Colin Stetson & Sarah Neufeld – Ein Universum aus Zwischentönen / Feature & Tourstart

An Violine und Basssaxofon tragen Sarah Neufeld und Colin Stetson zur hochkulturellen Aufwertung verschiedener Indie-Bands bei, die inzwischen zu den erfolgreichsten Popphänomenen der Gegenwart gehören. Abseits von Arcade Fire, Bon Iver und Co. pflegen sie Solo- und Duoprojekte, in deren avantgardistischer Ausrichtung sich die wahre Absicht ihres Schaffens und Könnens offenbart. Neufeld und Stetson suchen den Ton fürs Leben. Zum Auftakt der von SPEX präsentierten Tour von Sarah Neufeld gibt es das komplette Doppelfeature aus SPEX No. 363 nun auch online zu lesen.

In Indien kursiert eine Geschichte über einen weißen Mann, der verwundert an einem Musiker vorbeigeht, der nur einen einzigen Ton spielt. Er fragt ihn: »Warum spielst du die ganze Zeit nur einen einzigen Ton?« Der Musiker antwortet: »Weißt du, ihr Westler könnt einfach nicht aufhören, ständig nach neuen Tönen zu suchen. Ich hingegen habe meinen Ton gefunden.«

Den einen Ton finden, ihn dehnen und wiederholen, ihn auswringen und in seine Bestandteile zerlegen, um ihn in anderer Zusammensetzung wieder aufzusaugen, das ist die Essenz des Projekts der Violinistin Sarah Neufeld und des Saxofonisten Colin Stetson. Auf ihrem Debütalbum Never Were The Way She Was, das sowohl Anteile aus Minimal Music, Noise, Neuer Musik, Drone als auch Post-Rock enthält, geht es den beiden klassisch ausgebildeten Musikern nicht um die Zurschaustellung der eigenen Virtuosität, sondern um Reduktion, um das Erzeugen einer Atmosphäre und das Suchen und Finden der einen Tonfolge, die wiederholt werden kann, ohne dass sie redundant wird.

Es sind vor allem zwei Aspekte, die Never Were The Way She Was zu einer der ungewöhnlichsten Erscheinungen des Jahres machen. Erstens die eigenwilligen Spielweisen der Musiker, die sie in anderen Projekten perfektioniert haben: der massive, zwischen beinahe unhörbarem Rauschen und eruptiven Soundgewittern pendelnde Klang des Basssaxofons und die hyperschnellen Motive Neufelds, die auf- und wieder abschwellen wie ein nervöser Ozean. Zweitens ihr Dialog, der sich in einem vom Gegeneinander gebrochenen Miteinander äußert – wie in »In The Vespers«, in dem Neufeld eine repetitive Tonfolge spielt, die immer wieder von rhythmischen Einsprengseln des Saxofons umgarnt wird, bevor sich die Instrumente in einem Wettlauf verfolgen, um schließlich zu verschmelzen. Das Stück mündet in ein versöhnliches Finale, bei dem Neufeld ihrer Violine eine melancholische Sinfonie entlockt, während Stetson, der wie Neufeld stets ohne Effekte spielt, mit seinem Instrument weißes Rauschen imitiert.

»Wenn wir zusammen musizieren, erreichen wir einen tranceartigen Zustand. Unsere Instrumente verwandeln sich in etwas Größeres.«

Stetson hat unter anderem mit Arcade Fire, Tom Waits, Bon Iver, Feist und LCD Soundsystem zusammengearbeitet. Bekannt ist er aber auch für sein Soloprojekt, das, bewaffnet mit einem mannshohen Basssaxofon, seit einigen Jahren die Besucher unterschiedlichster Festivals in demütiges Staunen versetzt. Im Jahr 2013 erschien To See More Light, das abschließende Album seiner New-History-Warfare-Trilogie. Neufeld veröffentlichte im selben Jahr ihr Solodebüt Hero Brother, auf dem sie ihre für Geigen ungewöhnlich verknappte Spieltechnik mit Anleihen aus Neuer Klassik, Folk und Minimal Music verbindet. »Unser gemeinsames Debüt entstand organisch«, sagt Neufeld. Etwas anderes hätte man auch nicht erwartet, denn die Kanadierin arbeitet seit vielen Jahren mit Stetson zusammen – unter anderem bei Arcade Fire, wo sie bis 2013 festes Mitglied war und noch heute zur Tourband gehört.

Dass Stetson und Neufeld, trotz ihrer ungewöhnlichen Kombination aus Saxofon und Violine, ein zugängliches Album gelungen ist, könnte auch daran liegen, dass beide seit vielen Jahren ein Paar sind. Kunst und Alltag sind bei ihnen eng miteinander verbunden. »Wenn wir zusammen musizieren«, sagt Neufeld, »erreichen wir einen tranceartigen Zustand. Unsere Instrumente verwandeln sich in etwas Größeres, wir befinden uns plötzlich in einer Art Kapsel.«

Diese Kapsel schwebt nicht im luftleeren Raum, sondern wird von einer Erzählung umrahmt, die man der filmischen Musik anmerkt. »Für Never Were The Way She Was hat Colin einen Charakter erfunden«, so Neufeld, »ein junges Mädchen, das langsamer altert als die Berge.« Stetson, der seit einiger Zeit einen Vollbart trägt, mit dem der ohnehin verschlossen wirkende Musiker sich die Welt noch weiter auf Distanz zu halten scheint, ergänzt: »Das Mädchen schreitet langsam durchs Leben und beobachtet alles um sich herum ganz genau.« Es sieht eine Welt, die dem gewohnten Kontinuum von Raum und Zeit entflohen zu sein scheint. Man hört genauer hin in dieser Welt, dringt immer tiefer ein in den Ton selbst und findet in ihm ein ganzes Universum aus subtilen Zwischentönen. So gelingt es Stetson mithilfe der Zirkularatemtechnik, bei der er gleichzeitig durch den Mund aus- und durch die Nase einatmet, seinen oft minutenlang gehaltenen Tönen immer wieder kleine Interferenzen, Brüche und Risse zu entlocken.

Stetson war 15 Jahre alt, als er die Zirkularatmung erlernt hat. »Es ist eigentlich so leicht wie Fahrradfahren«, sagt er. Die größte Herausforderung ist dabei gar nicht die Technik selbst, sondern das Training der Lungen, die mit der Atmung verbunden sind. Die Kehle, der Mund und die Lunge: Es sind diese gestählten Teile seines Körpers, die Stetson zu Tönen befähigen, die, wie in »With The Dark Hug Of Time«, klingen, als seien sie durch mehrere Verzerrungseffekte gejagt worden. In Kombination mit Neufelds filigraner Streichtechnik mündet das Stück in eine alles umhüllende Klangwolke, die genauso an die avantgardistischen Drone-Experimente des Komponisten La Monte Young wie an die aktuellen Noise-Produktionen des Labels Blackest Ever Black oder die Minimal Music der Sechzigerjahre erinnert. Solche Referenzen gelten für Stetson und Neufeld aber höchstens indirekt. Eine verkopfte Herangehensweise an ihre Musik versuchen sie zu vermeiden.

ihnen Gelingt, was nur wenige Musiker auf ihrem Spielniveau schaffen: ein Spannungsfeld zwischen professioneller Virtuosität und der Lust am unmittelbaren Fließenlassen.

Damit gelingt ihnen, was nur wenige Musiker auf ihrem Spielniveau schaffen: ein Spannungsfeld zwischen professioneller Virtuosität und der Lust am unmittelbaren Fließenlassen. Es liegt wohl auch daran, dass ihre Musik sowohl Jazz-Nerds als auch Noise-Anhänger und Pop-Fans begeistert. »Wir spielen bei allen möglichen Events in Europa«, sagt Stetson, »darunter Jazz-, Folk-, Rock-, Neue-Klassik- oder Blues-Festivals.« Für das Duo, das sich selbst nicht um Stilgrenzen schert, liegt darin vor allem eine Chance, mit idiosynkratischer Musik ein größeres Publikum zu erreichen und neue Erfahrungen zu sammeln. So sind Konzerte zu zweit etwas völlig anderes als mit Arcade Fire. »Diese Band ist ein großes Kollektiv«, erzählt Neufeld, »und ihr Publikum ist ebenfalls ziemlich groß. Deshalb herrscht bei ihnen eine ganz andere Stimmung als bei unserem Duoprojekt. Zu zweit nehmen wir viel weniger Kontakt zum Publikum auf.«

Stetson zufolge kommt es beim Spielen immer darauf an, den schmalen Grat zwischen Bewusstsein und Unterbewusstsein auszubalancieren. Höchstleistungen ruft er in einem Zustand ab, der über die bewusste Wahrnehmung hinausgeht. »Eigentlich ist das so bei allen Musikern, die ich kenne«, sagt er. »Man spielt am besten, wenn man zwar noch aufmerksam ist, aber eigentlich nicht mehr selbst Regie führt, nicht mehr wirklich bestimmt, was die Finger oder der Körper machen – wenn man selbst zur Bewegung wird.«

Auf der Bühne des Moers-Festivals, wo Stetson und Neufeld Ende Mai aufgetreten sind, werden diese Aussagen Wirklichkeit. Stetson verwandelt sich zusammen mit seinem Instrument in einen Mensch-Maschine-Hybrid und wiegt seinen Körper schwerfällig, aber gleichmäßig hin und her, wie das Pulsieren einer überdimensionalen Lunge. Neufeld wirkt daneben nicht weniger körperlich. Ihre Performance lässt immer wieder ihren Bizeps hervortreten, etwa in der Liveversion von »With The Dark Hug Of Time«, die sie mit dem rhythmischen Stampfen ihres rechten Fußes pointiert. Als der zwischen Verzweiflung, Hoffnung und Erlösung driftende Song sich seinem Ende zuneigt und die Luft nur noch aus Stetsons an ein elektronisches Störgeräusch erinnerndem Dröhnen besteht, tritt sie dann ein, die von Neufeld schon im Interview heraufbeschworene Katharsis. Selbst im frenetischen Applaus des Publikums löst sich die noch einige Minuten anhaltende Spannung des Moments nicht auf. Es bleibt eine Atmosphäre, die weder viele Töne noch Worte benötigt. Sara Neufeld und Colin Stetson haben ihren Ton gefunden.

SPEX präsentiert Sarah Neufeld live
17.11. Jena – Trafo
18.11. Heidelberg – Karlstorbahnhof
19.11. Hannover – Feinkostlampe
20.11. Berlin – Privatclub

Dieses Feature ist in der Printausgabe SPEX No. 363 erschienen. Das Heft kann nach wie vor versandkostenfrei hier bestellt werden.

 

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