfte Gefühl der Freiberufler_innen im Kulturbetrieb: Sei doch froh, dass du durchkommst. Sei doch froh, dass du dich mit interessanten Themen beschäftigen kannst. Dafür gibt’s in unserem kapitalistischen System halt keine monetäre Wertschätzung, aber gut. Selbstgewähltes Leid sozusagen. Und, dass du jetzt um diesen Job bangen musst – naja, Blödheit, oder? Das System hat dir doch von Anfang an gezeigt, dass dein Job keine wirkliche Berechtigung hat, oder?

Schlimmer finde ich aber fast noch, dass jetzt selbst unter den Freiberufler_innen eine Moraldiskussion entstanden ist, wem nun eigentlich was zusteht. Solidarität sieht anders aus und ist gerade deshalb ein fester Vorsatz für meine zukünftige Arbeit. Unter anderem ist es ja diese Ellenbogenmentalität, mit der sich die freiberufliche Riege nur noch mehr Probleme bereitet. Als wären prekäre Arbeitsbedingungen nicht genug. Bildet Banden! Klingt zwar blöde, aber macht schon Sinn.

Die Pandemie sollte uns anregen, neu zu denken, neu aufzuteilen. Wer will schon zurück zur „Normalität”. Mely Kiyak schreibt in ihrer täglichen Theater-Kolumne für das Berliner Gorki: „Mit Normalität ist die katastrophale und gnadenlos brutale Flüchtlingspolitik genauso gemeint wie die perverse Überproduktion unserer Waren, nur damit wir Exportweltmeister bleiben – diese ganze üble Art namens ‚das schöne, alte Leben’.”

Let’s overcome, please! Und ein bedingungsloses Grundeinkommen noch oben drauf. Wann, wenn nicht jetzt, wo psychische Entlastung doch an der Tagesordnung liegen sollte?

 

 

Mir ist natürlich durchaus bewusst, dass heute der ideale Tag ist, um über Arbeit, Arbeitsbedingungen in Krisenzeiten und über Geld zu schreiben. Mal sehen, was bei der digitalen Kundgebung des Deutschen Gewerkschaftsbunds im Livestream heute ab 11 Uhr so passieren wird. Eine solche Kundgebung habe ich am 1. Mai noch nie live miterlebt, denn ich musste die letzten Jahre (und auch dieses Jahr) immer arbeiten. Ganz praktisch, dass ich morgen online zwischendurch reinschalten kann, aber wie wäre es eigentlich, wenn dieser Tag Freiberufler_innen vom Staat finanziert würde? Ähnliche Gedanken hatte kürzlich auch schon Kollegin Lorenz. Damals zum Freelancerinnentum am Weltfrauentag.

Zum 1. Mai empfehle ich deswegen auch die aktuelle Ausgabe des Podcasts Feuer & Brot, in der die zwei Macherinnen Alice Hasters (Journalistin, Buch- und SPEX-Autorin) und Maximiliane Häcke (Schauspielerin und Synchronsprecherin) ohne Umschweife über genau das sprechen, was mich morgens beim Aufwachen beschäftigt: Geld! Mehr gegenseitige Unterstützung und mehr Transparenz sind Forderungen der beiden, die ich sofort unterschreibe. Besonders unter Frauen scheint das Thema noch sehr zu Berührungsängsten zu führen, schambehaftet zu sein und gleich ganz unter den Tisch gekehrt zu werden. Denn wer gibt schon gerne zu, dass sie_er zwar nach außen selbstbewusst wirkt, aber genau weiß, dass sie_er in der Gehaltsverhandlung über den Tisch gezogen wurde. Um das Selbstwertgefühl wieder gerade zu bügeln, bezahlen wir dann eine_n Therapeut_in, so beschreibt es Julia Wasenmüller schön im bereits erwähnten Missy-Text. Absurderweise scheint Geld immer noch ein tabuisiertes Gesprächsthema zu sein. Eine Freundin erzählte mir erst vor ein paar Tagen beschämt, dass sie schon gerne 1800 Euro brutto monatlich verdienen würde. Nicht, weil ihr das zu wenig, sondern fast wie ein zu hoher Betrag vorkam. Sie ist selbstständig im sozialen Sektor. Muss ich dazu noch mehr sagen?

Zu Solidarität rufen gerade viele kulturellen Betriebe auf. Und häufig geht’s dabei gar nicht um die eigene Haut. Kampnagel z.B., ein Veranstaltungsort für darstellende Künste in Hamburg, lässt gerade aktuelle politische Slogans auf Kleidungsstücke drucken, um mit dem Erlös freischaffende Künstler_innen zu unterstützen, die von staatlichen Hilfsprogrammen nicht aufgefangen werden. Ein Pullover mit #SchlussMitAusterität oder#LeaveNoOneBehind könnte auch zu deinem Krisen-Souvenir werden (*wink*).

Dass man Print- und Online-Magazine derzeit besonders mit Abos unterstützen kann, ist klar. Gleiches gilt allerdings auch für viele kleine Verlage, wie z.B. die Parasitenpresse. Wie wäre es, regelmäßig mit einem Lyrikheft im Briefkasten überrascht zu werden? Gerade erschienen ist dort der zweite Gedichtband der Musikerin Mira Mann, die man auch als Teil der Band Candelilla kennt. Einen Vorgeschmack auf Komm Einfachbekommt ihr sogar bei uns! Für die erste Ausgabe unseres SPEX-Podcast hat Mira Mann schon im November eines ihrer damals noch unveröffentlichten Gedichte eingesprochen. Nachdem Mann Anfang 2019 in Gedichte der Angst eine Krankheitsdiagnose verarbeitet hat, liest sich Komm Einfach wie die Fortsetzung des eigenen Heilungsprozesses. Gerade in Pandemiezeiten bekommt der Band eine neue Aktualität, dreht er sich doch darum, wie es ist, die Welt und den Körper mit neuen Augen zu erkunden und zu sehen.

Eigentlich will ich nicht dazu aufrufen, Kultur umsonst zu konsumieren, wenn man etwas dafür zahlen kann. Andererseits bieten viele Streams nun einer breiteren Masse die Möglichkeit, z.B. Konzerte umsonst zu erleben. In Köln startet am 1. Mai das „Acht Brücken Freihafen“-Festival, dessen Musikprogramm unter dem Motto „Musik und Kosmos – Eine Reise durch Raum und Zeit” vom WDR übertragen wird und on demand in der Mediathek 30 Tage abrufbar bleibt. Selbstverständlich reisen die Musiker_innen dafür nicht an, sondern spielen in ihren jeweiligen Heimatländern, u.a. das norwegische Neue-Musik-Ensemble Asamisimasa.

Auch das Theatertreffen beginnt am 1. Mai in Berlin in streambarer Version (und zum ersten Mal auch mit eingeführter Quote). Von zehn innovativen Stücken aus dem deutschsprachigen Raum werden sechs Inszenierungen bis zum 9. Mai als Mitschnitt on demand zur Verfügung gestellt. In täglichen Live-Gesprächen soll es außerdem um Möglichkeiten digitaler Praxis im Theater gehen. Am Dienstag, den 5. Mai, ist u.a. Florentina Holtzinger im Künstler_innengespräch, um über Körperlichkeit im digitalen Raum zu sprechen. Wer bereits ein Stück der Wiener Tänzerin und Choreographin gesehen hat, weiß, dass ihre feministische Tanzpraxis, die Martial Arts und Akrobatik mit einbezieht und weder den Einsatz von Motorrädern noch Autos auf der Bühne scheut, eine sehr besondere Erfahrung ist. Ich bin gespannt auf ihre Zukunftsprognosen.

Ohne ein paar musikalische Stimmungsaufheller will ich euch nicht verlassen. Mit Lorenzo Sennis neuer Platte Scacco Matto rave ich derzeit abends zum Kochen durch die Küche. RVG aus Australien machen zwar Jangle-Pop der altbekannten Sorte, brechen aber mit einigen Stereotypen und liefern auf Feral süße Melodien und bestes Songwriting.

Damit genug.

Ich hoffe, ihr habt morgen frei!

Solidarische Grüße
J.Hughes