Cloud Nothings „Life Without Sound“ / Review

Dylan Baldi? Scheiße viel Neunzigerjahre-Gitarrenzeug, aber immer fürs falsche Wetter angezogen, immer smart in die vermeintlich falsche Richtung gedacht.

Dylan Baldi ist ein junger Mann aus Ohio, der im schlimmsten Berliner Hochsommer lange schwarze Jeans trägt, aber auf offiziellen Pressebildern in kurzen Hosen posiert. Irgendwas stimmt also nicht an ihm, und ähnlich ist es mit den fünf Alben, die er bisher unter dem Namen Cloud Nothings veröffentlicht hat. Zwei Platten lang waren Cloud Nothings eine Garagen-Pop-Punk-Band ohne Garage und Band. Dann holte Baldi echte Mitmusiker hinzu und prügelte sie in Steve Albinis Studio durch eine Paralleluniversumsversion von In Utero. Das daraus resultierende Album erschien im Januar 2012, es hieß Attack On Memory und blieb folgerichtig Momentaufnahme. 25 Monate später klangen Cloud Nothings auf Here And Nowhere Else schon wieder wie eine Emoband, die verstanden hatte, dass niemand mehr Jimmy Eat World braucht, wenn er Sunny Day Real Estate, Archers Of Loaf und American Football entdeckt hat.

Wer die Neunziger nicht miterlebt hat, kann sich seine eigenen ausdenken.

Scheiße viel Neunzigerjahre-Gitarrenzeug also, aber immer fürs falsche Wetter angezogen, immer smart in die vermeintlich falsche Richtung gedacht. Breite Beine gibt es bei Cloud Nothings nicht, davon kann sich jeder selbst ein Bild machen, anhand ihrer Pressefotos oder anhand ihrer neuen Platte. Life Without Sound ist das Eine-Halle-größer-Rockalbum der zertifizierten Thin-Lizzy-Fans. Das bedeutet, dass gleich im ersten Stück eine Melodie erklingt, die an diesen einen Coldplay-Song erinnert, den man seit Jahren vergessen will. Es bedeutet aber auch, dass nun ein Hit wie „Modern Act“ möglich ist, zugespitzt bis aufs Zugänglichste und versehen mit einem Text, der davon handelt, wie alle auf ihr Handy glotzen, während man sich selbst wie ein Ozean fühlt, der alle Flüsse der Welt mit Wasser füllt. „Life Without Sound ist meine Version von New-Age-Musik“, hat Baldi nämlich auch gesagt.

Nichts von all dem dürfte zusammenpassen, und womöglich ist das schon das ganze Geheimnis von Cloud Nothings. Wer die Neunziger nicht miterlebt hat, kann sich seine eigenen ausdenken – und gleich ein paar ihrer gröberen Schnitzer ausbügeln. Billy Corgan, Chris Cornell, Eddie Vedder und wie sie alle hießen könnten vom Neun-Lieder-Mann Baldi zum Beispiel lernen, wann man am besten Schluss macht. Es wäre ein Anfang.

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