Code Orange I Am King

Code Orange gehen auf I Am King strukturell emanzipierter zu Werke als das Gros moderner Hardcore-Bands.

Im Interview für SPEX N° 357 wurde Thurston Moore von Dennis Pohl mit dem Stück »Nothing« von Negative Approach konfrontiert, woraufhin der Gitarrist geistreich von den Vorzügen der Band erzählt: Die unkanalisierte jugendliche Wut begeisterte ihn in den frühen Achtzigern wie kaum sonst etwas, das sich hinter verstimmten Instrumenten aufhielt. Aber mit Hardcore sei das so eine Sache, so Moore weiter, eigentlich würden die Bands nur funktionieren, bis die Jungs ihre ersten sexuellen Erfahrungen sammelten. Bitte was? Und überhaupt: Was ist denn mit den Mädchen?

Glücklicherweise ist Hardcore 2014 zumindest in einigen Winkeln der längst ausdifferenzierten Szene kein reines Jungsding mehr. Und selbst jüngste Protagonisten verfügen über technische Fähigkeiten, die mit dem eindimensionalen musikalischen Spektrum von Negative Approach nicht mehr viel gemein haben. Alles hat sich verändert: Bands arbeiten mit viralen Marketingkampagnen und genießen internationale Popularität. Was würde Moore wohl zu Code Orange aus Pittsburgh sagen, einem prototypischen Entwurf modernen Hardcores? Jung sind die vier Mitglieder, keine 20, selbst wenn auf dem Cover ihres zweiten Albums das dritte Wort gestrichen wurde, das sie auf dem Debüt 2012 noch im Bandnamen trugen: Kids.

Die Wut, die für jede Generation aufs Neue Thema wird, ist mit der gestrichenen Kindheit jedenfalls nicht verflogen. Sie ist deutlich hörbar. Und durch den Gesang, den Gitarrist Eric Balderose, Schlagzeuger Jami Morgan und Gitarristin Reba Meyers gemeinschaftlich übernehmen – einzig Bassist Joe Goldman singt nicht –, wirken Code Orange strukturell emanzipierter als das Gros gegenwärtiger Bands dieser Gangart. I Am King erscheint auf dem zur Institution gewordenen Bostoner Label Deathwish. Dessen Gründer Jacob Bannon brüllt noch immer wie ein Reibeisen bei Converge, die einige Platten aufnahmen, die für das Genre sogar experimentell wirkten. Ein fast vergessenes Meisterwerk der Band ist When Forever Comes Crashing aus dem Jahr 1998, das hier als positive Referenz herangezogen werden muss: düster, verzweifelt, bis an die Grenzen verzerrt, brutal und aggressiv, trotzdem pointiert und in manchen Momenten fragil abgefedert. I Am King klingt wie die Fortsetzung dieses unsagbar starken Albums. Zu diesem Umstand passt auch, dass Converge-Kollege Kurt Ballou die Platte produziert hat (wie nebenbei bemerkt fast jedes zweite Deathwish-Album der letzten 15 Jahre). Vielleicht haben sich Bannon und Ballou mit Code Orange ja auch ihren gemeinsamen Kinderwunsch erfüllt – dann darf man ihnen herzlich gratulieren. Und vielleicht kommt sogar Thurston Moore mal zum Babysitten vorbei.

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