CocoRosie: Zwei Schwesterherzen im Viervierteltakt

In der Welt von CocoRosie tanzen Elfen über Baumwipfeln im Mondschein, schwirren Glühwürmchen durch die nächtliche Finsternis und Magie und Hexerei gehören zum Alltag wie iPod, Google und Starbucks in der so genannten Realität. Wie bereitet man sich am besten als mystisch weitgehend unbeleckter Mensch auf ein Gespräch mit Wesenheiten vor, die sich diesem geheimnisvollen Kosmos ganz und gar verschrieben haben? Am besten einfach kurz vorher noch einmal tief durchatmen und im Anschluss daran die kommenden dreißig Minuten mit einer möglichst sinnvollen (oder besser gesagt sinnlichen) Konversation bestreiten.

    Bianca hält sich während des gesamten Interviews eher zurück und signalisiert durch ihre Körpersprache und Mimik, dass sie sich weiß Gott etwas Entspannteres vorstellen könnte, als schon wieder Fragen von Journalisten zu beantworten, die versuchen, das real existierende Mysterium von CocoRosie zu ergründen. Dabei hat man unweigerlich den Eindruck, dass die beiden Schwestern im Geiste keine einfachen Erklärungen für ihre außergewöhnliche Musik und ihre nicht minder faszinierenden Persönlichkeiten abliefern möchten. Vielmehr noch: Mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit könnten Sierra und Bianca diesem investigativen Wunsch gar nicht nachkommen, selbst wenn sie es wollten. Bei Sierra hingegen scheint das, wenn überhaupt, vorhandene Eis bereits nach wenigen Augenblicken gebrochen zu sein. Na also, zumindest eine Schneekönigin ist schon mal aufgetaut. Sie schwelgt ab diesem Zeitpunkt dann auch sprachlich in farbenfrohen und ausdrucksstarken Bildern, so wie man es aus ihren Songtexten kennt, und zieht einen mit ihrer zarten, aber hypnotischen Stimme unweigerlich wie eine Sirene in ihren Bann, immer darauf bedacht, ihre Worte sorgfältig zu wählen und zu artikulieren. So geraten selbst sonst so profane wie notorische Statements hinsichtlich der musikalischen wie textlichen Innovationen im Zuge einer aktuellen Tonträger-Veröffentlichung wie ein ganz besonders geheimnisvolles Märchen, in mündlicher Überlieferung der »Geschwister Casady«, versteht sich.

    Sierra: Die Situation, in der wir uns zur Zeit der Aufnahmen an unserem dritten Album befanden und in der wir uns immer noch befinden, unterscheidet sich doch ziemlich von der Stimmung, in der die ersten beiden Platten entstanden. Diese waren ja sehr erhaben und von der Auseinandersetzung mit den himmlischen und überirdischen Gemeinschaften geprägt. Selbst wenn wir innerhalb unserer Texte und Musik einen Kommentar mit sozialem oder politischem Inhalt verarbeitet haben, dann war es doch auch aus einer abgehobenen und himmelsgleichen Perspektive. Mit der aktuellen Platte sind wir nun auf der Erde angekommen. Es finden sich darauf viele schwere Beats, synkopische Rhythmen, sehr erdige und sogar unterirdische Elemente. Viele der Themen sind vom Leben nach dem Tod inspiriert, in Erde und Schlamm begrabene Körper, Wurzeln oder im Untergrund lebende Kreaturen, wie z.B. Leuchtkäfer. Erdverbundene Dinge, die uns bisher in dieser Art unbekannt waren. Wir haben uns verstärkt menschlichen Aspekten zugewandt, was eine gänzlich neue Erfahrung für uns war.

    Auch wenn sie sich auf »The Adventures Of Ghosthorse And Stillborn« nach eigenem Bekunden verstärkt den hiesigen Gefilden zugewandt und den luftigen Sphären zumindest vorerst den Rücken gekehrt haben, so umgibt Bianca und Sierra Casady vom ersten Augenblick an eine ätherische Aura, die spür- aber kaum begreifbar wird. Eine durchaus erleuchtende Erfahrung in jeder Hinsicht. Nach wir vor bewegen sie sich in Zwischenwelten, die dem gemeinen menschlichen Auge scheinbar verborgen bleiben und die vielleicht allein mit dem Herzen erkundet werden können.

An die Stelle der himmlischen Heerscharen sind nun die Trolle, Gnome und Erdgeister, die ihr Dasein zumeist unbemerkt im Unterholz und in den dichten Wäldern fristen, gerückt. Haben CocoRosie nun etwa ihren Hang zu Mutter Natur entdeckt, was auch zu einer Neuorientierung in ihrem künstlerischen Schaffen geführt hat?

    Sierra: Ich würde nicht sagen, dass wir bei dieser Produktion unsere Inspiration in einem stärkeren Maße aus der uns umgebenden physischen Welt bezogen haben. Tatsächlich haben wir das Album auf einem Bauernhof in Südfrankreich aufgenommen. Wir haben ausschließlich nachts gearbeitet. Aus der Dunkelheit tauchten wundersame Landschaften auf, in denen uns die einzelnen Songs und Charaktere begegneten. Wir haben diese Umgebung sehr intensiv gespürt und erlebt. Natürlich auf eine äußerst spirituelle Art und Weise, aber wir hörten z.B. nachts auch immer ganz bestimmte Geräusche. Das waren Augenblicke, die uns verfolgt haben: Augenblicke von echter Schönheit und Eleganz. Auf dem Hof gab es einige kranke Tiere, die nachts geschrien haben. Das klingt alles schon ziemlich sonderbar (lacht). Eine Eule jagte die kleinen Kätzchen. Somit wurden viele der Figuren auf diesem Album aus dieser düsteren, an Kinderverse erinnernden Welt heraus geboren. Sie erschienen tatsächlich aus der Dunkelheit und erzählten uns ihre Geschichten. Wir standen im Stall und schrieben all diese Legenden nieder. Wir versuchten, sie zu kanalisieren und zu verstehen. Aus unserer sehr persönlichen Perspektive. Manchmal bedarf es lediglich eines Titels, der eine ganze Geschichte oder eine starke Vorstellungskraft in uns inspiriert. Oder es kann auch ein einziges Wort sein, wie z.B. ein bestimmter Name. Am Rande des Bauernhofs gab es einen kleinen Friedhof. Dort lag ein sehr altes Grab und man konnte den Namen des Verstorbenen nur sehr schwer auf dem Stein entziffern. Dieser Name entwickelte eine große Anziehungskraft auf uns und wir glauben, dass es sich dabei um das Grab eines Babys handelte. Sein Name drückte uns regelrecht zu Boden und wir erkannten mit der Zeit, dass es unsere Pflicht war, das Vermächtnis dieses Geschöpfes aufzuschreiben, das zu Ende war, bevor es begann. Also taten wir genau das und in diesem Moment wurde das totgeborene Kind sozusagen exhumiert.

    Damit wäre zumindest der inhaltliche Zusammenhang zum zweiten Teil des Albumtitels einigermaßen erhellt. Die Casadys leben zwar teilweise in New York, sind dort auch eng mit anderen Künstlern, wie z.B. Antony Hegarty verbunden, allerdings begreifen sie diese Lebensumwelt eher als eine Art Spielplatz, auf dem sie sich ihre vielen Anregungen und Ideen holen. Wie auf einem Jahrmarkt nutzen sie in der Metropole an der amerikanischen Ostküste die mannigfaltigen Möglichkeiten für Vergnügen und Zerstreuung. Doch wenn der Erlebnisspeicher irgendwann voll ist, dann zieht es die beiden an andere Orte, an denen sie die gesammelten Emotionen, Bilder und Stimmungen zu Musik und Kunst kanalisieren. Eines ihrer bevorzugten Refugien ist Paris. Eine Stadt, die im Leben von Bianca und Sierra eine ganz besondere Bedeutung hat, sollen sie sich dort der Legende nach doch nach einer längeren Zeit der Trennung überhaupt erst wieder nähergekommen sein und daraufhin letztendlich den Entschluss gefasst haben, miteinander auch in kreativem Austausch zu arbeiten. In der französischen Hauptstadt liegt somit die Keimzelle des weit verzweigten CocoRosie-Universums, weshalb auch wohl vor einigen Wochen eine erneute Verlegung des Lebensmittelpunktes an die Seine vorgenommen wurde. CocoRosie fühlen sich der französischen Kultur und Alltagspraxis sehr nah und doch gleichzeitig, allein aufgrund der Sprachbarriere, wunderbar entrückt. Sie genießen diesen distinguierten Alien-Status in vollen Zügen. Aber kommt es bei so viel Nähe und Aufeinander-bezogen-Sein in einer eher fremden Umgebung nicht auch zeitweise zu einer Form bedrückender Enge, die sich dann auch in Spannungen und Ressentiments entlädt?

    Sierra: Wir machen einfach nichts gemeinsam, was nicht irgendwie kreativ ist. Selbst wenn wir Gemüse einkaufen. Oder Klamotten. Alles ist ein kreativer Prozess. So ist es und so war es auch bisher schon immer. In dem Moment, in dem wir aufhören, kreativ zu sein, verstehen wir einander auch nicht mehr. Unsere Beziehung zueinander ist durch und durch kreativer Natur und darüber hinaus kann ich nicht einmal sagen, wie sie sonst noch zu bezeichnen wäre. Sie bedeutet uns zurzeit einfach alles. Es gib einen kleinen Teil in uns, der erkennt, wo wir uns aufhalten und was wir tun müssen. Wir wissen vielleicht nicht, warum genau das so wichtig für uns ist, aber es entspricht der Realität. Ganz gleich ob wir essen, Musik machen oder hören, ins Kino gehen, einkaufen, spazieren, nachdenken, reden – alles geschieht in einer Art kreativer Aura.

Habt Ihr denn niemals Angst, dieses kreative Band vielleicht einmal zu verlieren?
    Sierra. Ich weiß nicht warum, aber diese Angst existiert einfach nicht!

CocoRosie sind derzeit auf Tournee und präsentieren live ihr aktuelles Album »The Adventures Of Ghosthorse And Stillborn« (Touch And Go Records / Soulfood).

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