Columbine-Kids – Wenn die Schrotflinte lächelt

Fotos: Stills aus Gus van Sants "Elephant"

Es war das erste Massaker seiner Art im Zeitalter des Mobiltelefons. Die Ereignisse an der Columbine Highschool im Jahr 1999 werden auf Tumblr-Blogs und in Internetforen immer wieder neu ausgelegt und kontinuierlich fortgeschrieben. Romantische Verklärung spielt dabei eine wesentliche Rolle. Männerfantasien von Gewalt und Auslöschung sind für die Columbiners der Stoff, aus dem ihre Jugendidole gemacht sind. Und halbautomatische Waffen sind die Helden ihrer Songs. In Tagen der sogenannten Incels, selbsterklärter unfreiwillig Zölibatärer, die sich im Netz ähnlich organisieren und solidarisieren wie die Tumblr Columbiners Community (TLL), und deren Frauenhass als ein Motiv für Amokläufe wie den im April diesen Jahres in Toronto gilt, stellt sich schon vor dem traurigen 20. Jahrestag die Frage von damals in abgewandelter Form erneut: Warum? Aus diesem Anlass ist der komplette Text aus SPEX No. 371 nun online zu lesen. 

Die erste Frage ist immer dieselbe. Sie ist kurz, aber schwer zu beantworten. Nur Brenda Ann Spencer hatte eine ebenso kurze und unvergleichlich simple Erwiderung parat. „Ich mag keine Montage“, sagte sie, als sie gefragt wurde, warum sie vor einer Grundschule in San Diego zwei Menschen erschossen und acht weitere verletzt hatte. Verständlich und rätselhaft zugleich: Niemand mag Montage, die wenigsten aber nehmen diese Abneigung zum Anlass für einen Amoklauf. Bob Geldof machte mit seiner Band The Boomtown Rats einen Song aus der lapidaren Antwort. Er erschien im Juli 1979, kaum ein halbes Jahr nach Spencers Amoklauf. „Es war die perfekte sinnlose Tat mit dem perfekten sinnlosen Grund dafür. Also habe ich den vielleicht perfekten sinnlosen Song geschrieben, um das zu veranschaulichen“, erklärte Geldof in einem Interview. „I Don’t Like Mondays“ lässt sich leicht mitsummen und wurde ein Nummer-Eins-Hit. Warum das wiederum so ist – das ist die eigentlich interessante Frage.

Fast hätten Eric Harris und Dylan Klebold 20 Jahre später die Columbine Highschool bei Littleton, Colorado mit einem Arsenal aus Schrotflinten, semi-automatischen Waffen, Rohrbomben und mehreren zur Explosion vorbereiteten Propangas-Tanks ebenfalls an einem Montag in ein Schlachtfeld verwandelt. Es wurde dann doch ein Dienstag, der 20. April 1999. Es war der Tag nach dem sechsten Jubiläum der blutigen Erstürmung der Branch-Davidians-Siedlung in der Nähe von Waco, Texas und nach dem vierten Jahrestag des Bombenanschlags auf das Alfred P. Murrah Federal Building in Oklahoma City. Der 20. April ist außerdem Adolf Hitlers Geburtstag, es ist auch der Veröffentlichungstag von KMFDMs Album Adios. Das alles aber interessierte Harris und Klebold kaum. Für sie war der 20. April 1999 der Tag des Jüngsten Gerichts, wie sie das in ihren Tagebüchern nannten, oder auch NBK – eine Abkürzung für den Titel von Oliver Stones Film Natural Born Killers, der auf einem Drehbuch von Quentin Tarantino basiert.

Der Tumblr-Stream wird, anders als ein Roman, nie enden. Begrenzt sind nur die bekannten Tatsachen und die medialen Artefakte. Von denen gibt es zu Columbine aber reichlich.

Wäre Eric Harris früher an mehr Munition gekommen, hätte das Columbine-Massaker am 19. April stattgefunden, aber er musste noch warten. Wichtiger war ohnehin die Tageszeit der Attacke: Um 11:17 Uhr herrschte in der Cafeteria der größte Andrang. 480 Schülerinnen und Schüler befanden sich darin, als die Propangas-Tanks nicht wie geplant explodierten. Harris und Klebold mussten ihre mörderische Arbeit von Hand erledigen. Sie feuerten wahllos um sich. Richtig: wahllos. Denn obwohl sie in den knapp 50 Minuten zwischen dem Beginn des Massakers und ihrem eigenen Ende durch Suizid brüllten, die jocks mit den weißen Caps sollten sich zeigen, und obwohl sie einen schwarzen Mitschüler rassistisch beleidigten, bevor sie ihn umbrachten: Harris und Klebold wollten nicht einzelnen Personen oder bestimmten Gruppen das Leben nehmen. Sie wollten die Schule vernichten, wenn sie schon für die Auslöschung der ganzen Welt nicht ausreichend ausgestattet waren. Sie handelten nicht im Affekt, sondern nach gut einem Jahr detaillierter Planung.

Rund 50 Nachahmungstaten wurden seither gezählt. Fast jeder der großen Massenmorde an öffentlichen Institutionen der USA lässt sich irgendwie auf die Ereignisse in Columbine zurückverfolgen. Seung-Hui Cho, der beim sogenannten Virginia-Tech-Shooting im Jahr 2007 32 Menschen tötete, verehrte die Schützen. Adam Lanza, der im Dezember 2012 auf dem Gelände einer Grundschule in Newtown, Connecticut Kinder und Erwachsene niederschoss, soll vom Columbine-Massaker geradezu besessen gewesen sein. Auch viele vereitelte Anschläge bezogen sich auf die Taten von Harris und Klebold. Am explizitesten wohl ein von drei Mitgliedern der TCC für den Valentinstag 2015 geplantes Massaker im kanadischen Halifax. TCC ist kurz für die Tumblr Columbiners Community, eine lose Gruppe von Menschen, die über das Blog-Netzwerk Informationen, Memes und wilde Fantasien zu Harris und Klebold miteinander teilen.

Mittlerweile existieren auf diversen Plattformen eine Reihe von Artikeln und sogar wissenschaftliche Aufsätze über die TCC, die den Kern der obskuren Gruppe zu erkunden versuchen. Das ist nicht so leicht, denn obwohl sich die Community vor allem durch Ausgrenzung definiert, sind die internen Diskrepanzen enorm. Eingefleischte Columbiners unterscheiden sich von Columbine-Interessierten, die ihrem generellen Interesse nach true crime nachgehen und sich ebenso mit dem Serienmörder Jeffrey Dahmer und ähnlichen Fällen beschäftigen. Was zählt, ist der Stoff und wie ergiebig er für die Analyse im Nachhinein ist. Obwohl Truman Capotes Tatsachenroman In Cold Blood über die Ermordung einer Kleinfamilie im Jahr 1959 für True-crime-Fans als Vorbild dient, geht es ihnen weniger um ein abgeschlossenes Narrativ, sondern vielmehr um eine sich immer wieder neu kalibrierende Interpretation dessen, was an Informationen vorliegt. Der Tumblr-Stream wird, anders als ein Roman, nie enden. Begrenzt sind nur die bekannten Tatsachen und die medialen Artefakte. Von denen gibt es zu Columbine aber reichlich. Dafür haben Harris und Klebold selbst gesorgt: mit Tagebucheinträgen, aber vor allem mit Videos.

Die meisten der Fakten hat Dave Cullen zusammengetragen. Der Journalist war am 20. April 1999 selbst vor Ort und hat bis heute nicht aufgehört, sich mit dem Fall zu beschäftigen. 2009 erschien sein Buch Columbine. Darin hat er versucht, alle Fakten zusammenzuführen und daraus endgültige Schlussfolgerungen zu ziehen. In der TCC ist er wohl auch deswegen verhasst. Allein, der Versuch gelang nicht: Die jüngste erweiterte Neuauflage des Buchs erschien 2016 und enthält immer noch Fehler und wenig konkrete Einsichten. Selbst Cullen kann keine Antwort auf die dringendste aller Fragen geben. Er hat sich aber intensiv genug mit dem Nachfolgenden auseinandergesetzt, um zumindest ansatzweise erklären zu können, warum Columbine weiterhin ein Thema bleibt, bei copy cats, Tumblr-Kids und in der Popkultur, die sich wieder und wieder mit Harris’ und Klebolds Taten auseinandersetzt.

Columbine, so Cullen, sei das erste Massaker seiner Art im Zeitalter des Mobiltelefons gewesen. Während sie sich selbst noch in der Schule und somit in unmittelbarer Gefahr befanden, schilderten die Betroffenen den Medien per Telefon ihre Situation. Noch bevor ein SWAT-Team das Gebäude betrat, war die Welt live dabei. Selbst die drinnen konnten von außen zuschauen: Über die Fernseher in den Klassenräumen, in denen sie sich verschanzt hatten, konnten die Eingeschlossenen zusehen, wie sich um ihre Highschool hunderte von Polizeikräften scharten. Die Bilder des 20. April 1999 gingen sprichwörtlich um die Welt, und sie taten es wortwörtlich in Echtzeit. Und sie wurden gespeichert und abrufbar gemacht. Sie eint der verflackerte Charme der Videotechnologie zur Jahrtausendwende.

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT

Please enter your comment!
Please enter your name here

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.