c/o pop 2008

Berlin Calling c/o Pop

Paul Kalkbrenner und seine Flugbegleiterin kurz vorm Abheben: Still aus dem Film »Berlin Calling«

Nein, mit den parallel stattfindenden Olympischen Spielen in China hat das Motto der diesjährigen c/o pop natürlich nichts zu tun, versichert Norbert Oberhaus. »Eigentlich sollte das Ganze ›Let’s play‹ heißen«, ergänzt der Geschäftsführer des ›urbanen Festivals für elektronische Musik, Indie, Pop- und Clubkultur‹, »aber dann kam eine gleichnamige Kampagne des Telekommunikationsunternehmens O2 dazwischen und wir haben von dem Slogan Abstand genommen«. Jetzt wirbt also ein schlichtes »Play« für die fünf Tage im August. Und weil sich die c/o pop nicht nur als Festival, sondern auch als modulartige Verzahnung von Messe und Fachkonferenz versteht, ergänzt dieses Motto für die ›professional c/o pop‹ noch ein nüchternes »Work«.

    Im domnahen c/o-pop-Zentrum im Rhein-Triadem werden sich die Unternehmen der Musik- und Entertainmentbranche auch der ›Spiele‹ annehmen, die über Musik, also ihr Live-Spielen und Abspielen, hinausgehen. Neben den Themenschwerpunkten »New Music TV« und »Music & Brands« dürfte bei der Fachkonferenz vor allem »Music & Games« ein spannendes Feld eröffnen. »Das Thema haben wir schon vor fünf Jahren aufgegriffen«, erinnert sich Norbert Oberhaus. »Wir dachten, das wäre für Musiker sehr interessant, aber die Zeit war noch nicht reif. Mittlerweile ist der Markt aber noch weiter gewachsen, die Hersteller bemerken, dass Musik ein gutes Tool ist, um sich von der Konkurrenz abzusetzen, und die Musiker entdecken Games als eine neue Möglichkeit, Geld zu verdienen«. Zur historischen Unterfütterung dieser Entwicklung wird es auch eine Ausstellung des Berliner Computerspiele-Museums geben, was nicht nur nostalgische Gefühle, sondern durchaus auch weiterreichende Erkenntnisse über Musik in virtuellen Welten evozieren könnte, als es im letzten Jahr dem doch latent überbewerteten Themenschwerpunkt »Web 2.0« gelungen war.

    Nicht ganz so weit haben es die Gäste der »Europareise«, des internationalen Gipfeltreffens von Festivalmachern aus ganz Europa. Wie groß der Bedarf am Netzwerkknüpfen und Erfahrungsaustausch in diesem prosperierenden, aber auch unter zunehmendem Konkurrenzdruck leidenden Geschäft ist, beweist die stetig steigende Zahl der Teilnehmer. Dass Konzerte längst nicht mehr PR-Veranstaltungen zur Steigerung des Tonträgerabsatzes, sondern selbst zur unverzichtbaren Einnahmequelle geworden sind, spiegelt sich auch im Relaunch der »Deutschlandreise«, einem der beliebtesten Module der c/o pop, wider. Unter dem neuen Namen »Local Heroes« wird sich die lange Clubnacht schwerpunktmäßig nicht mehr nur den zahlreichen Kölner Labels widmen. Vielmehr erhalten die lokalen Konzertveranstalter ein Forum, um mit Acts aus ganz Deutschland einmal mehr den sprichwörtlichen ›Sound of Cologne‹ für eine Nacht neu zu definieren.

    Zu den zugkräftigsten bestätigten Acts zählen neben José González und DJ Koze auch die britischen Veteranen Television Personalities sowie Hercules And Love Affair, die wohl in Nachfolge der im letzten Jahr im Gloria gefeierten M.I.A. als Headliner des Festivals gelten dürfen. Besonders ins Auge fallen wird auch Paul Kalkbrenner. Denn neben seinem Live-Set wird der Berliner Technoproduzent und BPitch-Control-Künstler auch auf der großen Leinwand zu sehen sein: als Hauptdarsteller in »Berlin Calling«. Das fiktive Biopic sieht sein Regisseur Hannes Stöhr (zuletzt im Berlinale Wettbewerb mit dem etwas zu pittoresken »One Day in Europe« vertreten) in der Tradition von »The Doors« und »Walk The Line«, nur eben mit einem bedrogten DJ als Protagonisten. Ausschließlich Fachbesucher werden »Berlin Calling« auf der c/o pop zu sehen bekommen. Der nicht akkreditierte Besucher kann dann im Herbst ganz regulär im Kino nachprüfen, ob er da wirklich etwas verpasst hat.

    Weil nicht nur Disziplinen, sondern auch die Genres zunehmend durchlässiger werden, findet man unter den bewährten Veranstaltungen wie »Kompakt Total 9«, dem zweiten Gang der »Asia-pazifische Platte« (siehe Bericht in Spex #314) und dem »Open Air Pollerwiesen« (mit Ricardo Villalobos hinter den Decks) auch erneut die nicht-elektronische Clubnacht »Indiecitynight« – Vielfalt, die sich das originär elektronische Festival leisten kann, ohne beliebig zu werden. Einziger Ausreißer: der Tribut an das Kölner Magazin Jazz Thing, das seinen fünfzehnten Geburtstag, gewissermaßen zu Gast bei Freunden, im Rahmen der c/o pop feiern wird.

    Besonders stolz ist Norbert Oberhaus, dass sein Festival im letzten Jahr zum ersten Mal »mit einer schwarzen Null« abschließen konnte. Auch in diesem Jahr sei die Finanzierung gesichert, berichtet er, nicht zuletzt dank des neuen Hauptsponsors Vodafone. Auch ein Zeichen der Zeit, schließlich erfinden sich die Mobilfunkanbieter gerade als Tonträgerindustrie der Zukunft neu. Und dass die c/o pop in ihrem fünften Jahr in der Liga der wichtigsten Branchentreffs mithalten wird, davon geht Oberhaus ganz gelassen aus. »In Köln jedenfalls«, sagt er, »weint man der Popkomm keine Träne mehr nach«.

Spex präsentiert die c/o pop 2008. Künstler wie Hercules And Love Affair, Ricardo Villalobos, José González, Larry Heard, Crystal Castles, Supermayer, Television Personalities, DJ Koze, Why?, und Paul Kalkbrenner wurden bereits bestätigt, ein Gesamtüberblick des Festivals findet sich hier.

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