In der Covid-19-Pandemie verwächst etwas gefährlich, was eigentlich nicht zusammengehört. Was dabei herauskommt? Weiß niemand.

Liebe Freund_innen,

die gute Neuigkeit gleich vorweg: Ich bin kein Quadratmetermensch mehr. Seit wir uns zuletzt gehört haben, habe ich auf schätzungsweise 14 weiteren Spaziergängen durch Beton und Park weiter die anderen Quadratmetermenschen in meinem Berliner Viertel umkurvt und dabei laut mitgeliefertem Schrittzähler in meinem Telefon rund 55 Kilometer zurückgelegt. Danach reichte es mir. Ich habe meine Sachen gepackt, weitere 755 Kilometer abgerissen, mich im Garten des Elternhauses meiner Freundin in der südwestdeutschen Provinz niedergelassen und zähle neuerdings die Frösche im Teich. Aktuell sind es sieben.

Das hat natürlich seine Vorteile. Zuvorderst viel Sonne, viel Grün, den Frühling, die Natur, den Raum. Die Frösche nehme ich mal aus (fragt mal die werten Kolleg_innen nach der Geräuschkulisse bei Telefonaten oder Videokonferenzen mit mir). Ich bin jetzt Hektarmensch, einen knappen halben haben wir hier zur Verfügung. Klingt gut, oder? Ist es auch. Aber nach einer knappen Woche habe ich gemerkt: So richtig glücklich macht mich das alles auch nicht.

Vom Quadratmetermensch zum Hektarmensch – zumindest für kurze Zeit (Zeichnung: Dennis Pohl).

Nicht etwa, weil ich mich für mein mir zugelostes Privileg schäme. Das tue ich, aber das Problem ist ein anderes. Ich befinde mich nun seit einer ganzen Weile in einer Art Zwischenwelt. Vor mir blüht der Rhododendron und verblühen die Tulpen, der Weißwein für den Abend ist schon kühl, der Wind durchweht drei Trauerweiden und über meinem Arbeitsplatz auf der Terrasse wächst wilder Wein. Dennoch arbeite ich gut und gerne den ganzen Tag, auch wenn ich eigentlich nicht arbeite. Ich checke Mails, rufe Leute an, redigiere und schreibe zu allen möglichen Zeiten. Kurz: Hier verwächst etwas gefährlich, was eigentlich nicht zusammengehört. Arbeit und Freizeit. Erwerbstätigkeit und Urlaub. Kommt euch irgendwie bekannt vor?

Das Problem bin nicht ich persönlich. Ich bin ein mitteljunger weißer Mann in einer Branche, die leider weiterhin von mittelalten weißen Männern dominiert wird. Leuten also, die mich in aller Regel ziemlich gut behandeln. Ich kann das ab, auch die neue Seltsamkeit. Das Problem ist, dass hier gerade ein Prozess rapide beschleunigt wird, der bereits in den vergangenen Jahren angestoßen wurde – mittels gig economy und anderen fixen Ideen einer maximal auf die Bedürfnisse von dezentralen Großunternehmen zugeschnittenen Wirtschaftsordnung.

„Die Folgen sind noch nicht abzusehen“, hört man ja immer wieder, wenn es, wie eigentlich immer, um die Covid-19-Pandemie geht. Richtig. Die Wirtschaft leidet vom großen Zeh bis zum Kopf, die Kulturproduktion steht so gut wie still, meinem halben Freund_innenkreis geht es wirtschaftlich beschissen. Von den psychosozialen Auswirkungen ganz zu schweigen. Was soll da schon Gutes dabei herauskommen? Das weiß niemand. Bei einem bin ich mir aber sicher: Dass wir jetzt wochenlang im Homeoffice arbeiten, wird keine positiven Auswirkungen haben.

Die Trennung von Arbeitsplatz und Wohnort war spätestens seit der industriellen Revolution bis auf einige Ausnahmen, genau, alternativlos. Oder wer hätte bitte zwischen Wohn- und Studierzimmer einen Stahlträger gießen sollen? Mit den Jahrzehnten verschwand dieser Sachzwang zwar in immer mehr Bereichen, dennoch wurde die räumliche Trennung – auch auf gewerkschaftlichen Druck hin – aufrecht erhalten. Aus gutem Grund. Denn wo beide Sphären verschmelzen, lauert der Feind aller Arbeitnehmer_innen: (Selbst-)Ausbeutung, dauerhafter Dienst, fehlende Erholungszeit. Ein Zustand, den die vielen unterbezahlten Freelancer_innen in meiner Branche, also über Jahre auch ich, nur zu gut kennen.

Aber um meine Befindlichkeiten soll es weiterhin nicht gehen. Ganz konkret gefährdet die aktuelle Lage nämlich die bitterlich erkämpften Errungenschaften weniger privilegierter Menschen als mir. Das kollektive Homeoffice torpediert relativ unbemerkt Dinge, die uns allen wichtig sein sollten. Wie sieht es etwa mit der schon vor der Pandemie alles andere als sicheren Trennung von Karriere und Familie aus? Wie sollen berufstätige Mütter, am besten noch alleinerziehend, darauf pochen, dass sie Unterstützung und Hilfen brauchen, um das zu schaffen? Stichwort: „ging doch“. Wenn Frauen, die sich um Kinder kümmern müssen, jetzt aus ganz praktischen Gründen ihr Arbeitspensum herunterfahren: Wer will garantieren, dass die Rückkehr nach der Krise in einer angeschlagenen Wirtschaft auch funktioniert? Auch das war zuvor nicht wirklich einfach. Um es ganz plakativ und verkürzt zu sagen: Homeoffice tötet Arbeit – zumindest so, wie wir sie kennen.

Dieser Tage sprach ich lange mit einer Literaturwissenschaftlerin, die zu der Frage forscht, wie Epidemien die Kultur über die Jahrhunderte beeinflusst haben. Ihre These: Das ist ziemlicher Quatsch. Vielmehr sei es umgekehrt, sagt sie. Der jeweils gegenwärtige kulturelle Konsens sei es, der Epidemien erst ausforme, wie wir sie wahrnehmen, welche Folgen sie haben, was sie zerstören oder aufblühen lassen. Da ist was dran, gerade wenn man auf die aktuellen Entwicklungen schaut. Epidemische Ereignisse wirken wie ein Brennglas, das die Fäulnisherde einer Gesellschaft unerbittlich scharf stellt. Was genau ich beim Blick darauf sehe, erspare ich euch an dieser Stelle, wir hören uns ja wieder. Dann womöglich wieder als Quadratmetermensch. Bis dahin widme ich mich wieder Fröschen und Mails.

 

 

Scheiß drauf. Eigentlich wollte ich euch ja wieder Texte über Texte (und vielleicht einen Podcast) empfehlen. Aber es ist etwas dazwischen gekommen. Florian Schneider-Esleben ist tot. Jener Mann, der 1968 mit Ralf Hütter die Band Organisation gründete, aus der zwei Jahre später Kraftwerk entstanden. Kurzum: Eine der wichtigsten Personen, die die Musikgeschichte zu bieten hat, nicht nur hierzulande.

Und ganz ehrlich: Nachdem das laufende Jahr in Sachen Ableben von Musiker_innen ohnehin schon bewegt war, ist dies der erste Todesfall, der mich tatsächlich sprachlos macht. Nicht etwa aus Trauer, ich kannte den Mann ja nicht persönlich und ohnehin war Schneider-Esleben für mich immer höchstens zur Hälfte physische Existenz und zur anderen Phänomen. Nein, weil mir angesichts dieser Nachricht bewusst wird, was diese Düsseldorfer Band um Schneider-Esleben bedeutet. Und dass ich keine Worte dafür habe.

Als die Nachricht am Mittwoch langsam durch mein Glasfaserkabel gekrochen kam, dachte ich sofort daran, dass ein Nachruf hermüsse. Klar! Aber was schreiben? Dass die Musikwelt heute ohne die Arbeit von diesen Leuten nicht dieselbe wäre? Elektronische Musik, Techno, Afrika Bambaataa, sogar fucking Coldplay? Nein nein, bitte nicht. Das würde der Sache nicht gerecht, wäre es doch nur ein Wiederkäuen von Fakten, die längst ganze Bücherregale füllen.

Ich fand Kraftwerk zunächst: ganz gut. Fünf oder sechs muss ich gewesen sein, als ich das erste Mal „Autobahn“ hörte, mein Vater rezitierte es wenig originalgetreu auf der Fahrt in den Urlaub: „Wir fahren, fahren, fahren auf der Autobahn.“ Ich mochte es, klang witzig. Mit 13 oder 14 kamen diese Erinnerungen wieder hoch, als ich das Stück zum ersten Mal bewusst und komplett hörte. Ich fand es okay. Weiterhin einprägsam und ein bisschen witzig, aber auch ganz schön langatmig mit seinen fast 23 Minuten. Ich hatte natürlich keinen Schimmer, dass das 1974 erschienen war und 1974 klang für mich ohnehin wie Led Zeppelin.

Richtig umgehauen hat mich ein paar Jahre später dann „Radioaktivität“. Ich hatte zwischenzeitlich gelernt, dass 1974 tatsächlich wie Led Zeppelin klang und konnte ganz grob einschätzen, wie unerhört es doch gewesen sein musste, was diese Typen da nur ein Jahr später ausgebrütet hatten. Mit einer Wagenladung Synthesizern und einigen wenigen für damalige Verhältnisse vertrauten Klängen, noch wichtiger aber: mit diesen komischen Prototypen von Maschinen, die klangen als hätte jemand Mathematik in Rhythmus übersetzt.

Die Jahre vergingen und mit ihnen meine musikalische Sozialisation. Ich hörte sämtliche Alben, es bildeten sich besondere Beziehungen zu besonderen Songs heraus („Ohm Sweet Ohm“, „Trans-Europa Express“ samt „Metall auf Metall“ und „Abzug“, „Computer Liebe“), ich verstand immer mehr, wie visionär das alles war, wie unwahrscheinlich und nachhaltig prägend. Aber woran ich heute denke, ist vor allem der Eindruck, den ich bei meiner Begegnung mit „Radioaktivität“ hatte.

In den Siebzigerjahren war Pop Gitarre. Und die Gitarre war eine Schwanzprothese. Auch später im Punk oder Post-Punk. Junge Männer versammelten sich und schossen mit Riffs und Soli gemeinsam zu Klang gewordene Ladungen Ejakulat auf ihr Publikum ab. Kraftwerk waren nichts davon. In ihrer Musik ging es nicht um menschliche Eitelkeiten und schon gar nicht um Schwänze. Um was genau? Mir fehlen die Worte.

Am besten fassen es vielleicht diese Aufnahmen aus dem Fernsehen von 1978 zusammen. Leuchtschrift weist Ralf, Karl, Wolfgang und Florian aus, sie stehen in roten Hemden, schwarzen Krawatten, grauen Hosen, bleichen Gesichtern und geschminkten Lippen vor ihren Geräten und es passiert: nichts. Der Beat von „Die Roboter“ läuft ab, man hält die Männer für Puppen, bis Hütter verzerrt und unterkühlt zu singen beginnt. Die Kamera wechselt zu Schneider-Esleben, der ebenfalls singt und etwas in der Hand hält. Der erste Kommentar unter dem Video kommt von „Lacey Noel“, geschrieben vor vier Jahren: „Can we all take a moment and appreciate how badass this is?“ Besser hätte ich es nicht sagen können. Danke, Florian.

Und ihr anderen gehabt euch wohl, bitte.

Euer
Dennis Pohl