Common Electric Circus

Die amerikanischen Reaktionen auf Commons neues Album könnten gegensätzlicher kaum sein. Wo das New Yorker Wochenblatt »The Village Voice« abschätzig »Dud of the Month« (Blindgänger des Monats) drüberschreibt, da weiß HipHops Parteirundschreiben, »The Source«, nur Schönstes von zu berichten. Was ist los? Erstens bewegt sich »Electric Circus« in riesigen Schritten von dem zurecht Konsens gewordenen Vorgängerdurchbruchalbum »Like Water for Chocolate« weg. Diese Entwicklung passiert deutlich über eine an den frühen 70ern geschulte Bewusstseinserweiterungsrhetorik. Das Album wurde in den New Yorker Electric Lady Studios aufgenommen, es gibt eine »Jimi was a Rock Star« betitelte Hymne an Hendrix, und Tracks, die »Aquarius« oder »Electric Wire Hustler Flower« heißen. Zweitens verstärkt Common diesen gleichermaßen auswuchernden wie irritierenden Effekt dadurch, dass sich die Guest Appearances-Liste auf »Electric Circus« geradezu enzyklopädisch liest: Prince hier und da an den Keyboards, Laetitia Sadier von Stereolab als Duett-Partnerin, Mary J. Blige auch, Erykah Badu als Produzentin und Sängerin, die Neptunes zweimal als Produzenten, Pharrell Williams selbst als Stichwortgeber, Jill Scott, Bilal and more. Diese Gästevielfalt wirkt, analog der Collage von 86 befreundeten und bewunderten Köpfen auf dem Cover von »Electric Circus«, universalistisch. Kritiker mögen auch beanstanden, dass die neue Common kein realer HipHop, sondern Pop, ja, schlimmer noch: ein Rockalbum sei. Schließlich werden Prince und Laetitia Sadier auf den ersten Blick nicht unbedingt mit HipHop assoziiert. Das ist jetzt aber egal, denn zusammengenommen schafft es Common, die seinem Style eigentümliche Soulfulness präsent zu halten, indem er elektrisch-eklektizistisch in die Breite geht. Die Spirits gerade jetzt bei einem so abgenutzten Ahnen wie Jimi Hendrix zu holen, gelingt, weil Common mit dieser Referenz respektvoll, nie kitschig oder gar ironisch, umzugehen weiß. Von »Come Close« mit Mary J. Blige, einem Liebeslied, das an die wärmsten Tage von A Tribe Called Quest gemahnt, bis zur psychedelischen Afro-Fusion von »Jimi Was A Rock Star« hält er ein Album zusammen, dessen Vielseitigkeit eben nicht Beliebigkeit, sondern Bereicherung bedeutet. Eine Bereicherung wessen? Des Funks. Common arbeitet, wie seinerzeit Sly Stone, an einer bereichernden, Community und Zusammenhalt betonenden Version des Funk.

LABEL: MCA

VERTRIEB: Universal Music

VÖ: 10.12.2002

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT

Please enter your comment!
Please enter your name here

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.