Coldplay Mylo Xyloto

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   Geschichte wird bekanntlich von Siegern geschrieben. Und es gibt einige Gründe, auch Coldplay für Sieger zu halten. Den zum Beispiel, dass sie seit ihrem neuen Album Mylo Xyloto neben den Beatles und Oasis die einzige englische Band sind, die es mit ihren ersten fünf Platten auf Platz 1 der britischen Charts geschafft hat. Mehr als verdient also, Coldplay die nächsten zwei Absätze dieser Plattenkritik zu überlassen, um das neue Werk gebührend zu feiern.

   Mylo Xyloto ist – wie könnte es anders sein bei einer derart ambitionierten und künstlerisch wagemutigen Band – ein Konzeptalbum, bei dem es, als wäre es die längst fällige Antwort der Popmusik auf Mozarts Zauberflöte, um nicht weniger geht als um zwei Liebende, die erst unter Mühen zueinander finden. Was für ein Sujet! Von einer Kreativschmiede wie der um Chris Martin ist da nichts anderes zu erwarten, als die Thematik auch im Song, gelinde gesagt, kongenial umzusetzen. Kein Popfan – ob er bislang für Sting geschwärmt hat, für die Hooters oder gar für die schrillen Arcade Fire, denen mit The Suburbs ein ähnlicher Geniestreich geglückt ist wie nun Martin und seiner Band – dürfte davon enttäuscht sein. Haben Coldplay doch nicht nur wieder ihren ganz unverwechselbaren Sound im Gepäck, sondern ihn erstmals sogar derart perfektioniert, dass er gerade auch als Hintergrundmusik seine besondere Wirkung entfaltet, sei es an der Süßigkeitentheke deines Ponyreitclubs oder im Gartencenter.

   Was fehlt? Vielleicht die Feststellung, dass dem, der nicht zu den Bewunderern der Band gehört, auch die gesamte Summe seiner Feindbilder nicht ausreichen dürfte, um Mylo Xyloto hinreichend zu beschreiben. Die 14 Titel des Albums wirken in ihrer Doppelgesichtigkeit geradezu schizophren: Gerade die Tatsache, dass Coldplay in ihrer Musik jegliches Extrem vermeiden, lässt diese nach außen hin äußerst glatt poliert klingende Platte mit gelegentlichen, wohldosiert eingesetzten Popmomenten (und einem Gastauftritt von Rihanna) in ihrer Gesamtlänge so irritierend wirken. Wer derart diszipliniert musiziert, tut das womöglich aus Angst vor den eigenen Abgründen. Hinter der aufgesetzten Unkompliziertheit lauert dann, kaum verhüllt, die Depression.

   Das geradezu krampfhafte Festhalten an der klanglichen Mitte zeigt sich exemplarisch in einem Stück wie Every Teardrop Is a Waterfall: Nach einigen Synthie-Akkorden im Stil von Barclay James Harvest folgt eine in ihrer Eingängigkeit zum Mitsingen animierende Strophe, die rhythmisch geschlagene Akustikgitarre setzt ein, ihr folgt eine wehmütig verhallte E-Gitarrenmelodie, ein kurzes »Uh!«, bevor schließlich ein äußerst abgedämpfter Schlagzeugbeat beginnt. Immer wieder der Refrain, immer wieder die wehmütige E-Gitarre. Auf anderen Titeln finden sich Soundbausteine aus dem Fundus fast aller schon einmal bei Wetten, dass …? vertretenen Bands: der pointierte, in den Klangteppich eingearbeitete, melancholisch klingende Keyboardtupfer im Stil Bruce Hornsbys; die Midtempo-Wall-of-Sound-Melange aus Synthesizer und Gitarre wie bei U2. Mylo Xyloto wirkt, als gelte es, die von den Rolling Stones schon vor Jahrzehnten besungenen Mother’s Little Helper endlich in popmusikalischer Form umzusetzen: ein alltagstaugliches Pharmazeutikum für das breite Publikum. Das Leben im Büro und zu Hause in der Eigentumswohnung mag noch so leer sein – Mylo Xyloto hilft Ihnen, es durchzustehen. Zu Risiken und Nebenwirkungen befragen Sie bitte Ihren Arzt oder Apotheker.

   Coldplay Mylo Xyloto ist bei Parlophone / EMI erschienen.

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