Liebe Freund_innen,

hätte mir das jemand vor drei Monaten gesagt, hätte ich abgewunken. Müde gelächelt bestenfalls. Dass ich Anfang April in der Küche meiner paar Quadratmeter sitze und minutiös meinen täglichen Nachmittagsspaziergang durch die umliegenden paar Quadratmeter plane, auf dem ich pflichtbewusst versuchen werde, den paar anderen Quadratmetermenschen möglichst nicht zu nahe zu kommen. Dass ich danach vielleicht noch mit der bedenklich schnell antrainierten Trias aus Abstand, Argwohn und Mundschutz im Gepäck einkaufen gehe, Brot, Käse, Müsli, Milch, Obst, Gemüse, Alkoholisches, man muss ja wenigstens ein bisschen leben. Danach zu Hause lieber nicht direkt auf’s Sofa, das soll nicht gut sein. Yoga dafür, und Meditation. Morgen früh ganz bestimmt, ich habe ja Zeit.

Gut zwei Wochen geht das jetzt mit kleinen Abweichungen schon so. Montag, Dienstag, Mittwoch, Donnerstag, Freitag, Samstag, Sonntag, Montag. Wochentage, die mit jeder Wiederholung weniger bedeuten, ihr spezifisches Gefühl verlieren, sich angleichen, verschwimmen, 24-stündige Beleidigungen der geophysikalischen Regeln, die sie einrahmen. Sieben Sonntage sozusagen. Ich nehme an, ihr wisst, was ich meine.  

„Und alles, was bis jetzt noch war / Sei dann auf einmal nicht mehr da“ (Zeichnung: Dennis Pohl).

Obwohl ich für SPEX arbeite, waren Tocotronic nie meine Lieblingsband. Noch nicht einmal annähernd, würde ich sagen. Aber einen liebsten Song hatte ich immer: „Die neue Seltsamkeit“, ziemlich weit hinten auf K.O.O.K. Jahrelang vor allem deshalb, weil es schlicht eine verdammt großartige Sache ist, ein Stück von vier Minuten und 46 Sekunden komplett im Konjunktiv zu schreiben. Und dabei mit ziemlich wenigen Worten ziemlich viel über den Zustand der Welt zu sagen. „Und erst jetzt komme man wohl nicht umhin / Sich einzugestehen, dass hier etwas spinnt“. Danke an dieser Stelle dafür.

Dieser Tage höre ich den Song anders. Sicher, wir alle mussten uns zwischenzeitlich eingestehen, dass hier etwas gehörig spinnt. Der wirkliche Unterschied ist allerdings, dass man den Konjunktiv streichen kann. Nichts mehr hätte, wäre, sei. Hier ist sie, die neue Seltsamkeit. Wir leben mittendrin: „Und alles, was bis jetzt noch war / Sei dann auf einmal nicht mehr da“. Und niemand weiß, ob und wann sie wieder verschwindet.

Das Problem dabei ist, dass diese konjunktivbefreite Seltsamkeit nichts von dem revolutionären Hauch hat, der „Die neue Seltsamkeit“ umweht. Klar, Umbrüche wird es nach dieser Zeit geben. Aber allen Anzeichen nach nicht hin zu einer besseren, schöneren, solidarischeren Gesellschaft, auch wenn dieser Traum von den verschiedensten Menschen immer wieder öffentlich geträumt wird.

Die bittere Wahrheit, zumindest aus meinem Umfeld ist: Es geht allen schlecht. Den geschätzten Kolleg_innen und Freund_innen im Pop-Geschäft, Musiker_innen, Autor_innen, Booker_innen, den Betreiber_innen der Läden, auf die wir alle angewiesen sind. Sicher auch vielen von euch, liebe Leser_innen. Und nicht zuletzt auch SPEX. Ihr werdet es mitbekommen haben. Die Anzeigenerlöse sind für den Moment kaum existent, an allen Ecken und Enden bricht etwas weg. Was das Licht brennen lässt, sind aktuell einzig und allein eure Abos. Danke dafür. Von Herzen. 

Und weil es wirklich wichtig ist dieser Tage: Wenn ihr mögt, wie wir Pop-Journalismus ausformulieren, schließt ein Abo ab. Wenn ihr schon eins habt, empfehlt uns bitte weiter. An Freund_innen, Bekannte, die Familie.

Aber trotz eurer zahlreichen Neuabschlüsse geht die Krise auch an der Redaktion nicht spurlos vorüber. Deshalb für einen Moment zu den harten Fakten. Wir sind aktuell dazu gezwungen, unsere Arbeitsstunden zu reduzieren, um damit auch das Unsere zum Überleben des Magazins beizutragen, indem wir Ausgaben sparen. Das heißt konkret: Aus fünf Leuten in verschiedenen Kapazitäten werden bis auf Weiteres eineinhalb Redakteur_innen, die sich um alles spexige kümmern müssen. Denn auch das gehört zu den Auswirkungen der Krise bei uns: Unsere über alle Maßen geschätzten freien Autor_innen können wir in der nächsten Zeit nicht beauftragen.

Das wird natürlich Konsequenzen für unsere tägliche Arbeit haben. Sagen wir’s ganz unverblümt: SPEX stellt auf Notbetrieb um. Wir werden auf absehbare Zeit nicht jeden Werktag einen längeren Text liefern können. Es wird weniger Inhalte geben, dafür aber in gewohnter Qualität. Wie genau das aussehen wird, zeigen die nächsten Wochen. Einige Entscheidungen stehen jedoch schon fest. Unser immens lieb gewonnener Podcast mit Kollegin Hughes wird bis auf Weiteres nur noch einmal monatlich erscheinen. Zum Anfang der Woche werden wir euch mit einem Interview zu aktuellen oder einfach nur wichtigen Themen begrüßen. Kommentare, Features und Essays wird es weiterhin geben, allerdings nicht im gewohnten Takt. Die Musik von morgen wird mit dem Album der Woche zusammengelegt, das seit gestern mit zwei kurzen Extra-Reviews erscheint. Und unseren Newsletter Re: Weekly empfangt ihr nun in der exklusiven Pandemie-Ausgabe mit allerlei Empfehlungen (keine gestreamten Konzerte, versprochen!) für konturlose Tage. Und wer weiß, vielleicht kommen wir zwischendurch auch mal mit einer Überraschung um die Ecke. 

Bleibt uns also gewogen. Wir geben derweil unser Bestes, um sicherzustellen, dass wir nach der Krise wieder zu alter Form zurückkehren können. Montag, Dienstag, Mittwoch, Donnerstag, Freitag, Samstag, Sonntag und verdammt nochmal wieder Montag.

 

 

 

 

 

Okay, eine Sache wäre da noch offen. Geht es euch auch so, dass euch die sozialen Medien in diesen Zeiten noch mehr aufregen als ohnehin schon? Dabei ist Bluthochdruck doch … ach, lassen wir das. Das Tolle an der Krise sei, musste ich da kürzlich irgendwo zwischen blauen Haken und betont schlechter Grammatik lesen, dass sie ein großer Gleichmacher sei. Arme wie Reiche betreffe, keine Unterschiede mache, bla bla bla. Entschuldigt bitte, aber get the fuck outta here

Klar, dem neuartigen Coronavirus könnte es prinzipiell nicht egaler sein, welchen Kontostand jede einzelne Lungenzelle seine_r Wirt_in haben mag. Aber diese Krise ist zuvorderst auch eine gottverdammte soziale Krise. Ärmere Menschen sind überproportional stärker betroffen als wohlhabende, sowohl von der akuten Krankheit als auch von ihren wirtschaftlichen Folgen. Was das mittelfristig bedeutet, dürfte klar sein. Diese Datenauswertung der Kolleg_innen von der New York Times veranschaulicht das am Beispiel New York Citys sehr gut. Ebenfalls aus US-amerikanischer Perspektive, aber auch für Mitteleuropa ein wichtiges Thema beleuchtet dieser Text aus dem New Yorker

Und wo wir gerade dabei sind: Sicher, mit der Aufhebung der Versammlungsfreiheit und anderen Grundrechten geht eine handfeste Krise der Demokratie einher. Aber wäre das nicht ein guter Moment, neu zu justieren, wie wir eigentlich leben wollen? Zu fragen, ob eine Gesellschaft, in der Frauen und Marginalisierte zu den größten Verlierer_innen der Einschnitte durch die Sars-CoV-2-Pandemie gehören, vor der aktuellen Ausnahmesituation nicht schon ziemlich krank war? Man kann den Wunsch verstehen, dass alles wieder normal werden soll, so schnell wie möglich. Aber ist ein Rückkehr zur Normalität, also zur Realität, wie wir sie kannten, nicht ein Fehler?

Bei einer ganz anderen Sache bin ich mir allerdings sicher, dass ihr sie mittlerweile kennt. Netflix ist leer geschaut, Disney Plus nicht im Budget, Apple TV Plus versteht ihr nicht und zum vierten Mal in einer Woche Maybrit Illner zur Coronakrise überlebt ihr nicht? I feel you. Mein Tipp: Holt Sachen nach. Oder schaut, hört, lest sie zum zweiten Mal. Ich beispielsweise stecke zum schätzungsweise fünften Mal mitten in Seinfeld, kann davon berichten, dass die gesamte Diskografie vieler Künstler_innen ziemlich genau vom ersten Kaffee bis zum ersten Schluck vom Schlummertrunk reicht und habe nach Jahren wieder mit dem Zeichnen angefangen und lerne langsam, wie man ein Zine am heimischen Tintenstrahldrucker produziert. Oder lest endlich mal Krieg und Frieden, das schon seit Jahren im Regal steht (als ob!).

Wenn das alles nichts hilft, möchte ich euch meine zwei liebsten Aggregatoren für Kulturthemen empfehlen, die jeden Tag lesenswerte Texte aus den verschiedensten Winkeln des Kulturinternets zusammentragen und aufbereiten: Arts & Letters Daily und New Models. Grundverschieden, aber immer lesenswert. Seid so gut und unterstützt beide, sofern irgendwie möglich.

Ach ja, und ohne diesen Zufallsfund eines Saarländisch sprechenden Vogels aus den Siebzigern hätte ich die letzten Wochen nicht überstanden.

Passt auf euch auf.

Euer 

Dennis Pohl