Chvrches „Love Is Dead“ / Review

Eine Atempause hätte Chvrches zwischen Idee und Ausführung von Love Is Dead gutgetan. Wenn die Musik ein Metalcore-Herz auf dem Cover rechtfertigt, dann wäre noch mal drüber schlafen vielleicht eine gute Idee gewesen.

Den Titel ihres dritten Albums müsse man sich mit optionalem Fragezeichen vorstellen, erklärt Lauren Mayberry in einem Werbevideo mit Matt Berninger, und dem Sänger von The National fällt dazu auch keine sinnvolle Anschlussfrage mehr ein. „Ihr seid ja eine ziemlich authentische Band, woher nehmt ihr den Mut dazu?“ Das Konzept, Künstler einander interviewen zu lassen, funktioniert eben nur, solange es Nettes zu sagen gibt, und ein Album, das Greg Kurstin versaut hat, kann auch Berninger nicht mehr retten. Normalerweise produzieren Chvrches ihren Synthiepop selbst so durchdacht, dass erwachsene Indiekids mit Hang zum Schwermut guten Gewissens ihre lila Herzen daruntersetzen können, aber zweieinhalb Jahre nach Every Open Eye reichen diese Indiekids den Schotten offenbar nicht mehr.

Kurstin, sonst professioneller Seelenräuber bei Sia, Kelly Clarkson, Tegan And Sara und den Foo Fighters, sorgt auch auf Love Is Dead dafür, dass Chvrches über weite Teile klingen wie ihr eigener Remix. Was etwa ein Dubstep-Verbrechen wie „Miracle“ noch mit innerer Wahrheit zu tun hat, könnte Mayberry ruhig mal erklären, das ins Leere gehämmerte Klavier-Interlude „ii“ am besten gleich mit, und dass „God’s Plan“ anmutet wie die Editors auf House, ist natürlich auch, äh, mutig.

Wenn man fragen muss, ist die Liebe ziemlich sicher tot.

Statt ihre Leidenschaftsmelodien trotzig über die Bunkertanzflächen zu schicken, wo sie immer besonders schön im Nebel glitzerten, steuern Chrvches jetzt mit dem Skrillex-Raumschiff die Hallen an, die Taylor Swift gerade leergespielt hat. Eine verglichen mit älteren Songs plumpe Single wie „Get Out“ wirkt fast erfrischend, weil sie als einer der wenigen Songs des Albums nicht ganz so zugemüllt wurde, und das ruhige „My Enemy“ mit Berninger als schläfriger Zweitstimme dient trotz überflüssiger Synthie-Schiebewände als kleine Atempause. Die hätte Chvrches zwischen Idee und Ausführung von Love Is Dead auch gutgetan. Wenn die Musik ein Metalcore-Herz auf dem Cover rechtfertigt, dann wäre noch mal drüber Schlafen vielleicht eine gute Idee gewesen. Und wenn man schon fragen muss, ist die Liebe ziemlich sicher tot.

1 KOMMENTAR

  1. Im Raum stehen bleibt die Frage, ob der Autor des Artikels in besagtes Album einmal selbst reingehört hat. Hätte er das getan, wäre es wohl keine oberflächliche Betrachtung des Machtwerks, sondern ein Betrachten der Hintergründe und Messages der Lieder geworden, wodurch er wahrscheinlich eine andere Sicht auf das ach so zugemüllte Album gehabt hätte. Schade, aber so etwas schreibt sich sicherlich schneller und hätte jeder denselben Geschmack, wär’s ja auch langweilig.

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT

Please enter your comment!
Please enter your name here

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.