Cooly G Wait ‘Til Night

Keine Scheu vor diffizilen Brüchen: Ausnahmetalent Cooly G operiert auch auf ihrem zweiten Album Wait ‘Til Night an den Rändern des R’n’B.

In großen Lettern hat Cooly G auf ihrer Facebook-Seite ihren Heimatort angegeben: Mars. Durchaus passend, bedenkt man, dass sich die terrestrischen Stilkoordinaten für die Produzentin, DJ und Betreiberin des Labels Dub Organizer, die 2012 für ihr Debütalbum Playin Me Lobeshymnen einheimste, seit jeher als unzulänglich erwiesen haben. Von Post-Dubstep bis UK-Funky – mit den fliegenden Bezeichnungen für die Derivate des britischen Basskontinuums hat sich Merrisa Campbell alias Cooly G ohnehin nie wirklich anfreunden können. Lieber beschreibt sie ihre Produktionen als »dramatic«. Ein Attribut, auf das auch der R’n’B US-amerikanischer Prägung abonniert ist, für den wiederum Cooly G – bekennender R.-Kelly-Fan – eine langjährige Vorliebe hegt.

In der Hyperdub-Familie steht Cooly G damit keineswegs alleine da, lässt sich doch zum Beispiel auch Jessy Lanza maßgeblich von der goldenen Ära des Contemporary R’n’B der Neunzigerjahre inspirieren. Doch anders als ihre Labelkollegin rückt Cooly G in ihren Produktionen weniger das Popmoment in den Vordergrund. Mit Bestimmtheit operiert das Londoner Ausnahmetalent auch auf seinem zweiten Album Wait ’Til Night an den Rändern des Genres und zeigt keinerlei Scheu vor diffizilen Brüchen.

Im Vergleich zu Playin Me und auch zu »Hold Me«, Cooly Gs letzter Club-affiner 12-Inch, wird der Rhythmus deutlich runtergeköchelt: In den nächtlichen Stunden regiert bassige Melancholie. Mit (Hetero-)Sex, Begehren und Verlust verhandelt Wait ’Til Night traditionelle R’n’B-Topoi (die leider oft mit dem klischeebeladenen Etikett »bedroom music« versehen werden). Die großen Gefühle und Gelüste, hier stets mit einer gewissen Zurückhaltung vorgetragen, überführt Cooly G in ein präzise entworfenes, karges Klangsetting, das so gar nicht mit der schwülstig glitzernden Hochglanzlackierung à la R. Kelly flirten will. In ihrer Dub-Denkweise lotet Cooly G eine beinahe halluzinatorisch anmutende Räumlichkeit aus, während die verdunkelte Atmosphäre in diesen Räumen die Gefahr der emotionalen Verwüstung immer schon zu antizipieren scheint. Ende des Schlafzimmerkapitels.

Auf Cooly Gs Agenda steht weniger die explizite sexuelle Selbstbehauptung als weibliches Subjekt, das notfalls den Lover in die Wüste schickt, als vielmehr die selbstverständliche Haltung, sich als sexuelles Wesen zu artikulieren. Und zugleich das eigene Ding durchzuziehen – als autodidaktisch geschulte Produzentin, Sängerin, DJ, Labelboss und alleinerziehende Mutter von zwei Kindern. Auch wenn Wait ’Til Night seinem Vorgänger nicht ganz das Wasser reichen kann: Von so viel Lässigkeit lässt sich noch jede Menge abschauen.

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