Während hierzulande über eine vorsichtige Lockerung von Kontaktverboten diskutiert wird, haben in China bereits die ersten Clubs und Bars wieder geöffnet. Wie sieht sie also aus, die Zeit nach der Pandemie? SPEX sprach mit Kristen Ng aus Chengdu.

 

Erlaubt uns einen kleinen Hinweis in eigener Sache: Auch für SPEX ist Corona-Pandemie zu einer existenzgefährdenden Bedrohung herangewachsen. Deshalb möchten wir euch bitten: Unterstützt uns mit einem Abo, wenn ihr unsere Arbeit mögt. Damit wir weiterhin mit kritischem Auge auf Pop und die Welt schauen können. Ein ganzes Jahr kostet nur 24€, sechs Monate 15€. Danke!

 

Nachdem die Covid-19-Pandemie um den Jahreswechsel in China ihren Anfang nahm, ist die Zahl der Neuinfektionen dort in den vergangenen Wochen rapide gesunken. Aktuell liegt die Verdopplungszeit der Fallzahlen bei rund 691 Tagen, das Virus verbreitet sich also so langsam wie in kaum einem anderen Land. Das sagen zumindest die offiziellen Stellen, verlässliche Zahlen existieren nicht. Dennoch blickt die wirtschaftlich hart getroffene Musik- und Kreativszene weltweit auf das Land, um eine Ahnung davon zu gewinnen, wie eine Zeit nach der Krise aussehen könnte. Seit vergangenem Wochenende haben die ersten chinesischen Clubs und Bars wieder geöffnet. 

Darunter auch der Club To Another Galaxy (TAG) in der südwestchinesischen Metropole Chengdu. Die Stadt in der Provinz Sichuan gilt mit ihrer umtriebigen Underground- und Clubszene als kreatives Epizentrum und zudem als politisch liberaler als die rund 2.000 Kilometer entfernte Hauptstadt Peking, wo die Kulturschaffenden vor Juni, so wurden wir informiert, nicht mit der Wiedereröffnung ihrer Veranstaltungsorte rechnen können. SPEX sprach mit Kristen Ng, Produzentin, DJ, Bookerin, Bloggerin (Kiwese) und Gründerin des Chengdu Community Radio über harte Zeiten und die Zukunft.

„Es hat sich viel Energie angestaut und es wird sicherlich bald einen großen kreativen Output geben“ – Kristen Ng in besseren Zeiten (Foto: Gennady).

SPEX: Kristen Ng, wie geht es Ihnen dieser Tage? 

Kristen Ng: Mir geht es einigermaßen gut. Die letzten Monate waren bizarr, aber langsam kehrt hier in Chengdu wieder Normalität ein.

Was bedeutet diese Normalität in Bezug auf die chinesische Clubszene? Man hört, sie sei in den vergangenen Jahren rasant gewachsen.

Ja, definitiv. In Chengdu gibt es mittlerweile einige Clubs. Allein letztes Jahr haben innerhalb weniger Monate drei oder vier neue Läden aufgemacht.

Chengdu eilt mittlerweile der Ruf voraus, das kreative Epizentrum Chinas zu sein. Was ist denn so besonders am Nachtleben der Stadt?

Ein zentraler Teil des Nachtlebens ist das Poly Center. Der Club TAG sitzt dort im 21. Stockwerk. Es ist ein riesiges Bürogebäude, das sich ab 2014 mit Clubs gefüllt hat. Das war damals eine besondere Zeit. Man konnte in den Aufzug steigen und auf jedem Stockwerk in eine Bar oder einen Club stolpern. Dort kam eine wahnsinnige Mischung an Menschen zusammen: Einwohner_innen der Stadt, Tourist_innen, Leute, die sich für Techno interessierten, für Bassmusik oder Trap. Leider haben in den letzten Jahren aber immer wieder die Behörden durchgegriffen und Läden ohne Lizenz schließen lassen. Aber der Spirit des Hauses ist geblieben und hat viele Leute zusammengebracht, die nun an anderen Orten in der Stadt Partys schmeißen, auflegen oder Musik produzieren.

Wie muss man sich solche behördlichen Maßnahmen vorstellen?

Ich habe bis vor kurzem noch in einer venue für Livemusik gearbeitet, aber es wurde immer schwieriger, dort das Programm zu gestalten. Die Regierung hat neue Verordnungen erlassen. Man braucht jetzt eine Genehmigung für alles und die bekommst du nur, wenn du viele Angaben machst: Künstler_innen müssen ihre Texte im Vorfeld einreichen, ihren Personalausweis, wie genau ihre Performance aussehen wird und dann müssen sie auch noch eine Gebühr bezahlen.

Wie steht die chinesische Regierung allgemein zur Clubkultur?

Für Techno-Clubs und Bars sind die Bestimmungen anders. Ich glaube, die Clubs laufen oft unterm Radar der Behörden, denn es gibt selten Lyrics und in ihren Augen nichts Subversives zu zensieren. So läuft das zumindest hier in Chengdu. Wenn du mit Clubbetreiber_innen aus Peking oder Shanghai sprichst, werden sie dir etwas anderes erzählen. Dort gab es in den vergangenen Jahren viele Razzien gegen nicht lizensierte Bars, wegen Drogen oder Lärmbelästigung. Ich habe viele Horrorgeschichten gehört von Polizist_innen, die Clubs stürmen, sie schließen und dann von allen Anwesenden eine Urinprobe fordern. Manchmal werden Leute sogar bis nach Hause verfolgt, um eine Urin- oder Haarprobe abzugeben. In Chengdu ist es noch nicht so krass. Dafür wird die Lage aber mit jedem Jahr angespannter.

Lebt man da nicht in ständiger Angst, dass Orte, die man gerade erst aufgebaut hat, nicht besonders lange existieren werden?

In ständiger Angst leben wir nicht, aber in dem Bewusstsein, dass es jederzeit schwieriger werden könnte. 

Wenn die Covid-19-Pandemie der Regierung jetzt nicht schon zuvorgekommen ist. Glauben Sie, die Clubs werden die Krise überleben?

Tatsächlich öffnen einige Bars und Clubs gerade wieder, obwohl die letzten Monate unglaublich hart waren. Es gab keine Einnahmen, aber das Personal und die Miete mussten ja trotzdem bezahlt werden.

„Nach diesen Monaten der Isolation ist es für uns Chines_innen schwer zu akzeptieren, dass diese globale Krise noch nicht vorbei ist.“

Mit Unterstützung von der Regierung kann man sicher nicht rechnen, oder?

Nein, davon weiß ich nichts. In Einzelfällen sind die Vermieter_innen den Clubs vielleicht entgegengekommen.

In den letzten Wochen haben Clubs wie beispielsweise ALL in Shanghai virtuelle Clubnächte veranstaltet. Gab es so etwas auch in Chengdu?

Auf jeden Fall. Viele DJs und Labels wie etwa Another Language haben Livestreams eingerichtet, auch unser Chengdu Community Radio war aktiv. Es gab außerdem diese großartige Streaming-Aktion mit dem Titel Hubei Calling. Acht DJs aus aller Welt haben aufgelegt und Spenden gesammelt, um damit Masken für Beschäftigte im Gesundheitswesen in Hubei zu finanzieren. Das fühlte sich fast an wie ein LiveAid-Konzert.

Aber Live-Streams bezahlen niemandem die Miete. Wurden denn auch konkrete Aktionen gestartet, um die Clubs und Bars zu retten?

Nein, davon habe ich nichts mitbekommen. Ich glaube, die Leute hier haben einfach gehofft, dass der Sturm irgendwann vorüber ist und sie dann ordentlich zupacken werden, um alles wieder aufzubauen. Die Mentalität in China ist vielleicht etwas anders als bei euch in Europa. Hier nutzt man kein Crowdfunding oder veranstaltet Spendenaktionen für sich selbst. Ich denke, die Einstellung ist mehr: „Mach was du kannst, mit dem was du hast“. 

Denken Sie, dass tatsächlich bald alles wieder in den Zustand vor dem Ausbruch zurückkehren wird?

Letztes Wochenende hat TAG wieder eröffnet. Es war super voll und hat sich angefühlt, als wäre nie etwas passiert. Niemand hat eine Maske getragen, alle waren gut drauf. Aufgelegt haben nur lokale DJs. Für sie ist jetzt die ideale Zeit, denn sie können die Slots füllen, die normalerweise von internationalen DJs bespielt würden. Das ist eine positive Entwicklung und eine gute Stoßrichtung. Allerdings kursiert jetzt schon wieder das Gerücht, dass die Clubs am kommenden Wochenende geschlossen bleiben müssen. Museen, Bibliotheken und einige Kinos hier wurden auch gerade wieder zugemacht (Stand vom 31.03., Anm.d. Red.). Es wird eine zweite Infektionswelle befürchtet. China hat deswegen kürzlich auch seine Grenzen geschlossen. Sogar für Ausländer_innen, die ein gültiges Visum haben.

Ich habe mich gefragt, ob weltweit nach dem Shutdown nun in Clubs vorerst neue Regeln eingeführt werden, etwa nur eine bestimmte Anzahl von Personen reinzulassen oder für eine Weile eine Maskenpflicht einzuführen. Ist Ihnen so etwas schon begegnet?

In der Eventeinladung einer Bar stand kürzlich, dass nur 30 Leute zeitgleich da sein dürften und regelmäßig alles desinfiziert würde. Es wurde außerdem darum gebeten, eine Maske zu tragen. Vor Ort war dann aber alles normal. Es ging wohl nur darum, den Leuten ein gutes Gefühl zu geben. Nach diesen Monaten der Isolation ist es für uns Chines_innen schwer zu akzeptieren, dass diese globale Krise noch nicht vorbei ist. Man will jetzt einfach nur raus und zur Normalität zurückkehren. China ist in der Krisenentwicklung dem Rest der Welt einige Zeit voraus. Aber wir wissen auch noch nicht genau, was die nächsten Schritte sein werden. Alle blicken auf uns.

Sie sind in der Kreativszene von Chengdu ziemlich umtriebig. Wie ist Ihre persönliche Situation nach dieser Krise?

Meine Welt wurde komplett auf den Kopf gestellt. Meine eigenen Shows wurden gecancelt, aber auch Touren, die ich organisiert habe, fallen aus oder werden verschoben. Ich hatte trotzdem Glück, denn ich hatte – im Vergleich zu Freund_innen von mir, die ein Festival absagen mussten – keine finanziellen Verluste, hatte noch nichts investiert. Für Menschen aus der Kreativszene gibt es, soweit ich weiß, keine Versicherungen. Wenn du in der Independent-Szene arbeitest, bist du einfach auf Ticket- oder Barverkäufe angewiesen.

Hat die Krise auch etwas Positives mit sich gebracht?

Es war toll zu sehen, wie kreativ die Leute in dieser Zeit mit digitalen Formaten geworden sind. Außerdem denke ich, dass sich viele Künstler_innen wirklich auf ihr Handwerk konzentrieren konnten und Zeit hatten, neue Dinge zu erschaffen. DJs beispielsweise konnten monatelang nach neuen Sounds suchen, Platten kaufen, auflegen üben. Da hat sich viel Energie angestaut und es wird sicherlich bald einen großen kreativen Output geben. Für viele war das jetzt eine gute Detox-Phase, wenn man so will. Um sich mal ordentlich von den anstrengenden Seiten des Nachtlebens zu erholen.