Colin Self „Siblings“ / Review

Cover: Colin Self „Siblings“

Trotzdem Colin Selfs neues Album Siblings nunmehr sechster und letzter Teil der Opernreihe Elation ist, klingt Opernhaftes nur vereinzelt an. Manchmal fasst er seine zarte Sopranstimme in Bombastsound, nur um dann wieder in ekstatischen Elektro zu verfallen. Siblings ist so mehr Collage als homogene Liedfolge. 

Als Kind wollte Colin Self eine Raupe werden. Das ist ihm gelungen, jedenfalls im Hinblick auf die Verpuppung: Der queere Komponist, Sänger, Choreograph, Performer, Schauspieler und Party-Host gleitet zwischen den Geschlechtern, Kunstformen und Medien hin und her. Er komponiert und inszeniert Opern, produziert Performances für den Kunstkontext, tritt im schwulen Nachtleben auf. Dabei tanzt Self mal in Drag unter einem Berg Plastikfolie in eine Lichterkette gewickelt, ein Stroboskop lässt den Alltagsschrott abstrakt und sublim erscheinen. In einem Trailer für eine Oper hingegen turnt er mit einem Partner durch die Pfützen einer Berliner Baustelle und zieht dabei zu Stapeln gebundene Bücher hinter sich her. Wer angesichts dieses Pensums eine getriebene, manische Persönlichkeit erwartet, liegt allerdings falsch: Der große, blonde, schlaksige 31-Jährige strahlt stets eine sanftmütige Gelassenheit aus.

Wie entstehen Gemeinschaften jenseits biologischer Verwandtschaft?

Mit 13 entdeckte Self die Riot-Grrrl-Bewegung, die ihm einen Hang zum DIY einimpfte. Er studierte Puppenspiel und wurde als Teil des Avant-Drag-Kollektivs Chez Deep auch außerhalb seiner Heimat Brooklyn bekannt. Zuletzt tourte er mit Holly Herndon als Support von Radiohead durch Europa. Trotz zahlloser Projekte zwischen Hoch- und Subkultur, Kunst und Aktivismus treibt Self ein integrierendes Thema an: Wie entstehen Gemeinschaften jenseits biologischer Verwandtschaft? So heißt sein zweites Album, das zudem der letzte Abschnitt einer sechsteiligen Oper sein soll, Siblings. Selfs Sopran klingt darauf zerbrechlich, sublim, von der Umwelt abgekapselt. Trotzdem geht es immer darum, eine Beziehung zu einem Außen herzustellen. Mal soll das ein sedierter Trap-Groove leisten, mal exaltierte IDM. Leider verliert sich Self dabei streckenweise in Zitaten und selbstbezogenen Spielereien. Etwa wenn er das notorische Autotune über Stimmen legt, die ohnehin schon synthetisch sind. Auf seinem Mixtape für die Laufstegshow des Modelabels Eckhaus Latta ließ Self noch ein Selbsthilfetape auf hypnotische Klavierakkorde treffen, die von einem Discocrescendo gebrochen werden, was aus gegenseitigem Unverständnis ganz unerwartet Vertrautheit entstehen ließ. Siblings gelingt das nicht.

Diese Albumkritik ist auch in SPEX No. 383 erschienen. Das Heft ist versandkostenfrei im Onlineshop bestellbar. 

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