Irgendwer, liebe Spexaner_innen,

in der SPEX-Redaktion muss ja die Dinge tun, von denen immer alle denken, dass sie alle aus der SPEX-Redaktion immer tun. Nachdem Pohl sich letzte Woche als Nicht-wirklich-Tocotronic-Fan outete und ich mich nun anschließen muss, kann ich zumindest direkt beruhigen: Immerhin Derrida lesen ist drin.

Der Plan war folgender: Noch kurz ans andere Ende der Welt für einen viel zu lange aufgeschobenen Familienbesuch, Benoît Peeters’ Biografie auf dem Hinflug durchackern, dann Geoffrey Benningtons und Derridas (auto-)biografische Auseinandersetzung mit Werk und Leben zwischendurch reinschieben, bevor die kleinen Texte auf dem Weg zurück drankommen. Es kam anders, und nicht nur das mit der Reise. Verfrüht nach Berlin zurückgekommen wurde erstmal anlassbewusst zu Apokalypse gegriffen und dann Eine gewisse unmögliche Möglichkeit, vom Ereignis zu sprechen aus dem Regal gezogen. Ein im Jahr 1997 gehaltener Vortrag, der gleichermaßen zu- und eingänglich ist, auf kurzem Raum viele Kernthemen Derridas streift und nebenbei noch brutal aktuell ist.

Es ist, als hätte jemand alle Farbwerte der sowieso schon bestehenden Widersprüche einer globalisierten Welt voll aufgedreht (Zeichnung: Dennis Pohl).

Denn wir befinden uns mittendrin in so einem Ereignis, wie es in der westlichen Welt so vermutlich seit dem 11. September 2001 nicht mehr wahrgenommen wurde. So merkwürdig es allerdings auch scheint, dennoch weiterhin zum Supermarkt gehen zu können und zur Arbeit zu müssen: Um uns herum passiert gerade etwas Großes, Unvorhergesehenes, bis dato Unvorstellbares, über dessen Möglichkeit zu sprechen uns vorher noch unmöglich war.

Wir müssen also reden. Oder besser noch: schreiben. Die alte Teletechnik erlebt ein kleines Revival in Zeiten sozialer Abstandnahme. Es wird das halbe Internet vollgeschrieben mit Gedanken zu dem, was war, was ist, was da wohl kommen möge und was von da an anders sein muss. Das ist nur folgerichtig, denn jede Krise geht immer mit Kritik einher, wie mich auch Derrida nochmal erinnerte: Beide wurzeln im selben Wort, κρίνειν (krínein, zu Deutsch: [unter-]scheiden, trennen) und bedingen einander derzeit fröhlich.

Slavoj Žižek beispielsweise ist gemeinhin kein Kind von Langsamkeit und hat also natürlich schon das erste theoretische Werk zur Pandemie verfasst und auch sonst werfen die prominenten Vertreter_innen politischer Theorie gerade so viel um sich, dass sich kaum Schritt halten lässt. Das ist nur verständlich: Was vor zwei Monaten noch unter Gegenwartsanalyse lief, ist heute schon mit historischem Abstand zu lesen und mancher Gedanke zum Stand der Dinge über wenige Wochen hinweg völlig vorgestrig geworden. Es muss, das ist klar, alles neu verhandelt werden.

Und das heißt wirklich: alles. „The COVID-19 pandemic will change everything for better or worse”, betitelte Christine Berry nicht ohne Grund ihre Einschätzung der Situation auf dem Blog des Verlags Verso, wo auch die englische Übersetzung eines Artikels aus Le Monde erschienen ist, in dem Cédric Durand und Razmig Keucheyan gleich vier parallel ablaufende Krisen diagnostizieren. Und dass die ökonomischen Folgen der Pandemie keineswegs auf das Virus allein zurückzuführen sind, durchaus aber von ihm verstärkt werden, argumentiert Michael Roberts in den immer unbedingt lesenswerten Analysen, die er auf seinem Blog veröffentlicht.

Mehr Texte aus aller Welt und in vielen anderen Sprachen liefert der Newsletter beziehungsweise das Online-Archiv Coronavirus Readings von The Syllabus. Ein Blick darauf allein beweist: Die Gemengelage ist kompliziert. Warum aber eine dezidierte Stellungnahme in politischer Hinsicht aktuell schwieriger denn je scheint, hat Moritz Rudolph im Merkur in nur wenigen Worten bereits vor einer Weile konzise auf den Punkt gebracht:

„Dass das Virus im spätkommunistischen China unter kapitalistischen Bedingungen ausbrach (Wildtierhaltung für wachsende Gourmetmärkte) und sich verbreitete (über die Globalisierungsrouten), im kapitalistischen Westen jetzt aber zaghafte kommunistische Sehnsüchte weckt und den Liberalismus zurücknimmt, ist schon ein Ding, das zeigt, wie verworren es hier zugeht und was da alles aufbricht (…).”

Das überhaupt ist es ja, was die aktuelle(n) Krise(n) dermaßen ereignishaft macht: Es ist, als hätte jemand alle Farbwerte der sowieso schon bestehenden Widersprüche einer globalisierten Welt voll aufgedreht. Die Bizarrerie des (vormaligen) Normalzustands tritt akuter denn je hervor, und eine Rückkehr dahin scheint immer weniger wünschenswert. Nur: Wohin soll’s denn nun gehen?

Sollen wir geschlossen in den Miet- oder gleich in den Generalstreik gehen? Sollte das Personal aus dem Gesundheitswesen und der Pflege nicht für mindestens eine halbe Stunde die Arbeit niederlegen, um zu beweisen, wie essentiell und systemrelevant es wirklich ist? Brauchen wir am Ende nicht ein Jubeljahr? Täte es ein bedingungsloses Grundeinkommen, wie es in Spanien gerade salonfähig gemacht wird oder sollten wir nicht lieber gleich das Kapitalverhältnis auflösen? Ist jetzt die Gelegenheit für eine Revolution gekommen, und wenn ja, kommt sie dann auch wirklich von der richtigen Seite? Wie lassen sich über 1,5 Meter Mindestabstand hinweg solidarische Bündnisse schmieden, wie sie angesichts des Versagens linker Parteipolitik erst in Großbritannien und nun auch den USA (von der Bundesrepublik ganz zu schweigen) dringender notwendig sind denn je? Wie lassen sich in derlei kritischen Zeiten kritische Massen organisieren?

Auch wir von SPEX stehen angesichts dieser Krise(n) da und wollen umso kritischer intervenieren. Nur sind uns weitgehend die Hände gebunden und zwar durch genau die elenden Umstände, die in diesem Magazin seit jeher problematisiert werden. Wenn das erst die Tragödie ist, wie wird dann erst die Farce aussehen? Die zahlreichen Kolleg_innen, die aktuell auf allen Plattformen ankündigen, ihren Job verloren zu haben, werden uns sicherlich in kurzer Zeit die Antwort zukommen lassen können.

Wenn uns aber dieses Ereignis eins gezeigt hat, dann, dass Ereignisse weiterhin im Rahmen des Möglichen liegen, so unmöglich sie auch vorzustellen sind. Heißt: Wir geben weiterhin nicht auf. Rund drei Jahrzehnte nach dem Ende der Geschichte könnte immerhin endlich wieder Geschichte gemacht werden.

 

 

 

 

 

Weil ich das ja trotzdem erwähnen muss und weil es zum Vorangegangenen passt: Es gibt einen neuen Tocotronic-Song. Er nennt sich „Hoffnung”, ist vier Minuten und 18 Sekunden lang, hat Streicher-Parts und ein Video, in dem vor allem verwaiste Städte in aller Welt zu sehen sind. Das ist das Meiste, was ich darüber sagen kann. Viel mehr, wenn nicht sogar alles zu den Tocos, können Christian Krach und Horst E. Motor sagen und tun das in einem neuen Podcast, dessen erste Folge die ersten Alben der Band in den Fokus nimmt. Inklusive SPEX-Content, eh klar.

Ansonsten bietet das Zuhauseseinmüssen immerhin Gelegenheit, weitestgehend ungestört ein paar Diskografien nachzuholen oder zu rekapitulieren. Einen Frühlingsmorgen mit Harold Melvin & The Blue Notes zu begrüßen ist genauso kitschig wie angebracht und nachdem ich ein sehr unterhaltsames Interview mit ihr in Pink Noises gelesen hatte, habe ich nochmal die Annea-Lockwood-Alben aus dem Schrank geholt. Vor allem Tiger Balm ist immer noch irre schön und irrlichternd, The Glass World umso mehr. Den Durutti-Column-rerun habe ich einem rewatch von 24 Hour Party People zu verdanken (it is good music to chill out to), immer noch einer der besten Filme, der jemals über Musik gedreht wurde und übrigens fantastisch Seite an Seite mit Velvet Goldmine anzuschauen. Andere Neu- und Wiederentdeckungen der jüngeren Zeit: Asmus Tietchens (vor allem dank unseres Autoren Christian Blumberg das Album Seuchengebiete), Bell Witch (endlich verstanden: die Genialität des Trauerarbeit-Metals von Mirror Reaper) und Bella Boos fantastisches Debütalbum aus dem letzten Jahr (hier bitte „Sommerhouse, später“-Kalauer einfügen).

Aber es gibt auch Musik von heute beziehungsweise für morgen, nicht nur unter den aktuellen Alben der Woche. Um am Anfang gleich zu schummeln: Marcus Fischer veröffentlichte vor Kurzem eine neue und aufpolierte Version seines Album Arctic/Antarctic, das kühler und wunderschöner noch strahlt als schon vor zehn Jahren. Noch älter und dennoch neu ist Hymns Of Oblivion, eine für seine Verhältnisse extrem poppige Kollaboration William Basinskis mit Jennifer Jaffe, die 30 Jahre lang in der Schublade lag. Endgültig in die Gegenwart bugsiert uns DJ Python mit seinem neuen Album Mas Amable, das wie ein Equiknoxx-reimagining des Autechre-Frühwerks und also sehr geil klingt. Top 20, 2020! „ADMSPD” mit LA Warman zumindest ist der atemberaubendste Elfeinhalb-Minuten-Track des Jahres, versprochen. Und Buscabulla machen auf Regresa den lateinamerikanischsten Lo-Fi-J-Pop seit ja, nein, das gab es so vorher überhaupt noch nicht. Das Album erscheint erst Anfang Mai, die Vorabsingle „NTE” muss solange als Versprechen ausreichen.

Neben den Musikfilmen über anno dazumal war zuletzt Selfie ein jüngerer Film, der mich umgehauen hat: Mehr zwischenmenschliche und sozialpolitische Aussagen sind in so wenig Zeit schlicht nicht möglich, und das eher ungewöhnliche Format erlaubt mehr cineastische Poesie, als sich denken ließe. Ansonsten? Six Feet Under hat sich gut gehalten, in Ozark darf Jason Bateman zum bereits zweiten Mal die Rolle seines Lebens (das heißt: die Walter-White-Version von Michael Bluth) spielen und neben Westworld kehrt auch endlich Insecure wieder zurück. Wenn darüber noch Zeit übrig bleibt, wird die in den Mosfilm-Katalog investiert. Eisenstein, Tarkowskij und Co. in HD und für umme könnte schlimmer kommen.

Da bleibt kaum Zeit zum Lesen, obwohl sich natürlich auf dem Schreibtisch Bücher stapeln. Ganz oben liegt Abolish Silicon Valley von Wendy Liu im Verlag Repeater, dessen kritischer Blick aufs Zeitgeschehen ebenfalls schwer von der Krise angeschlagen ist und der derzeit keine Printbücher versenden kann, weshalb alle eBooks um 50% reduziert angeboten werden. Empfehlungen? Logo. Aus aktuellem Anlass natürlich A Life Lived Remotely und The Worst Is Yet To Come sowie selbstverständlich k-punk, gesammelte Texte von Mark Fisher, die vor Kurzem auch in deutscher Übersetzung bei der Edition Tiamat erschienen sind. Auf der Kurzstrecke waren anderswo diese (dann doch wieder recht lange) oral history von Myspace auf bizarre Art sehr aufschlussreich, dieser Artikel über den Gürtel von Notorious B.I.G. gleichermaßen ziellos wie rührend und Cherie Hus Gedanken zum Thema Zuhausearbeit und Musikbranche essentiell wie eh und je.

Noch was vergessen? Ach ja, Essen. Highlight des Quarantänekochens war dieses Fake-Bulgogi auf Linsenbasis, supereinfach und noch besser auf Soba statt auf Reis, weil es dann endgültig wie ein transkultureller Kochunfall schmeckt: pseudo-Spaghetti auf pseudo-koreanische Art. Lässt sich gut mit dem Kimchi kombinieren, für dessen DIY-Herstellung jetzt auch endlich wieder Zeit und Ruhe vorhanden ist. Auch geil und simpel und kostengünstig: dieses Chili mit Tofu, diese Möhrensuppe mit Curry und Erdnussbutter. Und ansonsten bricht die Salatsaison an, eh klar. Süßkartoffeln und Kichererbsen in Öl und allerhand Gewürzen marinieren, für 20-30 Minuten in den Ofen und mit gekochtem Brokkoli und frisch geschnittener Paprika zusammenwerfen, passt immer und vor allem zum Wetter. Denn immerhin das sieht gut aus.

Best,

k.