Conrad Schnitzler / Pole „Con-Struct“ / Review

Weniger ein wiederbelebter Schnitzler-Frankenstein als die Integration von Schnitzlers Klängen in den Pole-Sound – mit tiefen Bässen, kräftig schleppendem Beat.

Conrad Schnitzler war, wenn man so möchte, ein Remixer seiner selbst. Das Besondere bei dem Berliner Elektronikpionier: Er hat gern „Remixe“ seiner eigenen Musik gemacht, die kein eigentliches Original als Vorlage hatten. Stattdessen arbeitete er mit vorab gefertigten Tonspuren, die er als Arbeitsmaterial auf Kassetten lagerte – einzelne Klänge von Synthesizern meistens, aus denen er dann bei seinen Konzerten immer wieder andere Stücke zusammensetzte. So entstand neben seiner schier unüberschaubaren Zahl hinterlassener Alben – veröffentlicht und unveröffentlicht – ein ungewöhnliches Archiv, library music sehr persönlicher Art. Ein Fundus, der ihm stets neue Kombinationsmöglichkeiten bot.

Nach Schnitzlers Tod 2011 wurde sein Archiv geborgen und seitdem ausgesuchten Künstlern zugänglich gemacht, die damit „eigene“ Musik bauten: Die Con-Struct-Reihe war geboren. Seitdem haben Musiker wie Pyrolator, Andreas Reihse oder Schneider TM ihre Konstruktionen des Schnitzler’schen Einzelspuren-Opus vorgelegt, anfangs beim inzwischen eingestellten Berliner Label m=minimal, seit einigen Jahren nun wird die Reihe von Bureau B in Hamburg herausgebracht.

Pole ist der jüngste Elektroniker, der mit Schnitzler in einen postmortalen Dialog tritt.

Stefan Betke alias Pole ist der jüngste Elektroniker, der sich auf diese Weise seinen eigenen Schnitzler erschafft. Genauer gesagt: mit ihm in einen postmortalen Dialog tritt. Denn Betke hat sich nicht einfach als Arrangeur der Schnitzler’schen Bänder betätigt, sondern die Hälfte der verwendeten Klänge selbst beigesteuert. Was als Ansatz fast respektvoller erscheint. So haben wir es weniger mit einem wiederbelebten Schnitzler-Frankenstein zu tun als mit einer Integration von Schnitzlers Klängen in den Pole-Sound. Mit tiefen Bässen, kräftig schleppendem Beat – Betke brachte seinen eigenen Drumcomputer zum Einsatz – und viel dub-affinem Hall.

Die „Zusammenarbeit“ passt: Schnitzler und Pole begegnen sich allem Anschein nach freundschaftlich, ohne Konkurrenzgebaren, so wie man sich gemeinsames Musizieren auf Augenhöhe wünscht. Der kauzige Spaßmacher Schnitzler mag hier neben dem Schöpfer höchst reduzierter, dichter Stimmungen etwas in den Hintergrund treten. Doch vereinzelt kommt ein wenig vom Humor des großen Eigenbrötlers durch. Und das kunstvoll ausdauernde Verweilen bei endlos repetierten Figuren ist ganz im Sinne beider Beteiligten.

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