Chris Dercon vs. Anselm Haverkamp: „… nicht einfach Atmosphären aus schlechten Buletten“

EIner geht schon noch, oder? Chris Dercon (l.) und Anselm Haverkamp. Foto: Norman Behrendt

Chris Dercon verlässt die Berliner Volksbühne. Wie Berliner Zeitung und Berliner Kurier übereinstimmend melden, ist der Belgier schon Anfang der Woche zurückgetreten. Seine turbulente Intendanz endet damit nach nur einem Dreivierteljahr. Sie war begleitet von Skepsis, Feindseligkeit und Protestaktionen des eingesessenen Berliner Theaterbetriebs. In der Kritik stand Dercon, der zuvor Direktor der Tate Modern war, vor allem wegen der Befürchtung, er könne das traditionsreiche Sprechtheater zur „Eventbühne“ umbauen.

SPEX-Autor Cord Riechelmann traf sich zu Beginn von Dercons Amtszeit mit dem Intendanten sowie dem Philosophen und Literaturwissenschaftler Anselm Haverkamp zu einem Gespräch im Rahmen unserer Serie „Wahlverwandtschaften“. Das folgende Interview ist ursprünglich in SPEX No. 376 erschienen.

Chris Dercon, Sie sind als aus der bildenden Kunst kommender Kurator zum Leiter eines Sprechtheaters geworden; Anselm Haverkamp, Sie beschäftigen sich als Literaturwissenschaftler immer schon mit dem Theater als Erfahrungsraum. Wie sind Sie zu Wahlverwandten geworden?
Chris Dercon: Ich bin neulich zu Anselm und auch zum Philosophen Hans Blumenberg wieder über den Schriftsteller Ben Lerner zurückgekommen. Lerner hat im Katalog zur Ausstellung The Boat Is Leaking. The Captain Lied in Venedig sehr schöne Sonette publiziert, in denen er über das Theater spricht, über die Rolle von Schauspielern und Nicht-Schauspielern, also über Performer. Ich fand es interessant, dass ein Schriftsteller wie Lerner in einem Buch zu einer Ausstellung, in der ein bildender Künstler wie Thomas Demand, eine Bühnenbildnerin wie Anna Viebrock und ein Filmemacher und Autor wie Alexander Kluge zusammenkommen, über Performer schreibt.

Wenn man Texte von Ihnen beiden betrachtet, sind die herausragenden Referenzen in der Regel französisch: bei Chris Dercon Deleuze, bei Anselm Haverkamp Derrida.
Anselm Haverkamp: Derrida ist natürlich ein Bezugspunkt, aber ich bin kein Derridarianer, und genau deswegen habe ich mich mit ihm gut verstanden. Er wollte diesen Riesenfanclub nicht. Er wollte sich mit jemandem über seine Sachen unterhalten und nicht hören, was er schon einmal gesagt hatte. Derrida gehört zu einer wichtigen Denkbewegung, die mir meine eigene Situation klarer gemacht hat. Es gibt eine massive historische Schwelle, mit der ich mich beschäftigt habe, weil ich gar nicht anders konnte, nämlich die Nachkriegszeit. Philosophisch war diese Zeit durch eine doppelte Konditionierung geprägt: auf der einen Seite durch die Masse der Nazis und ihre Überzeugung, keine Nazis gewesen zu sein, und auf der anderen Seite durch den überwältigenden Einfluss der Philosophie Heideggers. Das konnte man schlecht miteinander verbinden. Die Probleme irrten in der deutschen Philosophie als nachheideggersche Probleme sozusagen vaterlos herum, weil keiner etwas damit zu tun gehabt haben wollte. Die Franzosen zeigten den Deutschen dann, was da stand, und das war das Komische: Ohne die Franzosen wäre Heidegger nicht mehr interessant geworden. In der Nachkriegszeit gab es eine Schwelle, eine starke Veränderung. Da fingierten die Leute, etwas gewesen zu sein, was sie nicht waren. So wie in der Nachwendezeit manche Rezipienten die DDR zeigen wollten, wie die DDR nie war. Dadurch bin ich auf den freudschen Begriff der Latenz gekommen, weil mir die Performanz nicht gereicht hat. Performanz ist gut, nur ist sie erfolgsorientiert. Sie ist eine Oberflächenkonstellation, die nicht wissen will, warum sie erfolgreich ist, die nicht wissen will, was darunter ist.

„Das Unfertige ist das, was wir am Regietheater vermissen und brauchen. Das Unfertige finde ich in der Poesie. Und im Tanz.“

– Chris Dercon

Aber was bedeutet die Spannung zwischen Latenz und Performanz für die Kunst und da im Besonderen für das Sprechtheater?
CD: Es gibt immer wieder verborgene Seiten, über die man vielleicht sogar sprechen, die man aber nicht leben oder in Handlungen überführen kann. Deshalb hat mich die Figur des fraudeurs, des Störers, in Ben Lerners Sonetten so eingenommen. Wenn ich jetzt höre: „Dercon kennt sich im Theater nicht aus“, dann denke ich, es ist doch interessant, innerhalb eines Feldes den fraudeur spielen zu können. Ich werde beschuldigt, jemand zu sein, der ich nicht bin – aber vielleicht bin ich es doch. Damit muss ich mich beschäftigen, und damit komme ich zurück und suche tiefgründige Auseinandersetzungen nicht mehr in den unzweideutigen, oberflächlichen Bildern der Gegenwartskunst, sondern im Theater.

AH: Wir müssen auch überlegen: Was ist denn Theater? Es ist ja nicht so, als hätte es Theater immer gegeben. Zum Beispiel sind die Raumbedingungen des shakespearschen Theaters zuerst von der oberitalienischen Renaissancemalerei entworfen worden. Da wurden Raumkonzepte erfunden, die sich bei Shakespeare manifestiert haben. Der Raum im Theater ist begrenzt, und die Begrenzungen stehen häufig nicht im Text.

CD: Die Raumbedingungen sind nur teilweise vom Theatrum mundi beeinflusst. Ich glaube, dass Shakespeare sehr viel zu tun hat mit den Problemen, eine Demokratie in Großbritannien zu schaffen: Das Theater ist eine Karikatur der Gründungsgesellschaft in England.

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