Chrome Hoof: Slaves to the rhythm

Darauf können sich Mosher, Ed-Banger-Fans und Exzentriker einigen: Chrome Hoof. Das Kollektiv aus Londoner und Berliner Lärmfreunden verlötet Progrock, Soulgesang und gutturale Metalstudien zu einem geilen Konglomerat. Wahnsinn!

ChromeHoof Ein stählerner Madvillain-Helm, dazu Kutten und Kapuzen, allerdings keine pechschwarzen, nein: Discokugel-Pailletten-Optik ist bei den zehn Musikern von Chrome Hoof aus London angesagt. Chrome Hoof bedienen sich einer silbrigen Spacerock-Weltraumforscher-Ästhetik, wie man sie bisher höchstens von instrumentalen Surf-Autisten wie Man… Or Astro-Man? kannte. Dem steht live der Verweis auf deutlich Epischeres gegenüber: Ähnlich wie beim Drone-Metal-Projekt Sunn O))) verschwinden auch bei Auftritten von Chrome Hoof die Individuen hinter einem schwarzen Schleier aus Uniformierung und Sound. Lediglich die Sängerin, Lola Olafisoye, entzieht sich der Gleichschaltung, dafür emuliert sie in Frisur und Jumpsuit das bizarre Bild einer aus ihrer »Slave To The Rhythm«-Phase direct ins 22. Jahrhundert katapultierten Grace Jones. Ein  wahnsinniger Mix, der seine akustische Entsprechung im Sound findet: Chrome Hoof verdingsen Rock- und Soulzitate mit den perkussiven  Methoden des Free Jazz, als hätten die französischen Progressive Rocker von Magma nie ihre Verstärkertürme abgebaut. Mehr noch: Das ganze geile Konglomerat ist dermaßen druckvoll und heiß gearbeitet, dass es nicht nur Mosher, sondern sogar Ed-Banger-Fans wegmetert.

    Berlin an einem frühen Sonntagabend: Milo Smee, der rund 1,90 Meter große, glatzköpfige Drummer von Chrome Hoof liegt rücklings auf dem kalten Fliesenboden einer Bar in Kreuzberg. Seit einer Nacht hat er nicht geschlafen. Erst hat er unter seinem DJ-Namen Kruton im neuen Tresor Techno aufgelegt, danach scheint die After-Hour für ihn nicht geendet zu haben. Er lebe heute als einziges Bandmitglied von Chrome Hoof in Berlin, erzählt er. In die Stadt gezogen sei er eigentlich nur, weil er sich hier eine Ausstellung des Turner-Preisträgers Keith Tyson habe ansehen wollen. Für dessen Installationen hatte er ein Stück Musik komponiert. Danach sei er einfach geblieben, um Deutsch zu lernen. Wozu er seitdem natürlich noch keine Zeit gehabt hat.

    Milo hat Chrome Hoof Mitte der Neunziger zusammen mit seinem Bruder Leo gegründet, der eigentlich bei der Metalband Cathedral spielt. Damals stand für beide noch keine konkrete Idee eines Sounds im Vordergrund: Milo habe Leo zuvor nicht ausstehen können, merkt er an, dementsprechend stand ihre gemeinsame Band anfangs mehr im Zeichen gegenseitigen Kennenlernens und zaghafter Jams. Erst seit dem neuen Millennium, seit immer mehr Musiker aus ihrem Freundeskreis dazustießen, nahm Chrome Hoof professionellere – wenn auch zunächst musikalisch abstrakte – Formen an. Milo und Leo filterten die Aufnahmen der im Kollektiv aufgezeichneten Sessions, um die besten Fragmente später gemeinsam mit den anderen wieder live zusammenzuführen: Halsbrecherisch schnell gespielte Bassriffs werden von schrillen Sounds aus dem microKorg überlagert, alle Sorten an Percussion greifen ineinander, Trompete, Saxofon und Fagott setzen zu Fanfaren an. Dazu lärmende Gitarrenwände, eine verzerrt geschlagene Geige und die ganze Gesangspalette von Disco bis Screamo.

    »Alles, was musikalisch geschieht, geht am Ende durch Leos und meine Hände«, erklärt Milo. Das kompositorische Zusammenführen und gleichzeitige Ausmisten wirkt Wunder: Die mal tanzbare, mal extrem verschachtelte Musik von Chrome Hoof ist schrill genug, um sowohl bei einem urban-hippen, als auch bei einem ländlichen Metalfestival-Publikum anzukommen – ihr kostümiertes Auftreten unterstreicht ihr duales System. Dass Chrome Hoof derzeit alle Herzen brechen, liegt auch am Gesang Lola Olafisoyes, die sonst in ihrer anderen Band Spektrum singt – ein in England derzeit recht erfolgreiches, von Gabriel Olegavich, dem Produzenten von Lady Sovereign gegründetes Disco- und Postpunk-Outfit. Bei Chrome Hoof macht sie Stücke wie »Symbolik 180°« oder »Tonyte« mit ihrem dunklen Soul schnell zu ihren eigenen. »Lolas Gesang ist sehr perkussiv und passt deshalb gut zu unserer rhythmusbetonten Musik«, erklärt Milo. Dabei ist Lola nicht die prototypische Frontfrau, ihrem melodischen Gesang stehen gutturale Metalstudien von Leo Smee und fauchende Screamo-Einwürfe von Keyboarderin Emma Sullivan gegenüber (»Death Is Certain«): Man fühlt sich an die Blood Brothers erinnert, so sehr schieben sich innerhalb eines Chrome-Hoof-Stücks die Gesangsstile des Pop und des Death Metal wie bei einem Auffahrunfall ineinander.

    »Pre-Emptive False Rapture«, das neue Album von Chrome Hoof, ist ein gewaltiger Hybrid. Einen musikalischen Ritt wie diesen hat man seit der Fantômas Melvins Big Band nicht mehr erleben dürfen. Im direkten Vergleich wirken Chrome Hoof mit ihrer popkulturellen Zeichenzusammenführung allerdings fast schon wie ein chartstauglicher Pop-Entwurf. Sie selbst stützen diese These übrigens jüngst durch gemeinsame Live-Auftritte mit Justice und den Klaxons in der Londoner Brixton Academy. Und wenn sich aus deren Vita eine Lehre ziehen lässt, dann die, dass man im Jahr 2007 mit einer grellen Mischung aus Dance und Noise locker schnell als der neue Konsens gehandelt wird.

»Pre-Emptive False Rapture« von Chrome Hoof ist bereits erschienen (Southern Records / Soulfood).

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