Chris Liebing „Burn Slow“ / Review

Der Versuch, sich musikalisch neu zu erfinden, endet für Chris Liebing auf Burn Slow im Erfolg. Das Album ist besser als viele der aktuellen Genrekollegen.

Irgendwann mal war Techno eine richtige Jugendbewegung, jede deutsche Kleinstadt hatte ihre eigene Partyszene. Bis in den frühen Nullerjahren die Post-Techno-Zeitrechnung begann, zumindest in den Metropolen. Auf dem Land regierte noch immer Schranz, eine ruppige Spielart von Loop-basiertem Techno. Doch als dann Bootlegs wie „Schranz Slippy“ oder „Gimme Schranz Jo’Anna“ die Runde machten, war das Ende nahe.

Heute spielt er als jetsettender Headliner der großen Festivals harten und schnörkellosen Techno. Nur Platten hat er seit gut 15 Jahren keine mehr gemacht.

Als Erfinder des Begriffes Schranz gilt der DJ Chris Liebing. Im Frankfurter Plattenladen Boy Records, wo er Mitte der Neunziger arbeitete, gab es für harten Loop-Techno Detroiter oder britischer Prägung ein Fach namens Schranz. In den folgenden Jahren machte Liebing eine steile Karriere als Radio- und Club-DJ und landete mit „Dandu Groove“ einen Underground-Hit. Alles lange her. Heute spielt er als jetsettender Headliner der großen Festivals harten und schnörkellosen Techno. Nur Platten hat der Hesse schon seit gut 15 Jahren keine mehr gemacht.

Mit seinem dritten Album Burn Slow will sich der mittlerweile 49-Jährige nun als Produzent neu erfinden. Der Albumtitel ist programmatisch zu verstehen, die 15 Tracks entrollen sich langsam, mäandern episch-hypnotisch und sind auch mal krautig angehaucht. Spätestens nach der Hälfte hört man, dass Liebing im Studio ein gewisser Ralf Hildenbeutel zur Seite stand. In den Neunzigern produzierte der Frankfurter zahllose Techno-, Trance- und Hardtrance-Hits für die Labels Eye Q und Harthouse, bis er irgendwann nur noch Filmmusik machte.

Bis eben Liebing mit diesem Album um die Ecke kam, das mit Gästen wie Mute-Kollegin Polly Scattergood, Gary Numan oder Miles Cooper Seaton von Akron/Family aufwartet. Wie das nun klingt? Das von Scattergood getragene „And All Went Dark“ erinnert an eine verjüngte Anne Clark, Numan monologisiert auf „Polished Chrome (The Friend Pt. 1)“ sonor über einer oszillierenden Bassline. Man kann das alles erwartbar finden, sicher. Trotzdem: Burn Slow ist schlicht besser als viele genreverwandten Alben, besonders innerhalb des irre guten 20-minütigen „Trilogy“, in dessen Verlauf man zur Erkenntnis kommt, dass Liebing mit Burn Slow das Bestmögliche aus Hildenbeutel herausgekitzelt hat – und nicht umgekehrt.

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