Die Art, wie Youtube, Facebook und Co. funktionieren, macht sie zu Verstärkern von extremen Inhalten. Wohin das führen kann, zeigt der Anschlag von Christchurch.

Wir müssen über das Internet reden. Denn vergangenen Freitag erschoss ein radikalisierter white nationalist im neuseeländischen Christchurch 50 Menschen und streamte die Tat 17 Minuten lang live auf Facebook. Das hat erstmal wenig mit dem Internet an sich zu tun, klar. Die Umstände führen dennoch zu einem Problem, das wir als Gesellschaft dringend angehen müssen.

Addiert man nämlich die restlichen Fakten rund um das blutige Attentat auf zwei Moscheen hinzu, bleibt kein Zweifel: Dieser Täter war weder ein lone wolf noch ein irrer Einzelfall, wie immer wieder über rechte Terrorist_innen behauptet wird. Denn nach allem, was man weiß, war er sich zweier Dinge zu jeden Zeitpunkt bewusst: Für wen er das macht. Nämlich für die radikal rechte Fraktion im Netz. Und was er damit auslöst. Nämlich einen viralen Hype, der weit über rechte Kreise hinausgeht. Es handelt sich bei Christchurch sozusagen um den ersten größeren rundum als Internetereignis inszenierten Amoklauf.

Das Internet ist voller „rabbit holes“, die einen mit wenigen Klicks zu extremem Gedankengut führen (Collage: SPEX).

Nicht nur, weil der Attentäter alles live in die Welt sendete. Sondern weil er sich im Vorfeld und während der Tat immer wieder bestimmten Codes bediente, die typisch für rechte Schmuddelecken im Netz sind. So behauptete er wiederholt, von gewaltverherrlichenden Videospielen radikalisiert worden zu sein, ein in ultrarechten Kreisen beliebte Phrase, um Medien und andere Außenstehende zu trollen. Den Amoklauf kündigte er auf 8Chan an, einem reichweitenstarken Sammelbecken von Verschwörungstheoretiker_innen, Rassist_innen und anderen Dummköpfen.

Zu Beginn des Livevideos erinnerte der 28-Jährige seine Follower_innen zudem daran, doch bitte dem Youtuber Pewdiepie zu folgen, einem kontroverse Meinungen vertretenden Schweden, der auf der Videoplattform die meisten Follower_innen überhaupt hat. Der Aufruf hatte sich in den Monaten zuvor zu einer Art geheimen Handzeichen zwischen Leuten entwickelt, die von sich selbst behaupten, die Mechanismen des Internets verstanden zu haben.

Die bittere Wahrheit: das hat der Attentäter von Christchurch tatsächlich. Denn Youtube, Facebook und Konsorten schaffen es auch eine Woche später nicht einmal annähernd, die rasante Verbreitung des Videos zu stoppen. Gibt man heute bei Google „Christchurch” ein, erscheint als erster Suchvorschlag „Christchurch video”. Gefolgt von einem halben Dutzend Variationen derselben Anfrage. Und genau darin liegt das Problem.

Plattformen wie Facebook, Google oder Youtube teilen einen fatalen Geburtsfehler

Damit keine Missverständnisse aufkommen: Natürlich ist und bleibt rechter Terror und menschenverachtendes Gedankengut das drängendste Problem. Eines obendrein, das die westlichen Gesellschaften auf Jahre hinweg beschäftigen wird. Denn auch das zeigt der Anschlag: Rechte Gewalt ist gefährlicher denn je. Auch weil sie über Jahrzehnte sträflich unterschätzt und immer wieder auf teils ekelerregende Art kleingeredet wurde – gerade in Deutschland.

Aber wie konnte es so weit kommen? Warum sind extreme Ansichten auf dem Weg in den Mainstream? Und was haben die neuen Technologien damit zu tun?

Fakt ist, dass das Internet unsere Gesellschaft bloß spiegelt. Nichts findet seinen Weg ins Netz, das nicht auch in der Realität existiert. Also bedauernswerterweise auch Nationalismus, Fremdenfeindlichkeit und Abschottungsfantasien, die in den vergangenen Jahren an Popularität gewonnen haben. Das Problem: Die Art, wie die größten Internetplattformen funktionieren, macht sie zu Verstärkern von extremen Inhalten. Und ihre Marktmacht macht diese zum gefährlichen Massenphänomen.

Das liegt an einem fatalen Geburtsfehler, den Plattformen wie Facebook, Google oder Youtube teilen: dem Gebot vermeintlicher Neutralität. Sie fußt auf der Annahme, dass alles, was in einer Art Aufmerksamkeitsdarwinismus nach oben gespült wird, schon gut und richtig sein wird.

Klingt nach der Mär vom alles regelnden Markt? Ist noch viel schlimmer. Denn die Konzerne befeuern dieses System fleißig mit ihren auf das Ziel maximaler Verweildauer programmierten Algorithmen. Denn hohe Verweildauer bedeutet hohe Einnahmen durch Werbung. Das System ist einfach: Wenn eine_r bestimmten Nutzer_in also ein bestimmter Beitrag gefällt, wird sie automatisch auf einen anderen verwiesen, an dem Nutzer_innen mit ähnlichem Klickverhalten hängen geblieben sind.

Dass das nicht gutgehen kann, ist logisch. Denn um Nutzer_innen auf einer bestimmten Seite zu halten, muss man liefern. Am besten richtige Schocker, denn die ziehen bekanntlich die meisten Klicks. Das Ergebnis ist eine Radikalisierungsspirale innerhalb der Vorschlagsfunktion.

Sucht man bei Google nach „Christchurch”, erscheint als erster Vorschlag „Christchurch video” (Foto: Screenshot).

Besonders gut lässt sich das bei Youtube beobachten. Schaut man dort beispielsweise ein Video über, sagen wir, die Landwirtschaft in Ohio, dauert es mittels der vorgeschlagenen ähnlichen Inhalte keine fünf Klicks, bis man bei Echsenmenschen, kruden Invasionstheorien und der Weltverschwörung angekommen ist. Um das Ausmaß in Relation zu setzen: Das ist in vielen Fällen in etwa so als würde man geschichtsinteressierten Menschen unkommentiert Mein Kampf als seriöse Lektüre in die Hand drücken – wird Ihnen sicher gefallen.

Der Konzern beteuert inzwischen zwar, intensiv gegen solche rabbit holes vorzugehen, praktisch merkt man davon aber wenig. Warum sollte er auch etwas ändern? Die big three haben hinter der Neutralitäts-Ausrede astronomische Umsätze angehäuft. Und konnten dabei die inhaltliche Arbeit bequem Algorithmen überlassen, denen Gewinnsteigerung als Modus operandi eingetrichtert wurde – und nicht die Nuancen menschlicher Bildung. Blöd nur, dass diese drei Firmen die mit Abstand größten Informationsquellen der Welt sind und diese Rolle obendrein mit höchst aggressiven Geschäftspraktiken zementieren.

Was also tun? Erst einmal akzeptieren, dass das Problem uns noch lange beschäftigen wird. Denn es ist längst zu spät. Eine ganze Generation ist inzwischen mit den Sozialen Medien aufgewachsen, in den allermeisten Fällen natürlich ohne Probleme. Aber den Prozentsatz, der Fehlinformation und Panikmache auf den Leim gegangen ist, wird man nicht so schnell zur Räson bringen. Zumal Teile von Politik und Öffentlichkeit die wirren Gedanken auch noch untermauern.

Nicht das Internet tötet, sondern Menschen

Zweitens müssen wir einsehen, dass man der Sache nicht mit den üblichen Lösungsvorschlägen beikommen wird. Irgendwelche Verbote? Würden das Problem nur verschärfen und verschieben. Regulierung? Klingt erstmal gut, führt aber am Kern vorbei. Sicherlich könnten Konzerne, die zunehmend zu Ersatzregierungen werden, mehr Verantwortung tragen. Aber will man ihnen diese wirklich übertragen? Und wem sonst? Staatsapparaten, an deren Spitze Durchlauferhitzer wie Donald Trump oder Wladimir Putin sitzen? Lieber nicht.

Eine zivilgesellschaftliche Regulierung wie bei den deutschen öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten? Auf globaler Ebene ein Witz. An der Stellschraube privaten Konsums zu drehen, damit die Geschäftsmodelle sich nicht mehr lohnen? Vielleicht noch die eleganteste Möglichkeit, die aber zur globalen Bewegung heranwachsen müsste, um wirklich etwas zu bewegen. Das ist unwahrscheinlich, schließlich gehören diese Dienste so integral zum Leben der meisten Menschen wie Kaffee und Klogang.

Die Wahrheit ist, dass es keine schnelle Lösung geben wird. Deshalb ist es umso wichtiger, die Situation endlich klar zu benennen. Das gilt für rechte Gewalt wie auch die Strukturen, denen sie entstammt. Jahrzehnte des Wegschauens haben dort eine Stimmung entstehen lassen, anhand derer man sich über Attentate wie das Massaker von Christchurch nicht mehr wundern sollte – so zynisch es auch klingt.

Denn nicht das Internet tötet, sondern Menschen. Und die sind bekanntlich Produkte ihrer Umgebung. Wenn diese hauptsächlich von krudem Extremismus bestimmt werden kann, haben wir ein Problem.