Chris Garneau: Strenger Blick gratis

ChrisGarneauEs wirkt zu lächerlich, um es unerwähnt zu lassen: Chris Garneau, 24 Jahre alt, Musiker. In seinem Myspace-Profil steht: »I am an avid lampshade collector. I enjoy steak & treats.« Er hat Humor und bisher 7451 virtuelle Freunde. Noch.

    Chris Garneau, 24 Jahre alt, ein Mann gefangen im Körper eines 16-Jährigen. Oder einer Frau. Man könnte auf beides tippen, androgyn genug wirkt er. Das Gesicht weich, die Haare gescheitelt. Schwarze, gescheitelte Haare, natürlich. Den strengen Blick bekommt man gratis. Er kann die ständigen Vergleiche mit Rufus Wainwright nicht ab, schon aus Prinzip nicht, wegen seines Pianospiels sowieso nicht. Man kann es ihm nicht übel nehmen. Sie treffen sowieso nicht.

    »Music For Tourists« – der Albumtitel klingt zynisch. Weniger der Titel dieses ersten Albums, mehr Garneaus Texte sind voll Bitterkeit, abgeklärt, abgehangen, am Leben scheiternd. Oder auch wachsend. Kommt auf den Blickwinkel an. Chris Garneau hat Talent, sehr großes sogar. Umrahmt von Cello und Piano könnte einem diese Stimme nahezu alles verkaufen: vom Trennungsschmerz bis hin zum Staubsauger.

    Sein Kumpel Jamie Stewart (Xiu Xiu) trägt ähnliche Dilemmata mit sich spazieren, wenn auch mit brüchigerer Vokalisierung. Er empfahl Chris bei Absolutely Kosher, Indie-Label mit Stil, seit Jahren schon. The Hidden Cameras, Sunset Rubdown, Mountain Goats. Absolutely-Kosher-Betreiber Cory Brown blieb wenig anderes übrig, als Garneau beeindruckt und vom Fleck weg zu einer Vertragsunterzeichnung zu nötigen.

    Zurück zu den Referenzen: Garneau steht in direkter Tradition ambitionierter, stimmgewaltiger Künstler, die trotz intimster Texte und fesselnder Intonation zu kantig für den Mainstream sind. Ähnlich wie Patrick Wolf, Regina Spektor, Matt Hales (Aqualung) oder Sufjan Stevens bezieht auch Garneau Position zum Indie-Kontext, distanziert sich durch Pose und ein gesundes Maß an Selbstironie von Pop-Klischees. Und trotzdem könnte Garneau für das kleine Label Absolutely Kosher einen großen Schritt nach vorne bedeuten: Bei aller Intimität fesselt Garneau, zwingt zum Hinhören, zur Anteilnahme an dem, was ihn zweifeln lässt: Seine Geschichten über Mord und Totschlag, Lügen, Vergessen, Verdrängung gehen zwar stellenweise mit einer gehörigen Portion emotionaler Verquastheit einher. Dennoch machen sie aus »Music For Tourists« ein Manifest wider die Leichtigkeit und für das Hadern mit dem Leben.

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