Wie schmeckt »Imperium«?

Foto: Martin Bilinovac

Hoch schlugen die Wellen zwar nicht im Südwest-Pazifik, wohl aber im deutschen Feuilleton, als Georg »Der Kritiker« Diez Christian Kracht und dessem neuen spätwilhelminischen Kolonialroman Imperium (Kiepenheuer & Witsch) die Etablierung »antinmodernen, demokratiefeindlichen, totalitären Denkens« unterstellte. Da war Kunst plötzlich nicht mehr fiktiv und Kracht wurde von Diez jegliche Distanz zu den eigenen Figuren abgesprochen. Soweit, so unerfreulich.

Dass man dieses Buch auch unaufgeregter, wenngleich pointierter besprechen kann, zeigt in Spex #337 Leif Randt, seit seinem zweiten Roman Schimmernder Dunst über Coby County Experte für absonderliche Zivilisationsexklaven. Er lässt die beiden Freunde Boris und Lucas in einem Neuköllner Brathähnchenimbiss über Imperium streiten – ein Gespräch, das so vielleicht niemals stattgefunden hat, es aber jederzeit könnte. Nachfolgend ein Ausschnitt.

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BORIS:   Elfriede Jelinek sagt über das Buch ja, dass man es kaum in einem Satz zusammenfassen kann. Ich könnte nicht mal die ersten beiden Kapitel in einem Satz zusammenfassen. Ich bin zu oft abgeschweift.

Boris und Lucas haben sich vor knapp zwei Jahren an der FU Berlin kennengelernt, wo Boris heute, nachdem er 2010 seinen Abschluss am Schweizerischen Literaturinstitut in Biel gemacht hat, Politik am Otto-Suhr-Institut studiert. Boris schreibt karge Prosaminiaturen, die Motive seiner Schweizer Kindheit teils surreal mit seiner Charlottenburger Gegenwart verschneidend. Er liest wenig, und vieles missfällt ihm – und er hat ein gespaltenes Verhältnis zu Christian Kracht.

LUCAS:   Natürlich lässt sich die Handlung grob in einem Satz zusammenfassen.

Lucas runzelt die Stirn. Er hat den Anspruch, Dinge immer präzise und schnell beschreiben zu können. In seinem verbalen Alltag gelingt ihm das aber eigentlich nie.

LUCAS:   Der Bartträger August Engelhardt beginnt das 20. Jahrhundert als Utopist und Romantiker, er erklärt sein Leben zu Kunst und endet als Antisemit und Selbstverstümmler.
BORIS:   Musstest du das jetzt unbedingt verraten?
LUCAS:   Es steht so ähnlich doch schon im Pressetext.
BORIS:   Nein, da steht nur etwas von einer Spirale des Wahnsinns …

Als dieser Satz recht laut durch das Hähnchenbistro tönt, dreht sich ein blonder, etwas verbraucht aussehender Lockenkopf, der sich gerade am Tresen Menü 2 zum Mitnehmen bestellt hat – drei Chickenteile, Pommes, Salat –, zu den Jungs um.

FREMDER:   Redet ihr über den neuen Kracht?

Lucas, der sich doch eigentlich nach aufrichtigen Freundschaften sehnt, blickt kalt zum Tresen.

LUCAS:   Nein.

Der Fremde hakt nicht nach. Er bittet das uniformierte Personal, auf die hausgemachte Knoblauchpaste zu verzichten, für ihn nur Ketchup. Boris spricht jetzt etwas leiser.

BORIS:   Konntest du langfristig darüber lachen? 240 Seiten lang?
LUCAS:   Ja und nein. Also … Irgendwann, spät in der ersten Nacht, als ich noch immer mit dem Buch bei Schwarztee in meiner Küche saß, da spürte ich eine leicht traurige Furcht in mir aufsteigen …

Lucas muss nachdenken. Er kaut auf einem Hühnchenfiletstreifen und hält zwei Servietten in der Hand.

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Mehr in Spex #337.

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