Chromeo Fancy Footwork

Mit ausgefallener Beinarbeit kommen nicht nur Profitennisspieler und Turniertänzer zu Ruhm und Ehre, sondern auch auf dem Dancefloor ist das oberste Gebot, eine gute Figur abzugeben. Oder um es etwas antiquiert auszudrücken: eine kesse Sohl aufs Parkett zu legen. Wenn das gelingt, steigt nicht nur das Ansehen in der eigenen Peergroup, nein, man darf sich auch Chancen ausrechnen, mehr oder weniger eindeutige Angebote zu bekommen und durch knallharten Eskapismus dem tristen Alltag und der eigenen Realexistenz zu entfliehen – und sei es eben nur für eine lange Nacht: So wie John Travolta es uns in den Siebzigern eindrucksvoll gezeigt hat.

    Den passenden Soundtrack für derartige transzendentale Momente im Clubkontext liefern Chromeo mit ihrem zweiten Album, Wünsche bleiben dabei keine offen. Einerseits retro-diskoid verspielt im zeitgemäßen Produktionsgewand, andererseits wunderbar elegisch-erhaben als Reminiszenz an das uralte »Boy meets Girl«-Motiv perlen die insgesamt zehn Tracks auf »Fancy Footwork« wie prickelnde Luftbläschen in einer Sektflöte unschuldig und flüchtig an die Schaumwein-Oberfläche, um dort zu zerplatzen und sich in allgemein-glückseliges Wohlgefallen aufzulösen. Sollte man dem Duo aus Montreal eine bestimmte Marke zuordnen, so würde es sich definitiv um Asti Cinzano handeln: Erfrischend und belebend, aber immer auch einen Tick zu süß. Einhergehend mit der Gefahr, am Morgen danach mit schwerem Schädel und dröhnenden Kopfschmerzen ins Kissen zu weinen, weil man doch (schon wieder) alleine aufgewacht ist. Genau darum geht es Pee Thug und Dave 1, der Ersten »israelisch-palästinensischen Freund- und Arbeitsgemeinschaft«, und es ist ihnen verdammt ernst damit: Vermuten viele hinter Pees catchy Hooklines, Daves teilweise naiven Bestandsaufnahmen urbaner Romantik und ihrem gemeinsamen Auftreten als nerdiges Disco-Gespann eine Art tongue-in-cheek-Attitüde, so betonen die beiden immer wieder gerne, dass sie sich tatsächlich in direkter Linie zu ihren Heroen Hall & Oates sehen. Mit der Einschränkung, dass man ihnen wohl nicht unbedingt ein homoerotisches Verhältnis zueinander unterstellt. Aber vielleicht arbeiten die beiden daran ja auch schon, sozusagen als »Chromeo: Next Level«.

    Die zuckrigen Appetithäppchen tendieren eindeutig mehr zum Song als zum Track, mal abgesehen von Intro und Interludes, die ganz ohne textliche Unterstützung seitens des promovierten Romanisten Dave (Schwerpunkt: Französische Literatur) auskommen. Sie erinnern an die frühen Pet Shop Boys, Trevor Jacksons Ausflüge als Playgroup, das letzte Album von Alan Braxe & Fred Falke oder Peter Frampton – gerade auch wegen des intensiven Einsatzes der bisher eher verpönten Talkbox, die in den vergangenen zehn Jahren sonst nur bei Cher und Daft Punk zu finden war. Hier stellt Pee Thug seine ganze Virtuosität unter Beweis, die gerade bei Liveauftritten von Chromeo mächtig Eindruck hinterlässt. Und auf ihrem aktuellen Album nähern sie sich ihrem selbsterklärten Ziel mit einem weiteren, ausladenden Schritt: ernsthafte Lovesongs zu schreiben, die Spaß machen. Damit wird aus einer eigentlich nahezu unmöglichen Mission eine klare Mission: Completed.

LABEL: V2 Records

VERTRIEB: RTD

VÖ: 22.06.2007

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