Cirkus

Zirkusunternehmen sind bis in die heutige Zeit zumeist family affairs, die sich über Generationen hinweg im inneren Zirkel der Blutsbande fortgesetzt und konsolidiert haben. Ein Hauch von Zigeunerromantik umweht dieses fahrende Volk, das es sich zur Aufgabe gemacht hat, andere Menschen für ein paar Stunden in Staunen zu versetzen und aus dem oftmals wenig bezaubernden Alltag zu entführen. Daher scheint die Namensgebung des neuen Bandprojektes von Neneh Cherry und ihrem langjährigen Ehemann und Produzenten Cameron McVey aka Booga Bear auch mehr als logische Konsequenz denn künstlerisches Synonym.

Neben Cherry und McVey gehören der Gruppe eine gewisse Lolita Moon und ein junger Mann namens Karmil an, deren Aufeinandertreffen offiziell als zufälliges »Hoppla, da bin ich!« kolportiert wird. Allerdings handelt es sich bei Lolita und Karmil um den direkten bzw. erweiterten Familienkreis, denn sie heißt eigentlich Lola und ist Cherrys/McVeys zweitälteste Tochter und er deren Freund. Zur Mutter muss man nicht wirklich viel erzählen, außer dass sie sich seit ihrem kommerziellen Durchbruch als Solokünstlerin mit ihrem 89er Debüt »Raw Like Sushi« zu einer Persönlichkeit entwickelt hat, die trotz oft jahrelanger und freiwillig gewählter Abstinenz vom Showgeschäft nichts von ihrer Strahlkraft verloren hat. Zu Recht gilt sie als eine der Godmothers europäischer, urbaner (Club-)Musik. Auch wenn es ihnen vielleicht nicht unbedingt bewusst ist, so hat diese Frau den Weg für all die Lily Allens, Lady Sovereigns und Miss Dynamites dieser Welt geebnet. McVey ist ebenfalls nicht ganz unbeteiligt an diesem Umstand, hat er doch nicht nur in den Neunzigern maßgeblich den Bristolsound mit entwickelt, sondern auch von Anfang an für den musikalischen Nährboden seiner Gattin gesorgt. Zusammen haben sie nun dieses neue Baby aus der Taufe gehoben, und hätte man nicht die Möglichkeit gehabt, die Band bei der Groove Attack-Labelnacht im Kölner Stadtgarten erstmals live zu erleben, wäre wohl die Rezension ihres Tonträgers mehr als dürftig ausgefallen. Auf dem Promoexemplar befindet sich quasi nur ein Song, der stoisch in verschiedenen Soundformationen von TripHop, Downbeats, Drum’n’Bass u.ä. variiert wird. Live enthüllen sich durchaus stilistisch sehr unterschiedliche Lieder, die man etwas holprig als FuckFolkHop bezeichnen könnte. Mittlerweile lebt der gesamte Clan in Nenehs Heimat Schweden, um innerfamiliären und kulturellen Stillstand zu vermeiden. Vielleicht ein weiterer Grund für cirKus, um in Zukunft in der ganzen Welt die Zelte für ein Gastspiel aufzuschlagen.

LABEL: Tent Music

VERTRIEB: Groove Attack

VÖ: 01.09.2006

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