Christoph de Babalon

Prominent sind die Referenzen, auf die man verweist, um neuen Hörern Christoph de Babalon näher zu bringen. Sein Meilenstein »If You´re Into It, I’m Out of It« lotete vor elf Jahren so eigenwillig die Grenzen von Breakcore und Ambient-Noise aus, dass sich Thom Yorke zu dem Statement gezwungen sah: »It really sucks you in. It’s the most menacing album I own«. Seitdem zählte de Babalon zu den Favoriten von John Peel, wurde von Radiohead auf Tour mitgenommen und für seinen damaligen Labelchef Alec Empire überragt »If You’re Into It …« alles, was sonst noch auf Digital Hardcore erschienen ist. Diverse 7- und 12-Inches, Kollaborationen mit Tocotronic oder Kid 606 und Theatermusiken gingen ins Land, bis der in Hamburg geborene Wahlberliner Ende 2008 sein zweites Album »Scylla & Charybdis« vorlegte. Es brauchte Zeit – Zeit die man sich auch als Hörer nehmen muss, sonst könnte einen dieses hybride Teil vorschnell mit Enttäuschung strafen.

    Konzeptuell sind die beiden »Scylla« und »Charybdis« genannten Tracks am klassischen Genre der Sinfonischen Dichtung angelehnt. Wie etwa Richard Strauss »Don Quixote« vertonte, nahm sich de Babalon zweier Ungeheuer an, die sich laut griechischer Mythologie in der Meerenge von Messina ihre Opfer gegenseitig in die Rachen trieben. Wollte man vor dem einen fliehen, fraß einen die andere und umgekehrt. Im Gegensatz zu seinen dramaturgisch sehr geschickt linear gebauten früheren Tracks, mit ihren langsamen Entwicklungen und minimale Veränderungen, schichtet de Babalon nun eher vertikal, baut ungeheuere Intensität und melancholische Tiefe in kürzester Zeit. Ein leichtes Ambientsummen wird mit einem Schlag durchbrochen, in dem sich die in Effekten gefesselte Alexandra von Bolz’n mit unverständlichen Worten als das Böse vorstellt. Zugleich lockt ein Sirenengesang im Hintergrund, suggeriert Rettung, die auch immer schon im Grauen steckt, bis sie sich selbst auch als ebenbürtiges Grauen erweist – auf der zweiten Plattenseite, mit Hanayo an den Vocals von »Charybdis«. Sie beginnt mit einem losgelösten Breakfeuerwerk, hochenergetisch, die Stimmen brechen sich an Felsen, mischen sich als Echo, es wabert im elektronischen Meer und blitzt in der Elektronik. Effekte und Beats werden zu gleichberechtigten Instrumenten. Am Ende wird etwas geseufzt, das nach »San Sebastián« klingt, womit eine Ikone des menschlichen Leidens die beiden Monster zu einem Triptychon des Grauens ergänzen würde. Unsere Monster freilich, wie Ian Liddles formidables Album-Artwork dick unterstreicht, sind selbstgemacht: in zwei Collagen werden Werbeprospekte und ein altes Max-Cover mit der Polonaise nackter Daily-Soap-Sternchen als kaschierte Monströsitäten enttarnt.

    Von solchen manchmal auch recht theatralischen Tönen abgesehen erweist sich »Scylla & Charybdis« bei genauerem Studium als ausgefeiltes Spiel mit dem Pathos, mit Formaten, Klischees und Zerrspiegeln. De Babalons nach wie vor immenser Ausdrucksreichtum wird besonders evident, wenn man die nur auf Vinyl erhältliche, knapp halbstündige Platte im Kontext ihrer auf hundert Exemplare limitierter Premium-Edition sieht. In ihr werden auf der zusätzlichen »Miniatures«-CD und auf einem weiteren, strikt analogen Mix-Tape, »Scylla« und »Charybdis« deutlich mehr Raum zur Entfaltung gelassen. Auch tatsächlich Tanzbares ist da zu finden, was wohl bedeuten dürfte, dass de Babalons sich nach dieser bemerkenswerten Ausweitung Richtung konzeptionsschwerer Hochkultur auch weiterhin alle Richtungen offen lässt.

LABEL: Cross Fade Enter Tainment

VERTRIEB: Import

VÖ: 03.11.2008

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