Fass! Mich! Nicht! An! Soll so der Slogan einer neuen Solidarität lauten? An der zumindest mangelt es weiterhin. Kultur könnte helfen, das soziale Gewebe wieder zu straffen.

Die derzeitige Krise, liebe Spexaner_innen,

ist unbedingt eine des Körpers. So weit, so gut, so banal an ihrem Anfang steht eine Krankheit. Doch ist auch der metaphorische, der kollektive Körper davon betroffen: Das soziale Gewebe, die Muskeln und Sehnen gesellschaftlicher Zusammenhänge, all die Knochen und das Blut des Miteinanders müssen neu gedacht, unsere Bewegungen miteinander und vor allem jene aufeinander zu neu gestaltet werden.

Fass! Mich! Nicht! An! Aber bitte zärtlich (Zeichnung: Dennis Pohl).

Ein paar Beispiele:

1. N. und ich beim Wocheneinkauf. Ich sage etwas und sie versteht es gleich zwei Mal nicht. Zuerst, weil die Maske vor meinem Mund den Schall verschluckt, und dann noch einmal, weil sich aus meinem Gesicht nicht ablesen lässt, wie ich die Aussage wohl meinen könnte.

2. Als B. bei unserer Ecke im Park ankommt, will ich reflexartig von meiner Decke aufstehen und lasse es dann. Er patscht seinen rechten Fuß gegen meinen. „You guys haven’t seen each other for so long!”, sagt C. und hat damit zwar recht, aber auch nicht: Zuletzt haben wir vor etwa einem Monat über Facetime ein Fläschchen Wein miteinander getrunken.

3. Es ist Freitagabend und ich laufe mit einem Bier in der einen und meinem Telefon in der anderen Hand durch die Nachbarschaft, als mir jemand entgegenkommt, der genau dasselbe tut: Bierspazieren mit Buddy an der Strippe. Ich finde das für einen Moment dermaßen surreal und witzig, dass ich S. nicht richtig zuhöre. Der erzählt gerade, dass ihm der Gedanke Trost spendet, dass nicht nur er sondern auch tausende andere gerade von brenzlig-prekären Umständen in existenzielle Not abzurutschen drohen. Wir sind nicht allein. Ja, sage ich, daran zu denken hilft manchmal zumindest.

4. „Ich komme aus Mailand. Ich kenne Menschen, die sind gestorben”, sagt C. zu ihrem (zum Glück seitdem: ehemaligen) Vermieter, der das abtut: Die seien vielleicht mit, aber nicht am Coronavirus gestorben und sowieso sei das alles ein Plot der WHO, die übrigens von Bill Gates finanziert würde und und und… Als die Wohnungsübergabe vorüber ist, sage ich zu ihr, dass ich nicht geglaubt hätte, dass solche Menschen außerhalb der Facebook-Kommentarsektion existieren. Bevor wir uns mit einem Winken verabschieden und nur die Falten um unsere Augen herum verraten, dass wir das mit einem Lächeln tun, empfehle ich ihr noch Paolo Giordanos Nel Contagio.

Giordanos mittlerweile auch ins Englische und Deutsche übersetzte Büchlein liefert einen wichtigen ergänzenden Gedanken zu Žižeks Einsicht, dass aktuell Solidarität neu gedacht werden müsse, weil Solidarität anders als zuvor mit Distanz einher ginge. Praktische Solidarität und physischer Einsatz scheinen einander mittlerweile auszuschließen. Unsere Solidarität, schreibt dahingegen Giordano, befände sich in einer Krise, die auch eine der Vorstellungskraft sei. Wer sich nicht distanzieren möchte, tut das gemeinhin, weil es am Vermögen mangelt, die Konsequenzen des eigenen Handelns in globaler Perspektive abzuwägen. Womit wir wieder beim Körper angekommen wären.

Vielleicht sind die Grenzen unserer Körper auch die Grenzen unserer Welten, womöglich können wir ohne die sinnliche und emotionale Wahrnehmung, ohne körperliche Konsequenzen kein Gespür entwickeln für die Welt außerhalb unserer Haut. Wenn das Coronavirus den Menschen doch nur blaue Punkte ins Gesicht zaubern würde, sagte N. schon im März, würden sich die Menschen in Berlin anders verhalten. Zu der Zeit wurden in ihrer ehemaligen Heimat Mailand die Toten mit Militärfahrzeugen aus den Krankenhäusern abtransportiert. Das waren Bilder, die allen direkt oder indirekt Betroffenen psychisch wehtaten und ihnen damit auch körperlich nahegingen. Es waren Bilder, die um die Welt gingen und dann doch keine breite Solidarität auslösten, weil sie nicht in die Körper eindringen konnten, die sich von all dem weit entfernt wähnten.

Anders unsere Masken, die C.s Vermieter zum Anlass für einen 40-minütigen Monolog darüber nimmt, dass der Coronavirus erfunden sei. Die wirken auf ihn, wirken direkt auf ihn ein, wühlen ihn auf, erregen und, ja, berühren ihn und stoßen ihn zu seinem wirren Sermon an. Er sagt in all dieser Zeit nicht, warum oder zu welchem Zweck, weiter als zur Zwangsimpfung von sieben Milliarden Menschen durch die WHO auf Bill Gates’ Geheiß kommen wir nicht, weil ich eine Redepause nutzen kann, um darauf hinzuweisen, dass wir nicht mehr viel Zeit hätten und die Übergabe jetzt zuende bringen müssten. Ich kann ein bisschen besser mit ihm umgehen, weil ich im Laufe meines Lebens oft genug mit temporären Psychosen in meinem nächsten Umkreis zu tun hatte. Das Verhalten, die paranoide Sprechweise, all das ähnelt sich erstaunlich stark.

Doch wird ihn niemand einweisen. Denn der Wahnsinn, an dem C.s Vermieter eigentlich leidet, ist kein klinischer, sondern Ausdruck einer massiven Krise, die schon vor dem Coronavirus Einzug gehalten hat: In der politischen Theorie und Soziologie wird seit geraumer Zeit von negativer Solidarität gesprochen, um ein merkwürdiges Phänomen der selbstzentrierten Nichtgönnung zu beschreiben: Die und jene dürfen nicht streiken, weil ich dann meinen Flieger nicht bekomme, andere wieder sollen nicht vor dem Krieg fliehen dürfen oder zumindest kein Mobiltelefon bei sich führen, die Wirtschaft darf doch der paar COVID-19-Gefährdeten wegen nicht heruntergefahren werden. Die würden doch eh sterben, das implizite Schulterzucken. Natürliche Selektion und Sozialdarwinismus sind da zwei Seiten derselben Medaille.

So zeigt sich eine bereits seit langem schwelende Krise der Solidarität während der jetzigen Situation in vollem Ausmaße und wird allegorisch von verschiedenen Gesichtern und den dranhängenden Körpern repräsentiert. Was sich jeden Samstag am Rosa-Luxemburg-Platz oder vor dem Reichtagsgebäude in Berlin versammelt, ist allerdings kein solidarisches Bündnis, sondern eine Masse der Singularitäten, deren Vorstellungsvermögen nicht weiter reicht als bis vor die eigene Fresse: Der Mundschutz, den C. und ich uns aus völlig freiem Willen auferlegt haben, er wird zum Politikum, obwohl es sich um ein recht banales Kleidungsstück handelt. Er tut das allerdings, weil er als Fessel am eigenen Körper gefühlt werden kann und so die Vorstellungskraft entfesselt. Next exit: jüdische Weltverschwörung statt internationaler Solidarität. Der Hang zum Verschwörungstheoretischen ist vielleicht zuallererst als Konsequenz einer flächengreifenden Vereinsamung zu betrachten, als Die-gegen-Mich-Haltung. Der Rest ist temporärer Opportunismus im Kollektiv. Querfront.

Die Zusammenschlüsse esoterischer Spinner_innen und rechtsradikaler Kräfte sind gleichermaßen wohlbekannt wie sie weiterhin und aktuell noch umso ernster zu nehmen sind. Ein Trost kann es dabei auch nicht sein, dass sie nur auf tönernen Füßen stehen und sich eigentlich nur jede Menge atomisierte gekränkte Egos zusammenfinden. Denn wenn alle einzeln darüber dem Wahnsinn anheimfallen, weil ihnen etwas vor die Fresse gehängt wird, dann ergibt das automatisch einen kollektiven Körper, kurzum eine Masse. Und nicht erst die AfD bewies, dass jede Masse noch trotz brodelnder interner Konflikte der Koordination fähig ist. Es zeigte sich auch in Christchurch, in Hanau, an all den vielen „Einzelfällen“.

So jedenfalls bedingt also die Wahrnehmung den Wahnsinn. Die Frage ist nur, ob es auch anders möglich wäre, ob sich der kollektive Körper auch ohne diese Konsequenzen konstruieren ließe. Die Fuß-Low-Fives zwischen B. und mir, das Fläschchen Wein über Facetime, meine Erklärungen zwischen Supermarktregalen, wie ich nun dieses oder jenes meinte kann das Grundlage einer neuen und intersubjektiven Solidarität sein, die nach dem Prinzip eines „noli me tangere” funktioniert, wie Žižek es fordert? In der es uns wie S. geht und wir Trost in dem Wissen finden, dass es allen anderen genauso beschissen damit geht? In der sogar die Rührung der Berührung, das Denken an das Andere dem ans eigene Ich vorausgeht? Kann sich darüber eine neue Vorstellungskraft etablieren? Oder brauchen wir vielmehr erst eine neue, radikalere Vorstellungskraft, um darüber zur Solidarität zu finden?

 

 

What else? Nein, nicht was sonst: So wie die Grenzen bei SPEX zwischen Big-picture-Spekulation und Kultur-Einsortierung schon immer fließend waren, soll es hier an dieser Stelle auch nahtlos weitergehen. Das Motto des diesjährigen, von unserem Magazin präsentierten Balance Festivals in Leipzig lautete ursprünglich „Tender Squads“ und umso spannender wird es nun, herauszufinden, was sowohl Zärtlichkeit als auch Geklüngel in dieser neuen Situation bedeuten kann. Einige Lösungsansätze sind zwischen dem 20. und 24. Mai nicht am eigenen Leib, sondern vor allem in der Vorstellungskraft und also auf der Website eines Clubs zu erfahren, dessen Namenswahl nie treffender schien als heute: dem Institut fuer Zukunft.

Obwohl in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten das Kulturelle zu häufig mit dem Sozialen und in Anschluss daran mit dem Politischen über einen Kamm geschert wurde und darüber ökonomische Fragen gerne vergessen wurden, gilt es nun umso mehr, die Trennungen hervorzuheben, um Kausalitäten anzustoßen. Heißt bitte was? Heißt „Your Punkrock, Our Friendship“, zumindest im Falle von Louise Cyphre, deren Gesamtwerk im Juni durch das Label React With Protest neu aufgelegt wird.

Die Musik von Louise Cyphre wurde einem Subsubsubgenre namens Emoviolence zugerechnet und brachte die emotionale Aufgewühltheit von Emocore mit dem strukturlos-zornigen Agitprop von Powerviolence zusammen, das heißt auch persönliche Betroffenheiten mit einer Kritik am Status Quo, wie sie jetzt angemessener ist denn je. Nicht, dass es sich um sonderlich zugängliche Musik handelt. Aber an dieser Kulturproduktion hing eine soziale Dimension, in der ich mich als Teenager mehr als willkommen fühlte – mehr als anderswo, zumindest. Und eben dieses Gefühl des Nicht-allein-Seins dank Musik und der auf (zumindest nominell) anti-ökonomischen DIY-Prinzipien aufgebauten Szene darum prägt immer auch politisch. Denn obwohl ich diese eine Subsubsubkultur irgendwann enttäuscht verlassen habe: Selbst das hat meine politischen Ansichten geprägt und nur die Erinnerung an eine Phase der Zugehörigkeit reicht schon aus, um Pop, Kultur und Pop-Kultur in diesem oder jenem Sinne auf immer zu rechtfertigen.

Wie sehr Kultur den Schlüssel zum Verständnis von Sozialem und Politischem sein kann, beweist übrigens Dan Hancox’ Inner City Pressure. The Story Of Grime. Die Veröffentlichung des Buchs liegt mittlerweile eine herbe Labour-Wahlniederlage und ein Stormzy-Album zurück, hat darüber jedoch nichts an Aktualität eingebüßt. Und das nicht etwa, weil es die vollmundig versprochene Geschichte eines Genres nacherzählen würde – sondern weil Hancox genau das nicht tut. Er schreibt in Themenclustern über soziale Ungerechtigkeit, politische Versäumnisse und ökonomische Missstände und wie sie von Dizzee Rascal bis hin zu Top Boy tief in die DNS eines kulturellen, aber auch sozialen und politischen Phänomens eingeschrieben sind, das wiederum nur und ausschließlich in der ökonomischen Gemengelage Londons hätte entstehen können. Inner City Pressure ist ein Buch über Politik, Gesellschaft, Wirtschaft und manchmal auch Grime-MCs.

So wie Normal People in erster Linie zwar eine Liebesgeschichte erzählen mag, vor allem aber auf brillante Art und Weise darlegt, wie ökonomische Verhältnisse soziale Strukturen prägen und damit auch die Liebe zweier Menschen determinieren. Nachdem mich Jennifer Collins’ großer SPEX-Zweiteiler zur jungen irischen Literatur bereits denken ließ, ich solle unbedingt mal das Werk von Sally Rooney aufholen, kam die BBC-Fernsehserie als shortcut wie gerufen. Im ausgewogenen Miteinander von Naturalismus und vielen Einstellungen im Gegenlicht arbeitet diese unfassbar präzise und doch subtil heraus, wie sehr die eigene Klasse das Verhalten gegenüber anderen steuert.

In den Monaten vor der COVID-19-Pandemie schien sich im deutschsprachigen Raum in einigen Sachbuchveröffentlichungen schon ein Paradigmenwechsel in der politischen Diskussion hin zu einem zeitgenössischen Klassenverständnis anzudeuten, vielleicht kann Normal People trotz der Unübertragbarkeit einiger irischer Besonderheiten auch hierzulande bei der Vermittlung inhärenter Konflikte aushelfen. Wünschenswert wäre das allein deswegen, weil die anlaufende Wirtschaftskrise zuallererst genauso auf dem Rücken der Arbeiter_innen ausgetragen wird wie die aktuelle Krisensituation. Ob nun im Supermarkt nebenan oder in der Agrarproduktion des Globalen Südens.

Wie Pohl schon vor Kurzem schrieb, ist das Kogne- beziehungsweise Entreprekariat vielleicht insofern besser dran, als dass es sich bei seiner Arbeit nicht in potenzielle Ansteckungsgefahr begibt, doch kommt auch der Remote-Working-Marathon nicht ohne Fallstricke. Vereinzelung, Vereinsamung, Überarbeitung und Unterbezahlung – um all das geht es in Siobhan McKeowns A Life Lived Remotely: Being And Work In The Digital Age und weil die Autorin sich vor allem als Copywriterin von Zuhause verdingt hat, liest sich dieses Buch überhaupt nicht so akademisch, wie sein Titel es denken lässt.

McKeown legt schonungslos anhand ihres eigenen Lebens offen, was genau die neue Flexibilität und die immerwährende, totale Verfügbarkeit der digitalen Bohème mit Menschen anstellt, welche Ideologie dahinter steht und was für Auswirkungen das auf humanglobaler Ebene hat. Sie betont jedoch ebenso immer wieder, dass es schon ganz geil sein kann, des eigenes Glückes Schmieds zu sein. Heraus kommt eine dementsprechend nuancierte und höchst unterhaltsame Reflexion eines Phänomens, deren Kausalitätsketten zwischen Ökonomie, Politik, Sozius und Kultur McKeown meisterhaft veranschaulicht.

Das sind vier Vertiefungsangebote, halten wir es zum Abschluss also kurz. In der Kategorie „Best of Ambitionierte Musik“ nehmen Phillip Sollmann mit Monophonie sowie das Reissue von Giuseppe Ielasis Aix den Pokal gemeinsam mit Fire-Toolz‘ Totalüberforderungs-Tumblr-Core-Nachlese Rainbow Bridge nach Hause, während DJ Python hier weiterhin auf der Stelle tänzelt. Wer’s dann doch lieber ruhig mag, soll zu Hiroshi Yoshirmuras GREEN greifen, das bald von Light In The Attic neu aufgelegt wird, oder gleich in Japan bleiben und mit Ima Noshibas Petals Of Ocean’s Sleep And Mask eine absolut untergegangene Figur der japanischen Siebziger als neuen Teetrinker_innen-Soundtrack-Produzenten für sich entdecken, mit Hélène Vogelsingers Contemplation in die Hirnwindungen einer Modular-Magierin abtauchen oder es mit Federico Durands wunderbar unkonzeptuellem Raschel-Ambient-Album Alba als Wandtapete versuchen. Und weil zum Abschied noch irgendein Rezept kommen muss: Hier ist ein Rezept für phở für Faule, lediglich die Gewürze würde ich für den richtigen Effekt mindestens verdoppeln.

Was bleibt zu sagen? Ach ja: Fasst! Mich! Nicht! An! Aber bitte zärtlich.

Best,

k.