CocoRosie »Heartache City« / Review

Als Avantgarde lässt sich Heartache City in seiner inhärenten Rückwärtsgewandtheit nicht mehr so recht bezeichnen.

Zeit ist kreisförmig, zumindest im Universum von CocoRosie. Anfang des Jahres 2015 haben Sierra und Bianca Casady alte Kisten voller Verkleidungen durchwühlt und den Appeal ihres ersten Albums La Maison De Mon Rêve nochmals herausgefischt. Selbstlimitierung nennen sie das, dieses Zurück zu analoger Instrumentierung und Vierspur-Ansatz. Man könnte es auch als nostalgische Überstrapazierung bezeichnen.

Das Hantieren mit Spielzeug und Kindheitserinnerungen klingt diesmal unmittelbarer, zarter und fragiler als zuletzt. Möglicherweise ist den Schwestern die artiness von Tales Of A Grass Widow (2013) etwas zu viel geworden angesichts ihrer vielfachen außermusikalischen Betätigungen wie Tanztheaterproduktionen oder Auftritten als Videokünstlerinnen. Als Avantgarde lässt sich Heartache City in seiner inhärenten Rückwärtsgewandtheit jedenfalls nicht mehr so recht bezeichnen. Statt der charmanten Waldschrathaftigkeit sind Clown-Schmollmünder der neueste V-Effekt im Hause Casady.

Aufgenommen haben die Casadys die zehn Songs von Heartache City in ihrem eigenen Studio in Südfrankreich. Teen-romance-nostalgic-stimmungsverstärkend wirkte ein Aufenthalt in Buenos Aires, wo letzte Schliffe am Album vorgenommen sowie in einer großangekündigten Aktion 30 einheimische Mädchen für ein Video gecastet wurden. Harmlosigkeit und Niedlichkeit bieten weiterhin ein optimales Deckmäntelchen für Weirdo-Anspielungen und kulturelle Aneignung – und die nach wie vor nicht gerade geringe Anfeindung gegen CocoRosie ist Beweis genug, dass auch Menschen, die weniger zwischen den Zeilen zu lesen fähig sind, sich brüskiert oder gar in ihrer Geschlechterrolle bedroht fühlen.

Im Vergleich zu 2004, dem Veröffentlichungsjahr ihres Debütalbums, positionieren sich die Schwestern inzwischen deutlicher auf der feministischen Seite, was sich unter anderem in Bianca Casadys Mitarbeit am Magazin Girls Against God manifestiert. Die Metaphorik ihrer Lyrics bewegt sich aber in einer schwurbeligen Grauzone zwischen Ernsthaftigkeit und eindeutigem too much: »Even though red is not your color / I’ll dress you in feathers / And fly you in the windy weather / Like a child bird marooned / On an island of cats.«

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