Courtney Barnett

Courtney Barnett
Courtney Barnett   FOTO: Lisa Sorgini

Cool kid Courtney Barnett erzählt clever und pointiert ihre Geschichten aus dem ziellosen Leben einer Mittzwanzigerin. Ein Portrait der australischen Musikerin.

»Ich bin zu spät, sorry!«, entschuldigt sich Courtney Barnett schnaufend. »Ich musste zur Post und 200 CDs abschicken!« Man hat es offenbar nicht leicht als vielbeschäftigte Labelchefin. Vor knapp einem Jahr hat die 25-jährige Songschreiberin aus Melbourne ihre eigene Plattenfirma Milk! gegründet und leitet seitdem neben ihren eigenen noch die Geschicke sechs weiterer Künstler.

Man darf sich Barnett nun jedoch nicht in branchenkonformen Designerjeans, undone-Dutt und Chanel-Tweedjacken-Look
vorstellen. Sie ist ganz tomboy mit zerzauster Ponyfrisur und Baggy-Klamotten; womöglich einziges weibliches Mitglied einer Clique von Jungs mit Skateboards, die sie um jeden Preis beschützen und mit ihr dreckige Witze reißen, sie aber nie zum feinen Italiener ausführen. Das will Barnett auch gar nicht. Sie ist wohl das, was man in der Schule als cool kid bezeichnete. So wie Barnetts Äußeres werden auch ihre Texte mit keinem unnötigen Weichzeichner bearbeitet. Ihre Gedanken krakelt sie genau so ins Notizbuch, wie sie sind: roh, ungekünstelt, unfrisiert. »Früher dachte ich, alle Texte müssten vor Metaphern überlaufen und so blumig wie möglich sein«, sagt sie. »Dann bin ich wohl ins andere Extrem übergegangen.« In der Tat, Barnett nimmt in ihrem bluesigen, surfigen Böse-Gitarren-Folk kein Blatt vor den Mund: »I masturbated to the songs you wrote / Doesn’t mean I like you, man / It just helps me get to sleep / and it’s cheaper than Temazepam.«

Das erinnert in guten Momenten an Lou Reed. In schlechten an die frühe Lily Allen, deren Texte manche schockierten, die meisten jedoch amüsierten. Was provokant sein soll, wirkt dann fast süß – wie ein Mädchen, das zart errötet, wenn es seinem heimlichen Schwarm ins Gesicht spuckt. Trotzdem sind Barnetts Texte selten plump, sondern vielmehr clever und pointiert, erzählen Geschichten aus dem ziellosen Leben einer Mittzwanzigerin. Da wird auf nine to five geschimpft, es werden Bongs geraucht und die Eltern machen sich Sorgen: »Are you eating? / You sound so thin.« Zwar hat sich die Sängerin zur Labelchefin und gelobten Songschreiberin gemausert, sie arbeitet aber noch heute im selben Pub, in dem sie schon als 18-Jährige hinter dem Tresen ihre Songskizzen heimlich auf Bierdeckel kritzelte. Barnetts großer Bruder öffnete ihr früh das Tor zur Musik, indem er sie auf Nirvana aufmerksam machte. Schon lernte sie, wie so ziemlich jeder, der damals eine Gitarre in die Hand gedrückt bekam, »Come As You Are«, und der Weg war klar. Karohemden trägt sie bis heute.

Barnetts sonderbare Art zu singen und ungewöhnlich zu phrasieren, ist reizvoll und angenehm anders. Nein, sie ist keines der Mädchen, die schon in zartem Alter Whitney Houston unter der Dusche nacheiferten. »Ich hatte mal eine Gesangsstunde«, so Barnett. »Da habe ich geheult!« Sie wollte so gerne sein wie die anderen Talentshow-Mädchen auf der Highschool. Heute gibt sie zu: »Ich bin keine besonders gute Sängerin. Aber ich vertrete meinen Standpunkt.« Die Scheiß- egal-Attitüde hat Barnett mit Patti Smith, die sie als Vorbild bezeichnet, gemeinsam. Nur über den elephant in the room, Bob Dylan, sprechen wir nicht. Zu offensichtlich ist Barnetts Manier, seine Phrasierungen und Betonungen zu übernehmen. »I replicate people I admire«, lautet eine Songzeile in »Don’t Apply Compression Gently«. Nicht die schlechteste Wahl.

Der Spagat zwischen entwaffnender Ehrlichkeit und Banalität gelingt Barnett auf The Double EP: A Sea Of Split Peas nicht
immer. Erfrischend ist, dass sie sich nicht so fürchterlich ernst nimmt wie andere leidende Gitarrenmädchen. Manchmal aber wünscht man sich doch mehr Tiefe und fragt sich, ob der bloße Alltag dieser jungen Frau wirklich interessant genug ist, um auf Platte gepresst zu werden. Wie fühlte sich denn diese Panikattacke, die in »Avant Gardener« leichtfertig besungen wird, an – und was war überhaupt die Ursache? Mit der dünnen Anekdote »Hey, ich hatte eine Panikattacke und der Krankenwagen hat mich beim Gärtnern eingesammelt« macht Barnett es sich zu einfach.

Als das Gespräch auf ihre Coverversion von Kanye Wests »Black Skinhead« kommt, wird die Australierin plötzlich einsilbig. Die große Klappe verstummt. Als Barnett in einer TV-Show den Song coverte, löste das einen gewaltigen Shitstorm aus. Das weiße Mädchen habe doch keine Ahnung, worüber es da singe, war noch eine der harmloseren Anschuldigungen. »Ich will dazu nichts sagen«, gibt sie zu Protokoll. »Ich will einfach, dass diese Kontroverse aufhört.« Dabei muss man Barnetts Mut anerkennen. Es war eine kühne Entscheidung, »Black Skinhead« zu covern, und nur weil sie eine weiße junge Frau ist, heißt das nicht, dass sie leichtfertig mit dem Material umgeht.

Derzeit arbeitet Barnett an ihrem ersten Album. Vielleicht gelingt es ihr, die ihre Songs derzeit noch trotzig als »ein durch Phil Collins’ Urin gebleichtes T-Shirt mit Jerry Garcias Blut drauf« beschreibt, darauf schon, solch intime verletzte Gefühle, wie sie der Kanye-West-Skandal ausgelöst hat, in ihren Songs zu verarbeiten. Irgendwann hat man schließlich genug von Bongs und Skateboards.

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